»Es wäre nicht unvernünftig, die …«
»Wir würden tun müssen, was du sagst, Elayne«, erwiderte Mat. »Das lasse ich nicht zu. Manche Schlachten sind die Mühe nicht wert, und ich entscheide, wofür meine Männer den Hals riskieren. Und damit ist diese Diskussion beendet.«
»Es gefällt mir nicht, Männer zu haben, die mich jederzeit verlassen können.«
»Du weißt, dass ich sie nicht zurückhalten würde, nur um dir eins auszuwischen«, sagte Mat. »Ich tue, was richtig ist.«
»Was du für richtig hältst«, korrigierte sie ihn.
»Jeder Mann sollte diese Möglichkeit haben«, erwiderte er.
»Nur wenige Männer nutzen sie weise.«
»Wir wollen sie trotzdem. Wir verlangen sie.«
Beinahe verstohlen warf sie sie einen Blick auf die Konstruktionspläne und das Medaillon auf dem Tisch. »Du hast sie«, sagte sie.
»Einverstanden«, sagte er, spuckte in die Hand und streckte sie aus.
Sie zögerte, dann stand sie auf, spuckte in die Hand und hielt sie ihm hin. Er lächelte und schüttelte sie.
»Hast du gewusst, dass ich dich möglicherweise bitten würde, gegen die Zwei Flüsse ins Feld zu ziehen?«, fragte sie. »Hast du darum auf dem Recht bestanden, weiterziehen zu können, wenn du willst?«
Gegen die Zwei Flüsse? Warum beim Licht sollte sie so etwas tun wollen? »Du brauchst nicht gegen sie zu kämpfen, Elayne.«
»Wir werden sehen, wozu mich Perrins Streitkräfte zwingen«, erwiderte sie. »Aber lass uns das nicht jetzt besprechen.« Sie warf Thom einen Blick zu, dann griff sie unter den Tisch und holte eine mit einer Schleife versehene Papierrolle hervor. »Bitte. Ich möchte mehr über eure Erlebnisse während eurer Flucht aus Ebou Dar hören. Wollt ihr heute Abend mit mir essen?«
»Wir wären entzückt«, sagte Thom und stand auf. »Nicht wahr, Mat?«
»Ich schätze schon«, sagte Mat. »Wenn Talmanes kommen darf. Er reißt mir sonst die Kehle heraus, wenn ich nicht zulasse, dass du ihn kennenlernst, Elayne. Mit dir zu Abend zu essen wird ihn den ganzen Rückweg zum Lager tanzen lassen.«
Elayne kicherte. »Wie du magst. Ich lasse dir ein paar Räume zuweisen, in denen ihr euch bis dahin ausruhen könnt.« Sie gab Thom die Papierrolle. »Wenn du willst, wird das hier morgen verkündet.«
»Was ist das?«, fragte Thom stirnrunzelnd.
»Dem Hof von Andor fehlt ein begabter Hofbarde«, sagte sie. »Ich dachte, du wärst vielleicht interessiert.«
Thom zögerte. »Du ehrst mich, aber das kann ich leider nicht annehmen. In nächster Zeit habe ich ein paar Dinge zu erledigen, und ich kann mich nicht an den Hof fesseln.«
»Du musst dich auch nicht an den Hof fesseln«, sagte Elayne. »Du kannst kommen und gehen, wie du willst. Aber wenn du in Caemlyn bist, möchte ich, dass man dich als den erkennt, der du bist.«
»Ich …« Er nahm die Papierrolle. »Ich denke darüber nach, Elayne.«
»Ausgezeichnet.« Sie schnitt eine Grimasse. »Ich fürchte, ich habe jetzt eine Verabredung mit meiner Hebamme, aber ich sehe euch beim Essen. Ich habe noch gar nicht gefragt, was Matrim damit meinte, als er sich in seinem Brief als verheirateten Mann bezeichnete. Ich erwarte einen vollständigen Bericht! Und nicht zensiert!« Sie schenkte Mat ein durchtriebenes Lächeln. »Zensur bedeutet, dass man Teile weglässt, Mat. Für den Fall, dass du das verdammt noch mal nicht weißt.«
Er setzte den Hut auf. »Ich wusste es.« Beim Licht, warum hatte er in diesem Brief bloß seine Heirat erwähnt? Nun, weil er gehofft hatte, dass es Elayne neugierig genug machen würde, um ihn zu empfangen. Darum.
Elayne lachte und brachte sie zur Tür. Thom gab ihr einen väterlichen Kuss auf die Wange, bevor sie gingen – gut, dass er väterlich war! Mat hatte ein paar Dinge über die beiden gehört, die er nicht glauben wollte. Wo Thom doch alt genug war, um ihr Großvater zu sein.
Mat öffnete die Tür.
»Und Mat«, fügte Elayne hinzu, »falls du Geld für einen neuen Mantel brauchst, kann die Krone es dir leihen. Du solltest dich wirklich besser anziehen, wenn man deine Stellung bedenkt.«
Er drehte sich um. »Ich bin kein verfluchter Adliger!«
»Noch nicht«, sagte sie. »Du hast nicht Perrins Dreistigkeit, um dir selbst einen Titel zu verleihen. Ich sorge dafür, dass du einen bekommst.«
»Das wagst du nicht!«
»Aber…«
»Versteh doch«, fuhr er fort, als sich Thom zu ihm auf den Korridor gesellte. »Ich bin stolz darauf, wer ich bin. Und mir gefällt dieser Mantel. Er ist bequem.« Er ballte die Hände zu Fäusten und weigerte sich, sich am Hals zu kratzen.
»Wenn du es sagst«, sagte Elayne. »Ich sehe dich beim Essen. Ich muss Dyelin mitbringen. Sie ist sehr neugierig auf dich.«
Und damit ließ sie Birgitte die Tür schließen. Mat starrte sie einen Augenblick lang rachsüchtig an, dann wandte er sich Thom zu. Talmanes und die Soldaten warteten außer Hörweite ein kurzes Stück weiter den Korridor herunter. Palastdiener versorgten sie gerade mit warmem Tee.
»Das lief ja ganz gut«, sagte Mat und stützte die Hände in die Hüften. »Ich hatte ja Angst, dass sie beißt, aber ich glaube, ich habe sie gut mit der Angel an Land gezogen.« Obwohl die verdammten Würfel noch immer in seinem Kopf klapperten.
Thom lachte und hieb ihm auf die Schulter.
» Was denn?«, verlangte Mat zu wissen.
Thom kicherte bloß, dann schaute er auf die Papierrolle in seiner anderen Hand. »Und das kam auch unerwartet.«
»Nun, Andor hat tatsächlich keinen Hofbarden.«
»Ja«, sägte Thom und las das Papier. »Aber hier wird auch ein Straferlass für sämtliche bekannten und unbekannten Verbrechen verkündet, die ich möglicherweise in Andor oder Cairhien begangen habe. Ich frage mich, wer ihr erzählt hat, dass ich …«
»Ihr was erzählt hat?«
»Nichts, Mat. Gar nichts. Bis zum Abendessen sind es noch ein paar Stunden. Was hältst du davon, wenn wir losziehen und dir einen neuen Mantel kaufen?«
»Also gut«, sagte Mat. »Was meinst du, ob ich auch so einen Straferlass bekomme, wenn ich nett darum bitte?«
»Brauchst du denn einen?«
Mat zuckte mit den Schultern und ging mit ihm zusammen den Korridor entlang. »Kann ja nicht schaden. Was für einen Mantel willst du mir denn kaufen?«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn bezahle.«
»Sei nicht so kleinlich«, sagte Mat. »Ich bezahle das Essen.« Und verdammte Asche, irgendwie wusste er, dass er genau das tun würde.
20
Eine Entscheidung
Ihr dürft nicht sprechen«, sagte Rosil zu Nynaeve. Die schlanke Frau mit dem Schwanenhals trug ein orangefarbenes, gelb geschlitztes Kleid. »Das heißt, sprecht nur, wenn Ihr angesprochen werdet. Ihr kennt die Zeremonie?«
Nynaeve nickte. Ihr Herz pochte verräterisch, als sie die kerkerähnlichen Tiefen der Weißen Burg betraten. Rosil war die neue Oberin der Novizinnen und zufällig ein Mitglied der Gelben Ajah.
»Ausgezeichnet, ausgezeichnet«, versicherte ihr Rosil. »Darf ich vorschlagen, dass Ihr den Ring auf den dritten Finger Eurer linken Hand umsteckt?«
»Das dürft Ihr«, erwiderte Nynaeve, ließ den Ring aber da, wo er war. Man hatte sie bereits zur Aes Sedai erhoben. In diesem Punkt würde sie nicht nachgeben.
Rosil schürzte die Lippen, sagte aber nichts mehr. Während Nynaeves kurzer Zeit in der Weißen Burg war ihr die Frau mit einer bemerkenswerten Freundlichkeit begegnet – was eine Erleichterung gewesen war. Eigentlich hatte Nynaeve damit gerechnet, dass sie jede Gelbe Schwester mit Geringschätzung oder zumindest Gleichgültigkeit behandeln würde. Oh, sie hielten sie für talentiert, und viele bestanden darauf, von ihr unterrichtet zu werden. Aber sie betrachteten sie nicht als eine der ihren. Noch nicht.
Diese Frau war anders, und es war nicht richtig, eine Klette in ihrer Sandale zu sein. »Es ist mir wichtig, Rosil, dass ich der Amyrlin gegenüber nicht den Anschein von Respektlosigkeit erwecke«, erklärte sie. »Sie erhob mich zur Aes Sedai. Mich wie eine bloße Aufgenommene zu verhalten würde ihre Worte untergraben. Diese Prüfung ist wichtig – als mich die Amyrlin erhob, war nie davon die Rede, dass ich die Prüfung nicht ablegen muss. Aber ich bin eine Aes Sedai.«