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»Lidrin!«, rief Ituralde. Der junge Offizier mit den harten Augen eilte über den Hügel auf ihn zu. Lidrins braune Uniform war abgenutzt und dreckig an den Knien, aber nicht, weil er nachlässig war, sondern weil es Zeiten gab, an denen seine Männer ihn dringender brauchten, als es seine Wäsche tat.

»Begleitet die Bogenschützen zu den Türmen«, sagte Ituralde. »Diese Trollocs werden einen weiteren Sturmangriff versuchen. Ich will nicht, dass noch eine Abteilung den Durchbruch nach oben schafft, verstanden? Wenn sie unsere Position erobern und gegen uns benutzen, ist mein Morgen versaut. «

Die Bemerkung ließ Lidrin nicht lächeln, wie sie es einst vielleicht geschafft hätte. Überhaupt lächelte er nicht mehr oft, für gewöhnlich nur dann, wenn er einen Trolloc getötet hatte. Er salutierte und eilte hinter den Bogenschützen her.

Ituralde drehte sich um und schaute die andere Hügelseite hinunter. Dort war das Unterlager aufgebaut, im Schatten des hohen Hügels. Ursprünglich war dieser Hügel eine natürliche Geländeformation gewesen, aber die Saldaeaner hatten ihn im Laufe der Jahre ausgebaut. Nun führte auf der einen Seite ein lang gezogener Abhang zum Arinelle, während es auf der anderen Seite steil nach unten ging. Im Unterlager konnten seine Soldaten schlafen und essen, dort konnte man ihre Ausrüstung beschützen, da der steile Hügel, auf dem Ituralde nun stand, alles vor feindlichen Pfeilen schützte.

Beide Lager, Unterlager und Oberlager, waren zusammengewürfelt. Einige Zelte hatte man in saldaeanischen Dörfern gekauft, andere stammten aus Arad Doman, Dutzende waren mit Wegetoren aus dem ganzen Land gebracht worden. Viele waren diese gewaltigen cairhienischen Ungetüme mit Streifenmustern. Sie hielten den Regen von seinen Männern fern, und das reichte.

Auf jeden Fall wussten die Saldaeaner, wie man Befestigungen zu bauen hatte. Hätte Ituralde sie doch bloß dazu überreden können, ihr Versteck in Maradon zu verlassen und ihm zu helfen.

»Wo verflucht…«

Ituralde unterbrach sich, als etwas den Himmel verfinsterte. Ihm blieb kaum genug Zeit für einen Fluch und sich zur Seite zu werfen, als große Gegenstände einen steilen Bogen beschrieben und von oben auf das Oberlager herabregneten, wo sie Schreie der Verwirrung und der Schmerzen auslösten. Das waren keine Steine, das waren Leichen. Die riesigen Körper toter Trollocs. Das Heer des Schattengezüchts hatte endlich seine Katapulte aufgebaut.

Ein Teil von Ituralde war beeindruckt, dass er sie dazu getrieben hatte. Das Belagerungsgerät war zweifellos für den Angriff auf das ein Stück weiter südlich liegende Maradon mitgebracht worden. Die Katapulte auf der anderen Seite der Furt aufzustellen, um stattdessen Ituraldes Linien anzugreifen, würde das Schattengezücht nicht nur verlangsamen, sondern seine Wurfmaschinen auch seinem Gegenfeuer aussetzen.

Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass sie mit Kadavern schmissen. Er fluchte, als sich der Himmel wieder verdunkelte und noch mehr Leichen herabfielen, die Zelte umstürzten und Soldaten zerschmetterten.

»Heiler!«, brüllte Ituralde. »Wo stecken diese Asha’man?« Seit Beginn dieser Belagerung hatte er den Asha’man einiges abverlangt. Hatte sie bis an den Rand der Erschöpfung getrieben. Jetzt hielt er sie zurück und setzte sie nur dann ein, wenn die Angriffe der Trollocs zu nahe an das Oberlager herankamen.

»Herr!« Ein junger Bote mit Dreck unter den Fingernägeln kam von der Frontlinie heraufgeklettert. Sein Domanigesicht war aschfahl, und er war noch immer zu jung, um sich einen vernünftigen Schnurrbart wachsen zu lassen. »Hauptmann Finsas meldet, dass das Schattengezücht Katapulte in Reichweite bewegt. Er hat sechzehn gezählt.«

»Richte Hauptmann Finsas aus, dass sein Gespür für den Augenblick besser sein könnte«, knurrte Ituralde.

»Es tut mir leid, mein Lord. Sie rollten sie durch den Pass, bevor uns klar wurde, was dort vor sich geht. Die erste Salve traf unseren Wachtposten. Lord Finsas wurde verwundet.«

Ituralde nickte; Rajabi traf ein, um im Oberlager den Befehl zu übernehmen und sich um die Verletzten zu kümmern. Viele Leichen waren auch im Unterlager eingeschlagen. Die Katapulte verfügten über die nötige Reichweite, den Hügel zu überwinden und seine Männer in dem vormals geschützten Terrain zu treffen. Er würde das Unterlager weiter nach hinten verlegen müssen, weiter auf der Ebene auf Maradon zu, was die Reaktionszeit verlängerte. Verdammte Asche.

Früher habe ich nicht so viel geflucht, dachte er. Die Schuld dafür trug der Junge, der Wiedergeborene Drache. Rand al’ Thor hatte Ituralde Versprechungen gemacht, einige waren deutlich ausgesprochen geworden, andere unterschwellig. Versprechungen, Arad Doman vor den Seanchanern zu beschützen. Versprechungen, dass Ituralde überleben würde, statt in einer Falle der Seanchaner zu sterben. Versprechungen, ihm etwas zu tun zu geben, etwas Wichtiges, etwas von entscheidender Bedeutung. Etwas Unmögliches.

Halte den Schatten zurück. Kämpfe, bis Hilfe eintrifft.

Wieder verfinsterte sich der Himmel, und Ituralde duckte sich in den Befehlspavillon, der ein Holzdach als Schutz gegen Belagerungswaffen hatte. Er hatte mit Querschlägern durch kleine Steine gerechnet, nicht mit Leichen. Die Männer beeilten sich, die Verletzten in die relative Sicherheit des Unterlagers zu bringen und von dort aus weiter über die Ebene nach Maradon. Rajabi kümmerte sich darum. Der Mann hatte einen Hals so dick wie eine zehnjährige Esche, und seine Arme waren fast genauso breit. Er hinkte, sein linkes Bein war im Kampf verletzt und unterhalb des Knies amputiert worden. Aes Sedai hatten ihn Geheilt, so gut das möglich war, und er ging auf einem Holzbein. Er hatte sich geweigert, zusammen mit den Schwerverletzten durch Wegetore evakuiert zu werden, und Ituralde hatte ihn nicht dazu gezwungen. Man verzichtete auf keinen guten Offizier, nur weil er eine Wunde hatte.

Ein junger Offizier zuckte zusammen, als ein aufgedunsener Kadaver auf dem Pavillon landete. Der Offizier – Zhell – hatte nicht die kupferfarbene Haut eines Domani, obwohl er einen Schnurrbart und auf der Wange einen Schönheitsflecken in Form eines Pfeils trug.

Hier konnten sie den Trollocs nicht mehr lange standhalten, nicht mit der Mannstärke, die sie in die Schlacht warfen. Ituralde würde zurückweichen müssen, Meter für Meter, immer weiter nach Saldaea hinein, immer weiter in Richtung Arad Doman. Seltsam, wie er sich immer in Richtung seiner Heimat zurückzog. Zuerst aus dem Süden, jetzt aus dem Nordosten.

Arad Doman würde zwischen den Seanchanern und den Trollocs zermalmt werden. Du solltest besser dein Wort halten, mein Junge.

Unglücklicherweise konnte er sich nicht nach Maradon zurückziehen. Die Saldaeaner hatten unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass sie Ituralde und den Wiedergeborenen Drachen als Invasoren betrachteten. Verdammte Narren. Wenigstens hatte er die Chance, diese Belagerungsmaschinen zu zerstören.

Eine weitere Leiche traf den Befehlspavillon, aber das Dach hielt. Dem Gestank und in manchen Fällen dem Platschen dieser toten Trollocs nach zu urteilen, benutzten sie für diesen Angriff nicht die gerade eben verstorbenen. Zuversichtlich, dass sich seine Offiziere um ihre Pflichten kümmerten – jetzt war nicht der Augenblick, sich da einzumischen -, verschränkte Ituralde die Hände auf dem Rücken. Bei seinem Anblick standen Soldaten sowohl innerhalb wie auch außerhalb des Pavillons etwas aufrechter. Der beste Plan funktionierte nur so lange, bis der erste Pfeil traf, aber ein entschlossener, unnachgiebiger Befehlshaber konnte mit seiner Haltung Ordnung ins Chaos bringen.

Über ihren Köpfen brodelte der Sturm. Dort hingen silberne und schwarze Wolken wie ein Kochtopf über einem Feuer; an den Rändern des verhärteten Ruß schimmerte Stahl durch. Es war unnatürlich. Er musste seine Männer sehen lassen, dass er sich davor nicht fürchtete, selbst wenn Leichen auf sie herabregneten.

Verwundete wurden davongetragen, und die Männer im Unterlager fingen an, es abzubrechen, um ein Stück weiter nach hinten zu ziehen. Ituralde ließ seine Bogenschützen und Armbrustmänner weiterschießen, die Pikenmänner hinter den Bollwerken hielten sich bereit. Ihm stand eine ordentliche Kavallerie zur Verfügung, aber in diesem Gelände konnte er sie nicht einsetzen.