»Ist er tot?« schrie Renate und stand mit einem Ruck auf.
»Selbstmord?« fragte Fandorin. »Aber wie? Hatten Sie keine V-vorsichtsmaßnahmen getroffen?«
»Doch, hatte ich.« Coche breitete verdrossen die Arme aus. »Im Karzer, wo ich ihn verhörte, gab es nur einen Tisch, zwei Stühle und eine Pritsche, alles am Fußboden festgeschraubt. Aber wenn ein Mensch unbedingt sterben will, ist er nicht zu bremsen. Regnier hat sich die Stirn an einem Wandvorsprung eingeschlagen. Und das hat er so geschickt gemacht, daß draußen kein Laut zu hören war. Der Posten wollte ihm das Frühstück bringen und sah ihn in einer Blutlache am Boden liegen. Ich habe angeordnet, ihn nicht zu berühren, soll er erst mal liegenbleiben.«
»Darf ich einen Blick auf ihn werfen?« fragte Fan- dorin.
»Von mir aus. Genießen Sie den Anblick, solange Sie wollen, ich frühstücke erst mal.« Und Bulldogge zog seelenruhig das erkaltete Rührei zu sich heran.
Zu viert gingen sie, um einen Blick auf den Selbstmörder zu werfen: Fandorin, Renate, der Japaner und, sonderbar, die Frau des Doktors. Wer hätte der etepeteten Ziege solche Neugier zugetraut?
Renate blickte zähneklappernd über Fandorins Schulter hinweg in den Karzer. Sie sah die wohlbekannte breitschultrige Gestalt, schräg hingestreckt, den schwarzhaarigen Kopf an der Wand. Regnier lag mit dem Gesicht nach unten, der rechte Arm war unnatürlich verdreht.
Renate ging nicht hinein, sie sah auch so genug. Die anderen hockten sich bei dem Toten hin.
Der Japaner hob den Kopf des Selbstmörders an und berührte mit dem Finger die blutige Stirn. Richtig, er war ja Arzt.
»Oh Lord, have mercy upon this sinful creature«*, sprach Madame Truffo fromm.
»Amen«, sagte Renate und wandte sich von dem schrecklichen Anblick ab.
Schweigend kehrten sie in den Salon zurück.
Zur rechten Zeit - Bulldogge hatte seine Mahlzeit beendet, wischte die fettigen Lippen mit einer Serviette ab und nahm die schwarze Mappe zur Hand.
»Ich habe versprochen, Ihnen die Aussagen unseres ehemaligen Tischgenossen zu zeigen«, sagte er unbewegt und legte drei dicht beschriebene Papierblätter vor sich hin, zwei ganze und ein halbes. »Es ist nicht nur ein Geständnis, son-
* (engl.) O Gott, erbarme dich dieses sündigen Geschöpfs.
dern ein richtiger Abschiedsbrief. Aber das ändert nichts an der Sache. Möchten Sie hören?«
Das mußte er nicht zweimal sagen, alle setzten sich rund um den Kommissar und hielten den Atem an. Bulldogge nahm das erste Blatt, hielt es ein Stück von den Augen weg und las vor.
An den Vertreter der französischen Polizei Herrn Kommissar Gustave Coche 19. April 1878, 6.15 Uhr an Bord der »Leviathan«
Ich, Charles Regnier, mache das folgende Geständnis freiwillig und ohne jedweden Zwang, einzig aus dem Wunsch, mein Gewissen zu erleichtern und die Beweggründe zu erklären, die mich zu den schweren Verbrechen trieben.
Das Schicksal ist immer grausam mit mir umgegangen...
»Nun, dieses Lied habe ich schon tausendmal gehört«, kommentierte der Kommissar. »Noch kein Mörder, Räuber oder Kinderschänder hat vor Gericht gesagt, das Schicksal habe ihn mit guten Gaben überschüttet und er, der Lump, sei ihrer nicht würdig gewesen. Na schön, hören wir weiter.
Das Schicksal ist immer grausam mit mir umgegangen, und wenn es mir in der Morgenröte des Lebens freundlich gesonnen war, dann nur, um mich später um so schmerzlicher zu treffen. Meine frühen Jahre verliefen in unbeschreiblichem Luxus. Ich war der einzige Sohn und Erbe eines märchenhaft reichen Radschas, eines sehr gütigen Mannes, der die Weisheit des Ostens wie des Westens in sich aufgenommen hatte. Bis zu meinem neunten Lebensjahr wußte ich nicht, was Bosheit, Angst,
Kränkung, ein nicht erfüllter Wunsch ist. Meine Mutter litt an Heimweh in dem fremden Land und verbrachte ihre ganze Zeit mit mir, sie erzählte mir von dem schönen Frankreich und dem fröhlichen Paris, wo sie aufgewachsen war. Mein Vater hatte sie zum erstenmal im Klub »Bagatelle« gesehen, wo sie die erste Tänzerin war, und sich besinnungslos in sie verliebt. Frangoise Regnier (so der Mädchenname meiner Mutter - ich habe ihn angenommen, als ich die französische Staatsbürgerschaft bekam) erlag den Verlockungen, welche ihr die Ehe mit dem orientalischen Herrscher verhieß, und wurde seine Frau. Aber die Heirat brachte ihr kein Glück, obwohl sie meinen Vater aufrichtig schätzte und ihm bis auf den heutigen Tag die Treue bewahrte.
Als die Welle der blutigen Empörung über Indien hinwegging, spürte mein Vater die Gefahr und schickte seine Frau und seinen Sohn nach Frankreich. Der Radscha wußte, daß die Engländer seit langem auf die Schatulle erpicht waren und gewiß eine Niedertracht aushecken würden, um die Schätze von Brahmapur in ihren Besitz zu bringen.
In der ersten Zeit lebten meine Mutter und ich in Paris sehr luxuriös - in einer eigenen Villa, umgeben von einer zahlreichen Dienerschaft. Ich besuchte eine privilegierte Schule, zusammen mit den Söhnen von gekrönten Häuptern und Millionären. Aber dann änderte sich alles, und ich mußte den Kelch der Not und der Demütigung bis zur Neige leeren.
Niemals vergesse ich den furchtbaren Tag, an dem meine Mutter mir unter Tränen eröffnete, ich hätte keinen Vater, keinen Titel und keine Heimat mehr. Ein Jahr später wurde mir über die britische Botschaft in Paris das einzige Erbstück meines Vaters ausgehändigt - ein Koran. Zu der Zeit hatte meine Mutter mich schon taufen lassen, und ich ging zur Messe, aber ich schwor mir, arabisch zu lernen und unbedingt Vaters Randnotizen in dem Heiligen Buch zu lesen. Viele Jahre später habe ich diese Absicht verwirklicht, darauf komme ich noch zurück.
»Geduld, Geduld«, sagte Coche und lächelte verschmitzt. »Wir kommen noch dahin. Einstweilen haben wir Lyrik.«
Aus der Villa zogen wir aus, gleich nachdem wir die traurige Nachricht bekommen hatten, zunächst in ein teures Hotel, dann in ein einfacheres und schließlich in ein möbliertes Zimmer. Die Dienerschaft wurde immer kleiner, und zuletzt waren wir nur noch zu zweit. Meine Mutter war noch nie praktisch gewesen, weder in ihrer stürmischen Jugend noch später. Die Juwelen, die sie nach Europa mitgenommen hatte, reichten zwei bis drei Jahre, danach gerieten wir richtig in Not. Ich besuchte eine gewöhnliche Schule, wo sie mich verprügelten und »Neger« nannten. Dieses Leben lehrte mich, verschlossen und nachtragend zu sein. Ich führte ein heimliches Tagebuch, in dem ich die Namen meiner Beleidiger festhielt, um mich an jedem einzelnen zu rächen, wenn sich die Gelegenheit bot. Und früher oder später kam eine solche Gelegenheit. Einen der Feinde aus meiner unglücklichen Jugend traf ich viele Jahre später in New York. Er erkannte mich nicht - ich trug einen anderen Namen und hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem gehetzten mageren »Truthahn«, wie sie mich in der Schule hänselten. Eines Abends lauerte ich dem alten Bekannten auf als er betrunken aus der Kneipe kam. Ich nannte ihm meinen früheren Namen und unterbrach seinen erstaunten Ruf indem ich ihm das Klappmesser ins rechte Auge stieß, eine Methode, die ich in den Spelunken von Alexandria gelernt hatte. Ich gestehe diesen Mord, weil er mein Los kaum noch erschweren dürfte.
»Das stimmt«, bestätigte der Kommissar. »Auf eine Leiche mehr oder weniger kommt es nicht an.«
Als ich dreizehn war, zogen wir von Paris nach Marseille, weil das Leben dort billiger war und weil meine Mutter dort Verwandte hatte. Mit sechzehn tat ich einen Schritt, an den ich gar nicht denken mag, ich lief von zu Hause weg und heuerte als Schiffsjunge auf einem Schoner an. Zwei Jahre lang befuhr ich das Mittelmeer. Es war eine schwere, doch nützliche Erfahrung. Ich wurde stark, gelenkig und mitleidlos. Das half mir später, in der Marseiller Ecole Maritime der beste Schüler zu werden. Ich beendete die Schule mit einer Medaille und bin seither auf den besten Schiffen der französischen Handelsflotte gefahren. Als Ende letzten Jahres der Posten des Ersten Offiziers auf dem Superschiff »»Leviathan« ausgeschrieben wurde, sicherten mir mein Seefahrtsbuch und ausgezeichnete Empfehlungen den Sieg. Aber zu der Zeit hatte ich bereits ein großes Ziel.