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Rosil neigte den Kopf zur Seite und nickte dann. »Ja, ich verstehe. Ihr habt recht.«

Nynaeve blieb in dem dunklen Korridor stehen. »Ich möchte Euch und den anderen danken, die mich in den vergangenen Tagen willkommen geheißen haben, so wie Niere und Meramor. Ich hätte nicht geglaubt, von euch akzeptiert zu werden.«

»Einige widersetzen sich den Veränderungen, meine Liebe«, sagte Rosil. »Das wird immer so sein. Aber Eure neuen Gewebe sind beeindruckend. Und was viel wichtiger ist, sie sind effektiv. Damit habt Ihr Euch von mir ein herzliches Willkommen verdient.«

Nynaeve lächelte.

»Aber.« Rosil hob einen Finger. »Vielleicht seid Ihr ja in den Augen der Amyrlin und der Burg Aes Sedai, doch die Traditionen gelten noch immer. Also sprecht während dem Rest der Zeremonie nicht mehr, bitte.«

Die schlanke Frau ging weiter voraus. Nynaeve folgte ihr und verkniff sich jede Bemerkung. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Nerven sie beherrschten.

Sie kamen immer tiefer in die Burg, und trotz ihrer Entschlossenheit, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, verspürte sie eine ständig wachsende Nervosität. Sie war eine Aes Sedai, und sie würde diese Prüfung bestehen. Sie hatte die hundert Gewebe gemeistert. Sie brauchte sich keine Sorgen zu machen.

Allerdings kehrten manche Frauen nicht von der Prüfung zurück.

Diese Keller wiesen eine große Schönheit auf. Der glatte Steinboden war sorgfältig begradigt. Hoch an den Wänden brannten Lampen; vermutlich hatte sie eine Schwester oder eine Aufgenommene mit der Einen Macht entzünden müssen. Nur wenige Leute kamen hier herunter, und die meisten der Räume wurden als Lager benutzt. Nynaeve kam es wie eine Verschwendung vor, so viel Mühe für einen so selten benutzten Ort aufzuwenden.

Schließlich kamen sie zu einer Flügeltür von so gewaltigen Ausmaßen, dass Rosil sie mit der Einen Macht öffnen musste. Das ist ein Hinweis, dachte Nynaeve und verschränkte die Arme. Die Bogengänge, die riesige Tür. Das alles soll den Aufgenommenen zeigen, wie wichtig das ist, was sie nun tun.

Die gewaltigen, torähnlichen Türflügel schwangen auf, und Nynaeve zwang sich, ihre Nervosität zu bezwingen. Die Letzte Schlacht stand unmittelbar bevor. Sie würde diese Prüfung bestehen. Sie hatte wichtige Dinge zu erledigen.

Hoch erhobenen Hauptes betrat sie das Gemach. Es hatte eine Kuppeldecke, ringsum an den Wänden standen Kandelaber. Ein großes Ter’angreal dominierte die Mitte. Es handelte sich um ein oben und unten verjüngtes Oval, das ohne jede Stütze dort stand.

Viele Ter’angreale sahen ganz gewöhnlich aus. Das war hier nicht der Fall. Dieses Oval war offensichtlich mit der Einen Macht erschaffen worden. Es bestand aus Metall, aber das Licht veränderte die Farben, wenn es von den silbrigen Seiten reflektiert wurde, was den Eindruck erweckte, dass das Ding glühte und in ständiger Bewegung war.

»Tretet vor«, sagte Rosil förmlich.

Andere Aes Sedai waren anwesend. Eine von jeder Ajah, unglücklicherweise einschließlich der Roten. Es waren alles Sitzende, was seltsam war, aber möglicherweise lag das an Nynaeves berüchtigtem Ruf in der Burg. Saerin von den Braunen, Yukiri von den Grauen, Barasine von den Roten. Bemerkenswerterweise war auch Romanda von den Gelben anwesend; sie hatte auf der Teilnahme bestanden. Bis jetzt war sie sehr hart zu Nynaeve gewesen.

Egwene war ebenfalls da. Eine mehr als üblich, und dann auch noch die Amyrlin. Nynaeve erwiderte ihren Blick, und Egwene nickte. Im Gegensatz zur Prüfung zur Aufgenommenen – die allein mit dem Ter’angreal durchgeführt wurde – nahmen an dieser Prüfung die Schwestern aktiv teil; sie würden dafür sorgen, dass sich Nynaeve beweisen musste. Und Egwene würde die strengste von allen sein. Um zu zeigen, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, Nynaeve zu erheben.

»Ihr kommt in Unwissenheit, Nynaeve al’Meara«, verkündete Rosil. »Wie wollt Ihr gehen?«

»In Selbsterkenntnis«, erwiderte Nynaeve.

»Aus welchem Grund seid Ihr hergerufen worden?«

»Um geprüft zu werden.«

»Aus welchem Grund sollte man Euch prüfen?«

»Um zu zeigen, dass ich würdig bin.«

Mehrere Frauen runzelten die Stirn, Egwene eingeschlossen. Das waren nicht die richtigen Worte – Nynaeve hätte sagen müssen, dass sie erfahren wollte, ob sie würdig war oder nicht. Aber sie war bereits eine Aes Sedai, also war sie von der Definition her würdig. Sie musste es den anderen nur noch beweisen.

Rosil zögerte, fuhr dann aber fort. »Und… Wozu sollte man Euch würdig befinden?«

»Die Stola zu tragen, die man mir verlieh«, sagte Nynaeve. Sie sagte es nicht, um arrogant zu sein. Wieder verkündete sie lediglich die Wahrheit, wie sie sie sah. Egwene hatte sie erhoben. Sie trug die Stola bereits. Warum so tun, als wäre das nicht der Fall?

Diese Prüfung wurde in Licht gekleidet abgenommen. Sie fing an, sich auszuziehen.

»Darum werde ich Euch instruieren«, sagte Rosil. »Ihr werdet dieses Zeichen auf dem Boden sehen.« Sie hob die Finger und formte Gewebe, die ein glühendes Symbol in die Luft zeichneten. Ein sechszackiger Stern, zwei sich überlappende Dreiecke.

Saerin umarmte die Quelle und webte ein Gewebe aus Geist. Nynaeve unterdrückte das Verlangen, ebenfalls die Quelle zu umarmen.

Nur noch eine Weile, dachte sie. Und dann wird mich keiner mehr infrage stellen können.

Saerin berührte sie mit dem Gewebe aus Geist. »Erinnert Euch an das, das nicht vergessen werden darf«, murmelte sie.

Das Gewebe hatte etwas mit Erinnerung zu tun. Was war sein genauer Zweck? Der Stern schwebte in Nynaeves Sichtfeld.

»Wenn Ihr dieses Zeichen seht, werdet Ihr Euch unverzüglich ruhigen Schrittes dorthin begeben, weder eilig noch zögerlich, und erst dann dürft Ihr die Macht umarmen. Mit dem erforderlichen Gewebe muss sofort begonnen werden, und Ihr dürft dieses Zeichen nicht verlassen, bis es vollendet ist.«

»Erinnert Euch an das, was nicht vergessen werden darf«, murmelte Saerin erneut.

»Nach Vollendung des Gewebes werdet Ihr das Zeichen erneut sehen, es wird Euren Weg markieren«, sagte Rosil, »und Ihr werdet ihn gehen, wieder stetigen Schrittes, ohne Zögern. «

»Erinnert Euch an das, was nicht vergessen werden darf.«

»Einhundert Mal werdet Ihr weben, in der Reihenfolge, die man Euch gelehrt hat und in perfekter Selbstbeherrschung.«

»Erinnert Euch an das, was nicht vergessen werden darf«, murmelte Saerin ein letztes Mal.

Nynaeve fühlte, wie das Gewebe in sie eindrang, so ähnlich wie eine Heilung. Sie zog Kleid und Unterkleid aus, während die anderen Schwestern neben dem Ter’angreal niederknieten und komplizierte Gewebe aus allen Fünf Mächten webten. Sie ließen es hell erstrahlen, und die Farben auf seiner Oberfläche verwandelten sich ständig. Rosil räusperte sich, und Nynaeve gab ihr errötend ihre zusammengefaltete Kleidung, dann nahm sie den Großen Schlangenring ab und legte ihn obendrauf, gefolgt von Lans Ring – den sie für gewöhnlich um den Hals trug.

Rosil nahm die Kleidung entgegen. Die anderen Schwestern waren völlig in ihre Arbeit versunken. Das Ter’angreal leuchtete plötzlich in der Mitte grellweiß, dann fing es an, sich langsam und knirschend zu drehen.

Nynaeve holte tief Luft und machte einen Schritt darauf zu. Sie blieb vor dem Ter’angreal stehen, trat hindurch und …

… wo war sie? Sie runzelte die Stirn. Das sah nicht wie die Zwei Flüsse aus. Sie stand in einem Dorf, das sich aus Hütten zusammensetzte. Links von ihr schlugen Wellen gegen einen Sandstrand, und rechts von ihr folgte das Dorf einer Anhöhe bis zu einer Felsenklippe. In der Ferne erhob sich ein hoher Berg.