»Verdammte Asche. Ich tötete Couladin, aber das war alles andere als ein Duell! Ich stieß auf dem Schlachtfeld auf ihn, und einer von uns beiden musste sterben. Und ich wollte es verdammt noch mal nicht sein.«
»Interessant«, sagte Guybon. »Ich dachte mir schon, dass das stimmt. Zumindest gehörte es zu den wenigen Geschichten, die wahr sein könnten. Im Gegensatz zu…« Er verstummte.
»Im Gegensatz wozu?« Sie kamen an einigen Sälen vorbei, wo sich Diener versammelt hatten und sie untereinander tuschelnd betrachteten.
Guybon schien zu zögern. »Ihr habt das sicherlich gehört.«
»Zweifelhaft.« Sollte man ihn doch zu Asche verbrennen! Was kam denn jetzt? Hatten die Mitglieder der Bande diese Gerüchte unters Volk gebracht? Aber selbst ihnen waren viele dieser Dinge unbekannt!
»Nun, es gibt da dieses Gerücht, dass Ihr das Reich des Todes betreten habt, um ihn herauszufordern, und Antworten auf Eure Fragen verlangt habt.« Guybon sah richtig verlegen aus. »Und dass er Euch diesen Speer gab, den Ihr da haltet, und Euch Euren Todestag verriet.«
Mat verspürte ein Frösteln. Das lag nahe genug an der Wahrheit, um erschreckend zu sein.
»Albern, ich weiß«, sagte Guybon.
»Aber ja«, erwiderte Mat. »Albern.« Er wollte lachen, aber es wurde ein Husten daraus. Guybon sah ihn neugierig an.
Beim Licht!, wurde Mat klar, er glaubt, ich weiche der Frage aus! »Das sind natürlich nur Gerüchte«, sagte er schnell. Vielleicht zu schnell. Blut und verdammte Asche!
Guybon nickte nachdenklich.
Mat wollte das Thema wechseln, traute sich aber nicht, den verdammten Mund aufzumachen. Ihm fiel auf, dass immer mehr Palastdiener stehen geblieben waren, um sich die Prozession anzusehen. Das hätte ihn am liebsten noch mehr fluchen lassen, aber dann fiel ihm auf, dass sich die meisten auf Thom zu konzentrieren schienen.
Thom war in Caemlyn Hofbarde gewesen. Er sprach nie darüber, aber Mat wusste, dass er sich mit der Königin entzweit hatte. Seitdem hatte er im Grunde im Exil gelebt und Caemlyn nur betreten, wenn es nicht anders ging.
Morgase war mittlerweile tot, also kehrte Thom nun anscheinend aus seinem Exil zurück. Vermutlich hatte er sich deswegen so prächtig angezogen. Mat warf einen Blick auf seinen Mantel. Verflucht, ich hätte doch etwas Netteres anziehen sollen.
Guybon führte sie zu einer mit Schnitzwerk verzierten Tür, die den brüllenden Löwen von Andor zeigte. Er klopfte leise, hörte die Aufforderung zum Eintreten und bedeutete Mat, die Tür zu öffnen. »Die Königin empfängt Euch in ihrem Wohnzimmer. «
»Thom, du kommst mit mir«, sagte Mat. »Talmanes, Ihr passt auf die Soldaten auf.« Der Adlige sah tief enttäuscht aus, aber Elayne würde ihn zweifellos in Verlegenheit bringen, und er wollte nicht, dass Talmanes das mitbekam. »Ich stelle Euch später vor«, versprach er. Verdammte Adlige. Dauernd hielten sie alles für eine Beleidigung ihrer Ehre. Er wäre begeistert gewesen, draußen warten zu können!
Er trat vor die Tür, holte tief Luft. Er hatte in einem Dutzend Scharmützeln und Schlachten gekämpft, ohne die geringste Nervosität zu verspüren, letzt zitterten ihm die Hände. Warum hatte er nur das Gefühl, sich ohne Rüstung mitten in einen Hinterhalt zu begeben?
Elayne. Als Königin. Verdammt, das würde jetzt wehtun. Er öffnete die Tür und trat ein.
Sein Blick fand Elayne sofort. Sie saß vor einem Kamin und hielt eine Tasse in der Hand, die allem Anschein nach Milch enthielt. Sie sah blendend aus in ihrem dunkelroten und goldenen Kleid. Wunderschöne, volle rote Lippen, gegen deren Kuss er nichts einzuwenden gehabt hätte, wäre er nicht ein verheirateter Mann gewesen. Ihr rotblondes Haar schien im Licht des Kamins zu leuchten, und ihre Wangen waren rosig. Sie schien etwas an Gewicht zugelegt zu haben. Das erwähnte er aber besser nicht. Oder erst recht? Manchmal gerieten Frauen in Wut, wenn man erwähnte, dass sie anders aussahen, und manchmal gerieten sie in Wut, wenn man es nicht bemerkte.
Sie war ein hübsches Ding. Natürlich nicht so hübsch wie Tuon. Dazu war Elayne zu blass und zu groß und hatte viel zu viel Haar. Das lenkte nur ab. Dennoch war sie hübsch. Eigentlich eine Verschwendung, dass sie Königin war. Sie hätte eine ausgezeichnete Schankmagd abgegeben. Nun ja. Irgendjemand musste ja die Königin sein.
Mat warf Birgitte einen Blick zu, die die einzige andere Person im Raum war. Sie sah aus wie immer. Wie eine Heldin aus den verdammten Märchen mit diesem goldenen Zopf und den hochschäftigen Stiefeln. Was sie ja auch war. Es war schön, sie wiederzusehen; die einzige Frau, von der er wusste, dass sie keine Szene machen würde, wenn er die Wahrheit aussprach.
Thom trat hinter ihm ein, und Mat räusperte sich. Sie würde von ihm erwarten, der Etikette zu gehorchen. Nun, er würde sich weder verneigen noch einen Kratzfuß machen, und vor allem würde er nicht…
Elayne sprang auf. Sie rannte durch den Raum, während Birgitte die Tür schloss. »Thom, ich bin so froh, dass du wohlauf bist! « Elayne riss ihn in eine Umarmung.
»Hallo, meine Liebe«, sagte Thom liebevoll. »Wie ich gehört habe, geht es dir und Andor gut.«
Elayne weinte! Verwirrt nahm Mat den Hut ab. Sicher, Thom und Elayne hatten sich nahegestanden, aber Elayne war jetzt die Königin. Sie wandte sich Mat zu. »Es ist auch gut, dich zu sehen, Mat. Glaub nicht, dass die Krone vergessen hat, welche Dienste du mir erwiesen hast. Thom zurück nach Andor zu bringen ist eine weitere Schuld, die wir einlösen müssen.«
»Nun, äh«, sagte Mat. »Das ist nichts Besonderes, weißt du, Elayne. Verdammt. Du bist Königin! Wie ist das so?«
Elayne lachte und ließ Thom endlich los. »Du bist immer so wortgewandt, Mat.«
»Ich verbeuge mich aber nicht vor dir oder so«, warnte er. »Oder mühe mich mit Unsinn wie ›Euer Majestät‹ ab.«
»Das habe ich auch nicht erwartet«, sagte Elayne. »Es sei denn natürlich, wir sind in der Öffentlichkeit. Ich meine, für das Volk muss man den Schein waren.«
»Das ist wohl wahr«, stimmte Mat ihr zu. Das machte Sinn. Er streckte Birgitte die Hand entgegen, aber sie kicherte nur und umarmte ihn, schlug ihm wie einem alten Kumpel, den man zu einem Becher Ale traf, auf den Rücken. Und vielleicht waren sie das ja auch. Nur ohne Ale.
Er hätte ein Ale gebrauchen können.
»Kommt, setzt euch«, sagte Elayne und zeigte auf die Stühle am Feuer. »Es tut mir leid, dass ich dich so lange habe warten lassen, Mat.«
»Das macht nichts«, erwiderte er. »Du hast viel zu tun.«
»Es ist peinlich. Einer meiner Statthalter hat dich in dieselbe Kategorie wie die Söldner eingestuft. Es ist so schwierig, sie alle im Kopf zu behalten! Wenn du magst, gebe ich dir die Erlaubnis, näher an der Stadt zu lagern. Ich fürchte, innerhalb der Stadtmauer ist nicht genug Platz für die Bande.«
»Das wird nicht nötig sein«, sagte Mat und setzte sich auf einen der Stühle. »Trotzdem vielen Dank.« Thom setzte sich, und Birgitte blieb lieber stehen, obwohl sie sich am Kamin zu ihnen gesellte und gegen die Steine lehnte.
»Du siehst gut aus, Elayne«, sagte Thom. »Mit dem Kind ist alles so, wie es sein sollte?«
»Kinder«, verbesserte Elayne ihn. »Es werden Zwillinge. Und ja, alles ist gut. Einmal davon abgesehen, dass man mich bei jeder Gelegenheit abtastet und untersucht.«
»Warte«, sagte Mat. » Was?« Er warf einen erneuten Blick auf Elaynes Bauch.
Thom verdrehte die Augen. »Hörst du eigentlich nie zu, wenn du in der Stadt spielst?«
»Ich höre sehr wohl zu «, murmelte Mat. » Normalerweise.« Er warf Elayne einen anklagenden Blick zu. »Weiß Rand darüber Bescheid?«
Sie lachte. »Ich hoffe, er ist nicht zu überrascht.«
»Da soll man mich doch zu Asche verbrennen!«, sagte Mat. »Er ist der Vater!«
»Der Vater meiner Kinder ist in der Stadt Anlass zu vielen Spekulationen«, sagte Elayne ernst. »Und im Augenblick zieht es die Krone vor, dass es auch Spekulationen bleiben. Aber genug von mir! Thom, du musst mir alles erzählen. Wie seid ihr aus Ebou Dar entkommen?«