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Das war Tully, der mit irgendwem Wetttipps austauschte, und das in so vertraulichem Ton, dass man ihn noch in Epsom Downs hören konnte. Die leise Erwiderung auf seine kleine Ansprache endete in »Har-Har!«, dann verklangen die Schritte in dem Labyrinth holzgetäfelter Flure. »Hier lang«, zischelte Mary und zog mich am Ärmel. Wir bogen in einen engen Gang ab. Mary holte einen Schlüsselbund aus der Tasche und schloss geräuschlos die letzte Tür links auf.

Wir standen in einem Zimmer, das sich seit 1592, als Königin Elisabeth Bishop’s Lacey auf einer ihrer Sommer reisen durchs Land besuchte, nicht wesentlich verändert hatte. Balkendecke, Stuckpaneele, ein winziges, bleiverglastes Fenster, das zum Lüften offen stand, und breite Dielen, die sich wie ein sanft wogendes Meer wellten - so mein erster Eindruck.

An einer Wand stand ein lädierter Tisch mit dem ABC Zugfahrplan (Oktober 1946) unter dem einen Bein, damit er nicht kippelte. Obendrauf standen und lagen ein nicht zueinanderpassendes Waschgeschirr aus Krug und Schüssel in Rosa und Blassgelb, ein Kamm, eine Bürste und ein kleines schwarzes Lederetui. In der Ecke neben dem offenen Fenster sah ich ein einzelnes Gepäckstück: ein billig aussehender Überseekoffer aus Vulkanfiber, der über und über mit bunten Aufklebern gepflastert war. Daneben stand ein einfacher Stuhl, dem in der Lehne eine Strebe fehlte. Auf der anderen Seite gab es einen

»Das isses!«, verkündete Mary. Als sie uns einschloss, betrachtete ich sie zum ersten Mal richtig. In dem grauen Spülwasserlicht, das durch das schmutzige Fenster hereinfiel, wirkte sie älter, härter und spröder als das Mädchen mit den verarbeiteten Händen aus dem sonnenbeschienenen Hof.

»Wahrscheinlich hast du noch nie im Leben so ein kleines Zimmer gesehen«, sagte sie spöttisch. »Ihr da oben auf Buckshaw besucht doch gern die Irrenanstalt, was? Begafft die Bekloppten - wollt mal sehen, wie unsereiner in seinen Käfigen so haust. Werft uns einen Keks durchs Gitter.«

»Ich weiß nicht, wovon du redest.«

Mary wandte sich nach mir um, damit mich die ganze Wucht ihres vernichtenden Blicks traf.

»Tu nicht so unschuldig! Deine Schwester, diese Ophelia, hat dich doch mit’ner Nachricht für Ned hergeschickt. Sie hält mich wohl für’n Flittchen oder so was, aber das stimmt nicht!«

Da kam ich zu dem Schluss, dass ich Mary mochte, auch wenn das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Wer den Ausdruck »Flittchen« benutzte, war eine Freundschaft wert.

»Hör zu«, erwiderte ich, »das mit der Nachricht stimmt nicht. Das hab ich nur zur Tarnung gesagt. Du musst mir helfen, Mary! Das machst du bestimmt. Bei uns auf Buckshaw wurde nämlich jemand umgebracht …«

Zack! Jetzt war es raus!

»… und niemand weiß davon, nur du und ich … und der Mörder natürlich.«

Sie hatte sich gleich wieder im Griff und fragte: »Und wer?«

»Keine Ahnung. Darum bin ich ja hergekommen. Ich hab mir gedacht, wenn ein Toter in unserem Gurkenbeet liegt und nicht mal die Polizei ihn identifizieren kann, ist er höchstwahrscheinlichDreizehn Erpel abgestiegen - falls er überhaupt irgendwo abgestiegen ist. Kannst du mir das Gästebuch beschaffen?«

»Nicht nötig. Wir haben zurzeit sowieso nur einen Gast, und das ist Mr Sanders.«

Je länger ich mich mit Mary unterhielt, desto sympathischer wurde sie mir.

»Und das hier ist sein Zimmer«, setzte sie zuvorkommend hinzu.

»Und wo kommt Mr Sanders her?«, fragte ich.

Ihr Gesicht verfinsterte sich. »Keine Ahnung.«

»Hat er schon mal hier übernachtet?«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Dann muss ich unbedingt im Gästebuch nachsehen. Bitte, Mary, es ist wichtig! Die Polizei kommt bestimmt bald zu euch, und dann ist es zu spät.«

»Na schön.« Sie schloss wieder auf und schlich in den Gang hinaus.

Kaum war sie draußen, öffnete ich die Schranktür. Bis auf zwei hölzerne Kleiderbügel war er leer. Daraufhin widmete ich mich dem Überseekoffer, der mit Aufklebern besetzt war wie ein Schiffsrumpf mit Seepocken. Diese farbenfrohen Krustentiere trugen jedoch Aufschriften: Paris, Rom, Stockholm, Amsterdam, Kopenhagen, Stavanger und viele andere.

Ich betätigte die Schließe, und zu meiner Verblüffung schnappte sie auf. Der Koffer war nicht abgeschlossen! Er ließ sich mühelos aufklappen und ich sah mich Mr Sanders’ Garderobe gegenüber: ein blauer Sergeanzug, zwei Hemden, ein Paar braune Schnürschuhe (zu blauem Serge? Das wusste ja sogar ich, dass das nicht zusammenpasste!), und ein Schlapphut wie aus dem Theater, der mich an gewisse Fotos von G. K. Chesterton aus der Radio Times erinnerte.

Ich zog die Kofferschubladen auf, wobei ich darauf achtete, dass ich den Inhalt nicht durcheinanderbrachte: eine Haarbürste

H B? Wohnte hier nicht ein Mr Sanders? Wofür konnte HB stehen?

Die Tür flog auf, und jemand fauchte: »Was machst du da?«

Mir blieb fast das Herz stehen. Es war Mary.

»Das Gästebuch konnte ich nicht holen, Dad war … Flavia! Du kannst doch nicht im Gepäck von’nem Gast rumwühlen! Wir kriegen beide einen Riesenärger! Lass das!«

»Schon gut«, sagte ich und griff noch rasch in die Anzugtaschen. Sie waren sowieso leer. »Wann hast du Mr Sanders zuletzt gesehen?«

»Gestern. Gestern Mittag.«

»Hier? In diesem Zimmer?«

Sie schluckte, nickte und wandte den Blick ab.

»Ich hab die Bettwäsche gewechselt, da stand er plötzlich hinter mir und hat mich betatscht. Hat mir die Hand auf’n Mund gedrückt, damit ich nicht schreie. Ein Glück, dass Dad im Hof war und mich gerufen hat. Da hat er’s dann doch mit der Angst zu tun gekriegt. Aber ich hab ihn tüchtig getreten, sogar zweimal! So ein Ferkel! Ich hätt ihm die Augen ausgekratzt, wenn ich drangekommen wär!«

Sie sah mich mit einem Mal verlegen an, als hätte sich jäh ein riesiger gesellschaftlicher Abgrund zwischen uns aufgetan.

»Also ich an deiner Stelle hätte ihm die Augen ausgekratzt und hinterher die Höhlen ausgesaugt«, sagte ich.

Sie riss entsetzt die Augen auf.

»John Marston«, erklärte ich rasch. »Die holländische Kurtisane. Sechzehn-Null-Vier.«

Nach einer ungefähr zweihundert Jahre dauernden Pause prustete Mary los.

»Du bist mir vielleicht eine!«, sagte sie.

Der Abgrund war überbrückt.

»Zweiter Akt«, fügte ich hinzu.

Und schon krümmten wir uns beide vor unterdrücktem Lachen, hüpften, die Hände auf den Mund gedrückt, durchs Zimmer und schnaubten zweistimmig wie ein Pärchen dressierter Seehunde.

»Feely hat es uns damals mit der Taschenlampe unter der Bettdecke vorgelesen«, berichtete ich, worauf wir aus unerfindlichen Gründen noch viel mehr lachen mussten, so lange, bis wir uns kaum noch rühren konnten.

Mary umarmte mich so stürmisch, dass ich keine Luft mehr bekam.

»Du bist echt’ne Marke, Flavia«, sagte sie. »Ganz ehrlich. Komm her - sieh dir das mal an.«

Sie ging zum Tisch, knotete den dünnen Riemen des schwarzen Lederetuis auf und öffnete den Deckel. In dem Etui befanden sich zwei Reihen jeweils sechs kleiner Glasfläschchen, insgesamt also zwölf. Elf waren mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt, das zwölfte war nur ein Viertel voll. Zwischen den Reihen mit den Behältern war eine halbrunde Vertiefung, als gehörte dort ein Röhrchen oder etwas Ähnliches hinein.

»Was hältst du davon?«, flüsterte sie, als Tullys Organ von fern erscholl. »Glaubst du, das ist Gift? Ist unser Mr Sanders so’ne Art Dr. Crippen?«

Ich entkorkte das nur teilweise gefüllte Fläschchen und führte es an die Nase. Der Inhalt roch, als hätte jemand Essig auf die Rückseite eines Heftpflasters geträufelt, ein beißender Eiweißgeruch, als ob im Nebenzimmer jemand Haare von einem Alkoholiker in Brand gesteckt hätte.