»Ich verstehe nicht.«
Die Macht dieses Ortes - Springer übermittelte das Bild eines in Stein gemeißelten Wolfes – ist deine Macht. Der Wolf dachte einen Augenblick lang nach. Halte stand. Weiche nicht. Sei du selbst.
Und der Wolf erhob sich und duckte sich sprungbereit zusammen, als wollte er auf Perrin zulaufen.
Verwirrt stellte Perrin sich so vor, wie er war, das Bild hielt er dann in seinem Kopf so fest, wie er nur konnte.
Springer jagte los, stieß sich ab und krachte mit seinem Körper in Perrin hinein. Das hatte er schon früher getan und Perrin damit irgendwie aus dem Wolfstraum gezwungen.
Aber dieses Mal war Perrin darauf vorbereitet und wartete ab. Instinktiv stieß er zurück. Um ihn herum verschwamm der Wolfstraum, nahm wieder feste Konturen an. Springer prallte von ihm ab, obwohl der schwere Wolf ihn eigentlich zu Boden hätte schicken müssen.
Springer schüttelte den Schädel, als wäre er benommen. Gut. Er klang erfreut. Gut. Du lernst. Wieder einmal.
Perrin konnte sich noch gerade rechtzeitig konzentrieren, bevor Springer ein zweites Mal gegen ihn prallte. Er knurrte, blieb aber standhaft.
Hier, übermittelte Springer ihm das Bild eines Kornfelds. Springer verschwand, und Perrin folgte ihm. Sobald er erschien, krachte der Wolf mit Geist und Körper in ihn hinein.
Dieses Mal stürzte Perrin, und alles verschwamm. Er fühlte, wie er fortgestoßen wurde, wie man ihn aus dem Wolfstraum in seine normalen Träume zwang.
Nein!, dachte er und klammerte sich an dem Bild fest, wie er in diesem Feld kniete. Er war da. Er stellte es sich bewusst und real vor. Er roch das Korn, die schwüle Luft, die den Geruch von Erde und herabgefallenen Blättern herantrug.
Die Landschaft verfestigte sich. Keuchend kniete er auf dem Boden, aber er befand sich noch immer im Wolfstraum.
Gut, übermittelte Springer. Du lernst schnell.
»Es gibt keine andere Möglichkeit«, sagte Perrin und stand auf.
Die Letzte Jagd kommt, stimmte Springer ihm zu und übermittelte das Bild des Weißmäntellagers.
Perrin folgte ihm und wappnete sich. Der Angriff ließ auf sich warten. Er sah sich nach dem Wolf um.
Etwas krachte gegen sein Bewusstsein. Da war keine Bewegung, sondern nur der geistige Angriff. Er war nicht so stark wie zuvor, aber er kam unerwartet. Nur mit Mühe könnte Perrin ihn abwehren.
Springer fiel aus der Luft und landete anmutig auf dem Boden. Sei immer bereit. Immer, aber vor allem, wenn du in Bewegung bist. Die Botschaft zeigte das Bild eines vorsichtigen Wolfes, der witterte, bevor er sich auf ein offenes Feld wagte.
»Ich verstehe.«
Aber nicht zu verbissen festklammern, schalt Springer ihn.
Sofort zwang sich Perrin dazu, sich an Faile und seinen Schlafplatz zu erinnern. Sein Zuhause. Er … verblasste. Seine Haut wurde nicht durchsichtig, und der Wolfstraum veränderte sich nicht, aber er fühlte sich ungeschützter.
Gut. Sei immer bereit, aber nie festklammern. Als würdest du einen Welpen im Maul tragen.
»Dieses Gleichgewicht zu halten wird nicht einfach sein«, sagte Perrin.
Springer roch leicht verwirrt. Natürlich war das schwer. Perrin lächelte. »Und nun?« Laufen. Dann noch mehr üben.
Der Wolf stürmte los und schoss als grauer und silbriger Schemen auf die Straße zu. Perrin folgte ihm. Er spürte Springers Entschlossenheit – ein Geruch, der seltsamerweise viel Ähnlichkeit mit der Weise hatte, wie Tarn roch, wenn er die Flüchtlinge im Kampf unterrichtete. Das ließ Perrin lächeln.
Sie rannten die Straße entlang, und Perrin übte sich darin, sich nicht übertrieben an den Traum festzuklammern, dabei aber jeden Moment bereit zu sein, sein Ich zu verstärken. Springer griff ihn immer wieder an und versuchte, ihn aus dem Traum zu werfen. Sie machten damit weiter, bis Springer unvermittelt stehen blieb.
Perrin machte noch ein paar Schritte und überholte den Wolf, bevor auch er stehen blieb. Vor ihm war etwas. Eine durchscheinende violette Mauer, die quer über die Straße verlief. Sie erstreckte sich hoch in den Himmel und verlor sich rechts und links in der Ferne. » Springer? Was ist das?«
Falschheit. Es sollte nicht hier sein. Der Wolf roch wütend.
Perrin tastete nach der Mauer, zögerte dann aber. Sie sah wie Glas aus. Er hatte noch nie etwas Vergleichbares im Wolfstraum gesehen. Konnte das so etwas wie die Blasen des Bösen sein? Er schaute wieder in den Himmel.
Plötzlich blitzte die Mauer auf und war verschwunden. Perrin stolperte blinzelnd zurück. Er schaute nach Springer. Der Wolf hockte auf den Hinterbeinen und starrte die Stelle an, an der sich eben noch die Mauer befunden hatte. Komm, junger Bulle, sagte der Wolf schließlich und stand auf. Wir üben an einem anderen Ort.
Geschmeidig lief er los. Perrin schaute wieder auf die Straße. Was auch immer diese Mauer gewesen war, sie hatte kein sichtliches Zeichen ihrer Existenz zurückgelassen.
Beunruhigt folgte Perrin dem Wolf.
»Verflucht, wo sind diese Bogenschützen!« Rodel Ituralde erklomm den Hügelkamm. »Sie sollten schon vor einer Stunde auf den vorderen Türmen Aufstellung genommen haben, um die Armbrustmänner abzulösen!«
Vor ihm tobte und brüllte und schrie und wütete die Schlacht. Eine Horde Trollocs hatte den Fluss auf Flößen und einer primitiven Pontonbrücke aus Baumstämmen überquert. Trollocs hassten es, Wasser zu überqueren. Es brauchte viel, damit sie so etwas taten.
Was auch der Grund dafür war, warum diese Befestigung so nützlich war. Der Hügel führte zu der einzig vernünftigen Furt im Umkreis vieler Meilen. Im Norden brodelten Trollocs durch einen Pass aus der Großen Fäule und stürmten direkt zum Fluss Arinelle. Nachdem man sie hinübergetrieben hatte, standen sie dem Hügel gegenüber, der von Gräben durchzogen und voller Bollwerke war und auf dessen Kamm sich Schützentürme erhoben. Kam man aus der Großen Fäule, war die Stadt Maradon allein über diesen Hügel zu erreichen.
Die ideale Position, um eine bedeutend größere Streitmacht aufzuhalten, aber selbst die beste Befestigung konnte gestürmt werden, vor allem wenn die Männer vom wochenlangen Kampf erschöpft waren. Die Trollocs hatten den Fluss überquert und sich im Pfeilhagel den Hügel hinaufgekämpft, waren in die Gräben gestürzt und mühten sich ab, die hohen Bollwerke zu übersteigen.
Der Hügelkamm war oben ganz flach; dort hatte Ituralde seinen Befehlsstand, im Oberlager. Er rief Befehle, während er hinunter auf die miteinander verwobene Masse aus Gräben, Bollwerken und Türmen schaute. Trollocs starben durch die Pikenmänner hinter einem der Bollwerke. Ituralde sah zu, bis der letzte Trolloc – ein gewaltiges Biest mit dem Antlitz eines Widders – aufbrüllte und mit drei Piken im Leib starb.
Es sah aus, als würde schon der nächste Ansturm kommen, die Myrddraals trieben eine weitere Horde Trollocs durch den Pass. Genug Leichen waren in den Fluss gefallen, dass er im Augenblick verstopft war und sich rot verfärbte; die Kadaver boten den Neuankömmlingen einen festen Halt.
»Bogenschützen!«, brüllte Ituralde. »Wo sind die verdammten …«
Endlich rannte eine Kompanie Bogenschützen an ihm vorbei, ein Teil der von ihm zurückgehaltenen Reserve. Die meisten von ihnen hatten die kupferfarbene Haut der Domani, allerdings gab es auch ein paar vereinzelte Taraboner. Sie trugen alle möglichen Arten von Bögen: die schmalen Langbögen der Domani, schlangenhafte Kurzbögen aus Saldaea, die man aus Wachtposten oder Dörfern requiriert hatte, sogar ein paar der großen Langbögen aus den Zwei Flüssen.