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Irgendwie machte sie trotz der Schmerzen weiter. Der Lärm der Insekten war so laut, dass sie kaum das Rauschen des flammenden Sterns hörte, als er in die Luft aufstieg. Schnell webte sie ein Gewebe, das die Fliegen wegwehte, danach sah sie sich um. Sie hustete und zitterte. Sie konnte die Fliegen in ihrem Mund fühlen. Ein Kind in Gefahr konnte sie nicht entdecken. Hatten ihr die Ohren einen Streich gespielt?

Sie entdeckte einen weiteren sechszackigen Stern, über einer in einen Baum geschnitzten Tür. Sie ging darauf zu, während die Fliegen zurückkehrten. Ruhig. Sie musste ruhig sein! Warum? Es macht keinen Sinn! Sie tat es trotzdem, griff nach der Tür und zog sie auf. Trat hinein.

In einem Gebäude blieb sie stehen und fragte sich, warum sie so schlimm hustete. War sie krank? Erschöpft und wütend lehnte sie sich gegen die Wand. Ihre Beine waren völlig zerkratzt, und ihre Arme juckten durch Insektenstiche. Sie stöhnte und betrachtete das grellbunte Kleid. Was war bloß in sie gefahren, dass sie Rot, Gelb und Pink zusammen trug?

Seufzend richtete sie sich wieder auf und durchquerte den heruntergekommenen Korridor. Die Bodendielen knarrten bei jedem Schritt, an den Wänden blätterte der Verputz ab.

Sie kam zu einer Tür und schaute hinein. Das kleine Gemach enthielt vier kleine Messingbetten; aus den Matratzensäumen stach Stroh hervor. Auf jedem Bett lag ein Kind und krallte sich in eine fadenscheinige Decke. Zwei von ihnen husteten, alle vier sahen blass und kränklich aus.

Nynaeve keuchte auf und eilte in den Raum. Sie kniete neben dem ersten Kind nieder, einem Jungen von vielleicht vier Jahren. Sie untersuchte seine Augen, dann befahl sie ihm zu husten, während sie das Ohr auf seine Brust legte. Er hatte die Schleichseuche.

»Wer kümmert sich um euch?«, verlangte Nynaeve zu wissen.

»Frau Mala leitet das Waisenhaus«, sagte das Kind mit schwacher Stimme. »Wir haben sie schon lange nicht mehr gesehen.«

»Bitte«, sagte ein junges Mädchen auf dem Nebenbett. Seine Augen waren blutunterlaufen und seine Haut so blass, dass sie beinahe weiß war. »Einen Schluck Wasser? Könnte ich einen Schluck Wasser bekommen?« Es zitterte.

Die anderen beiden weinten. Erbarmungswürdige, kraftlose Laute. Beim Licht! In dem Raum gab es nicht ein einziges Fenster, und unter den Betten sah Nynaeve Küchenschaben hervorkrabbeln. Wer würde Kinder in solchen Zuständen unterbringen?

»Pst«, machte sie. »Ich bin ja jetzt da. Ich kümmere mich um euch.«

Sie musste die Macht lenken, um sie zu Heilen. Dann …

Nein. Das kann ich nicht machen. Ich kann die Macht nicht lenken, bis ich den Stern gefunden habe.

Dann würde sie eben Heiltränke brauen. Wo war ihre Kräutertasche? Sie schaute sich in dem Zimmer um und suchte nach einer Wasserquelle.

Sie erstarrte; auf der anderen Korridorseite war noch ein Zimmer. War es eben schon da gewesen? Ein Teppich auf dem Boden zeigte einen sechszackigen Stern. Sie erhob sich. Die Kinder wimmerten.

»Ich komme zurück«, versprach Nynaeve und ging auf das andere Zimmer zu. Jeder Schritt stach ihr ins Herz. Sie ließ sie im Stich. Aber nein, sie begab sich bloß ins Nebenzimmer. Nicht wahr?

Sie erreichte den Teppich und fing an zu weben. Nur dieses eine schnelle Gewebe, dann konnte sie helfen. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter, während sie arbeitete.

Hier war ich schon einmal, dachte sie. Oder an einem ähnlichen Ort. In einer ähnlichen Situation.

Ihr Zorn schwoll an. Wie konnte sie die Macht lenken, wo diese Kinder sie doch brauchten? Sie starben.

Sie vollendete das Gewebe und sah zu, wie es Luftströme ausstieß und ihr Kleid flattern ließ. Sie griff nach ihrem Zopf und hielt ihn, als an der Wand eine Tür erschien. Oben gab es ein kleines Glasfenster, das einen sechszackigen Stern enthielt.

Sie musste weitermachen. Sie hörte das Weinen der Kinder. Mit Tränen in den Augen und brechendem Herzen ging sie zu der Tür.

Es wurde schlimmer. Sie ließ Menschen zurück, die ertranken, geköpft oder lebendig begraben wurden. In einem der schlimmsten Augenblicke musste sie ein Gewebe erschaffen, während Dorfbewohner von riesigen Spinnen mit hellrotem Pelz und Kristallaugen gefressen wurden. Sie hasste Spinnen.

Manchmal erschien sie nackt. Irgendwann störte sie das nicht mehr. Obwohl sie sich abgesehen von der Zahl der vollendeten Gewebe an keine Einzelheiten erinnern konnte, war ihr doch irgendwie klar, dass Nacktheit lächerlich war verglichen mit den Schrecken, die sie gesehen hatte.

Sie stolperte durch einen steinernen Torbogen, und die Erinnerungen an ein brennendes Haus verblassten. Das war das einundachtzigste Gewebe. Daran erinnerte sie sich. Daran und an ihren Zorn.

Sie trug ein einfaches Gewand aus Sackleinen. Wie hatte sie das angesengt? Sich zu ihrer vollen Größe aufrichtend, hielt sie sich den Kopf; ihre Arme pochten, ihr Rücken fühlte sich ausgepeitscht an, Beine und Zehen wiesen Kratzer und Schnitte auf. Sie war in den Zwei Flüssen. Nur dass es nicht die Zwei Flüsse waren. Jedenfalls nicht so, wie sie es in Erinnerung hatte. Einige der Gebäude brannten noch immer.

»Sie kommen zurück!«, brüllte eine Stimme. Meister al’Vere. Warum hielt er ein Schwert? Menschen, die sie kannte und die ihr viel bedeuteten – Perrin, Meister al’Vere, Frau al’Donel, Aeric Botteger – standen mit Waffen in den Händen neben einer niedrigen Mauer. Jemand winkte ihr zu.

»Nynaeve!«, rief Perrin. »Schattengezücht! Wir brauchen deine Hilfe!«

Auf der anderen Seite der Mauer rührten sich gewaltige Schatten. Schattengezücht von schrecklicher Größe – keine Trollocs, sondern etwas viel Schlimmeres. Sie konnte Gebrüll hören.

Sie musste helfen! Sie ging in Perrins Richtung, erstarrte aber, als sie auf der anderen Seite der Dorfwiese einen sechszackigen Stern auf einen Hügel gemalt sah.

»Nynaeve!« Perrin klang verzweifelt. Er fing an, auf etwas einzuschlagen, das über die Mauer griff – mitternachtschwarze Tentakel. Perrin hackte mit einer Axt auf einen ein, während der nächste Aeric umschlang und ihn schreiend in die Finsternis zog.

Nynaeve fing an, auf den Stern zuzugehen. Ruhig. Beherrscht.

Das war so dumm. Eine Aes Sedai musste beherrscht sein. Das wusste sie. Aber eine Aes Sedai musste auch handeln können, musste alles Nötige unternehmen, um Menschen in Not zu helfen. Es spielte keine Rolle, welchen Preis das von ihr forderte. Diese Menschen brauchten sie.

Also lief sie los.

Aber selbst das schien nicht zu reichen. Sie rannte auf den Stern zu, trotzdem ließ sie geliebte Menschen im Stich. Sie wusste, dass sie die Macht nicht lenken konnte, bevor sie den Stein erreichte. Das machte doch absolut keinen Sinn. Schattengezücht griff an. Sie musste die Macht lenken. Sie umarmte die Quelle, und etwas schien sie aufzuhalten. Etwas wie eine Abschirmung. Mühsam schleuderte sie sie zur Seite, und Macht strömte in sie hinein. Sie fing an, dem Ungeheuer Feuer entgegenzuschleudern, brannte Tentakel ab, die nach Perrin griffen.

Nynaeve warf Feuer, als sie den Stern erreichte. Hier webte sie das einundachtzigste Gewebe, drei in der Luft schwebende Feuerringe.

Sie arbeitete wie wild, griff gleichzeitig an. Sie wusste nicht, welchen Sinn es hatte, dieses Gewebe zu erschaffen, aber sie wusste, dass sie es vollenden musste. Also erhöhte sie die Stärke des Gewebes und machte die brennenden Ringe extrem groß. Dann schleuderte sie sie der Kreatur entgegen. Riesige Flammenräder krachten gegen die finsteren Wesen und töteten sie.

Auf dem Dach von Meister al’Veres Gasthaus war ein sechszackiger Stern. Hatte man ihn dort eingebrannt? Nynaeve ignorierte ihn und reagierte ihren Zorn an den Tentakelungeheuern ab.

Nein. Das ist wichtig. Wichtiger als die Zwei Flüsse. Ich muss weitermachen.

Sich wie ein elender Feigling fühlend, aber in dem Wissen, dass es das Richtige war, rannte sie zu dem Gasthaus und passierte die Tür.

Nynaeve lag schluchzend neben einem zerbrochenen Torbogen auf dem Boden. Sie war bei dem letzten der hundert Gewebe.