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Sie konnte sich kaum bewegen. Ihr Gesicht war tränennass. Da waren flüchtige Erinnerungen an Schlachten, vor denen sie floh, an Kinder, die sie zum Sterben zurückließ. Daran, nie genug tun zu können.

Ihre Schulter blutete. Ein Wolfsbiss. Die Haut an ihren Beinen war zerfetzt, als wäre sie durch Dornenbüsche gelaufen. Überall an ihrem Körper waren Verbrennungen und Blasen. Sie war nackt.

Sie erhob sich auf die zerschundenen und blutenden Knie. Ihr Zopf endete eine Handspanne unterhalb ihrer Schulterblätter in einem qualmenden Stumpf. Sie beugte sich vor und würgte, zitterte.

So krank, so schwach. Wie sollte sie bloß weitermachen?

Nein. Sie besiegen mich nicht!

Langsam stand sie auf. Sie befand sich in einem kleinen Raum, durch Spalten in den Wänden fiel greller Sonnenschein. Auf dem Boden lag ein weißes Stoffbündel. Sie hob es auf und entfaltete es. Es war ein weißes Kleid mit den Farben der Ajahs am Saum. Die Kleidung einer Aufgenommenen in der Weißen Burg.

Sie ließ es fallen. »Ich bin eine Aes Sedai«, sagte sie sich, stieg darüber hinweg und stieß die Tür auf. Besser nackt zu sein, als dieser Lüge nachzugeben.

Vor der Tür fand sie ein anderes Kleid. Dieses Mal war es gelb. Schon besser. Sie ließ sich Zeit beim Ankleiden, obwohl sie nicht aufhören konnte zu zittern, und ihre Finger waren so müde, dass sie sie kaum bewegen konnte. Ihr Blut beschmutzte den Stoff.

Angezogen musterte sie ihre Umgebung. Sie stand auf einem Hang in der Großen Fäule; der Boden war mit Unkraut bewachsen, das deutlich dunkle Verfärbungen aufwies. Warum stand in der Fäule eine Hütte, und warum hatte sie sich darin befunden?

Sie war so müde. Sie wollte zurück in die Hütte gehen und schlafen.

Nein. Sie würde weitermachen. Sie stapfte die Höhe hinauf. Oben angekommen schaute sie auf eine Landschaft voller Geröll und Flecken aus Finsternis. Seen, falls man sie so bezeichnen wollte. Die Flüssigkeit sah dick und ölig aus. Dunkle Umrisse bewegten sich darin. Malkier, dachte sie und staunte, dass sie den Ort erkannte. Die Sieben Türme, die jetzt nur noch Geröll sind. Die Tausend Seen, alle verdorben. Lans Erbe.

Sie machte einen Schritt nach vorn, aber ihr Zeh stieß gegen etwas. Ein Stein unter ihrem Fuß war mit einem kleinen Symbol versehen. Der sechszackige Stern.

Erleichtert seufzte sie. Es war beinahe vollbracht. Sie fing mit dem letzten Gewebe an.

Unten kam ein Mann hinter einem Geröllhaufen hervor und schwang gekonnt ein Schwert. Sie erkannte ihn selbst auf diese Entfernung. Der starke Körper, das ebenmäßige Gesicht, der farbverändernde Umhang und die geschmeidigen Bewegungen.

»Lan!«, brüllte sie.

Bestien umringten ihn, die an Wölfe erinnerten, dafür aber zu groß waren. Sie hatten dunkles Fell, und ihre Zähne blitzten, als sie sich auf Lan stürzten. Schattenhunde, ein ganzes Rudel.

Nynaeve vollendete das hundertste Gewebe überrascht; ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass sie damit weitergemacht hatte. Um sie herum stieg ein bunter Funkenregen in die Luft. Sie schaute zu, wie sie zu Boden fielen, und fühlte sich benutzt. Hinter ihr ertönte ein Laut, aber als sie in die Richtung sah, war da nichts. Nur die Hütte.

Über einer Tür hing der sechszackige Stern, aus Edelsteinen gemacht. Eben hatte es diese Tür noch nicht gegeben. Nynaeve machte einen Schritt auf die Hütte zu, dann schaute sie zurück.

Lan schlug mit dem Schwert um sich und hielt die Schattenhunde auf Distanz. Ein Tropfen Speichel dieser Bestien würde ihn töten.

»Lan!«, schrie sie. »Lauf!«

Er hörte sie nicht. Der sechszackige Stern. Sie musste zu ihm gehen!

Sie blinzelte, dann schaute sie auf ihre Hände. Genau in der Mitte einer jeden Handfläche war eine winzige Narbe. Kaum zu bemerken. Sie zu sehen rief eine Erinnerung in ihr hervor.

Nynaeve … ich liebe dich …

Das war eine Prüfung. Daran erinnerte sie sich jetzt. Es war eine Prüfung, die sie zwingen sollte, sich zwischen ihm und der Weißen Burg zu entscheiden. Diese Wahl hatte sie bereits einmal getroffen, aber sie hatte gewusst, dass sie nicht real war.

Aber das hier war auch nicht real, oder? Ihr Bewusstsein war getrübt, und sie hob eine Hand an den Kopf. Das da unten ist mein Ehemann, dachte sie. Nein. Ich spiele da nicht mit.

Sie schrie auf, webte Feuer und schleuderte es einem der Schattenhunde entgegen. Die Kreatur brannte sofort, aber das Feuer schien ihr nichts anhaben zu können. Nynaeve setzte sich in Bewegung und schleuderte noch mehr Feuer. Sinnlos! Die Hunde griffen weiter an.

Sie weigerte sich, sich ihrer Erschöpfung zu ergeben. Sie verbannte sie und wurde ganz ruhig, ganz kontrolliert. Man wollte sie an die Grenze treiben, wollte sehen, wozu sie imstande war? Nun, dann sollte es eben so sein. Sie holte weit aus und zog eine gewaltige Menge der Einen Macht in sich hinein.

Dann webte sie Baalsfeuer.

Ein Strich aus purem Licht entschlüpfte ihren Fingern und verzerrte die Luft. Sie traf einen Schattenhund und schien ihn zu durchbohren, das Licht schoss weiter in den Boden. Die ganze Landschaft erbebte, und Nynaeve stolperte. Lan stürzte zu Boden. Die Schattenhunde warfen sich auf ihn.

NEIN! Nynaeve richtete sich wieder auf und webte erneut Baalsfeuer. Sie traf einen weiteren Hund, dann noch einen. Hinter Felsformationen sprangen weitere Ungeheuer hervor. Wo kamen sie alle her? Nynaeve ging weiter und schlug mit dem verbotenen Gewebe zu.

Jeder Schlag ließ den Boden erbeben, als litte er Schmerzen. Das Baalsfeuer hätte den Boden nicht auf diese Weise durchbohren dürfen. Etwas stimmte nicht.

Sie erreichte Lan. Er hatte sich das Bein gebrochen. »Nynaeve«, keuchte er. »Du musst gehen!«

Sie ignorierte seine Worte, kniete nieder und webte Baalsfeuer, während ein weiterer Hund um den Hügel kam. Ihre Zahl wuchs, und sie war so müde. Jedes Mal, wenn sie die Macht lenkte, fühlte sie sich, als wäre es das letzte Mal.

Aber das durfte nicht sein. Nicht, wo Lan in Gefahr schwebte. Sie webte ein kompliziertes Heilgewebe und legte jedes ihr noch verbliebene Quäntchen Kraft hinein, Heilte sein Bein. Er kam auf die Füße und griff nach seinem Schwert, drehte sich um und wehrte einen Schattenhund ab.

Sie kämpften zusammen, sie mit Baalsfeuer, er mit Stahl. Aber seine Schläge waren lethargisch, und sie benötigte bei jedem neuen Baalsfeuer ein paar Herzschläge mehr. Der Boden bäumte sich auf, Ruinen stürzten ein.

»Lan!«, sagte sie. »Halte dich bereit loszulaufen!«

»Was?«

Mit ihrer letzten Kraft webte sie Baalsfeuer und zielte damit direkt vor ihnen auf den Boden. Die Erde wogte gequält, als wäre sie ein lebendes Wesen. In der Nähe klaffte der Untergrund auf und verschluckte Schattenhunde. Nynaeve brach zusammen, die Eine Macht entglitt ihr. Sie war zu erschöpft, um sie lenken zu können.

Lan ergriff ihren Arm. »Wir müssen los!«

Mühsam kam sie auf die Füße, nahm seine Hand. Zusammen liefen sie den grollenden Hang hinauf. Hinter ihnen heulten die Schattenhunde, ein paar von ihnen setzten über den Abgrund hinweg.

Nynaeve rannte, so gut sie konnte, klammerte sich an Lans Hand fest. Sie erreichten den Hügelkamm. Der Boden bebte so schrecklich, dass sie kaum glauben konnte, dass die Hütte noch stand. Zusammen mit Lan stolperte sie die Anhöhe hinunter.

Er stolperte, schrie schmerzerfüllt auf. Seine Hand entglitt ihren Fingern.

Sie fuhr herum. Hinter ihnen strömte eine Flut Schattenhunde knurrend und mit blitzenden Zähnen über den Hügel; Sabber regnete aus ihren Rachen. Lan bedeutete ihr mit weit aufgerissenen Augen weiterzulaufen.

Nein! Sie packte ihn am Arm und schleifte ihn den Hang hinunter. Zusammen stolperten sie durch die Tür und …

… und keuchend fiel Nynaeve aus dem Ter’angreal. Allein und nackt brach sie zitternd auf dem kalten Boden zusammen. Die Erinnerungen schlugen wie eine Flut über ihr zusammen. Jeder schreckliche Augenblick der Prüfung. Jeder Verrat, jedes frustrierende Gewebe. Die Hilflosigkeit, die Schreie der Kinder, der Tod der geliebten Menschen. Zusammengekrümmt schluchzte sie auf dem Boden.