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»Insulin«, konstatierte ich. »Euer Mr Sanders ist Diabetiker.«

Mary sah mich verständnislos an, und ich konnte plötzlich nachvollziehen, wie sich Archimedes gefühlt haben musste, als er in der Badewanne saß und »Heureka!« jubelte. Ich packte Mary am Arm.

»Hat Mr Sanders rote Haare?«

»Karottenrote. Woher weißt du das?«

Sie staunte mich an, als wäre ich Madame Zolanda von der Kirmes, mit Turban, Kopftuch, Kristallkugel und allem Drum und Dran.

»Hexerei«, antwortete ich. 

8

»Mensch!« Mary fischte einen runden Metallpapierkorb unter dem Tisch hervor. »Den hätt ich ja fast vergessen! Dad macht mir die Hölle heiß, wenn er erfährt, dass ich das Ding nicht geleert hab. Er hat’s immer so mit den Bazillen, Dad meine ich, auch wenn man das nicht denken sollte, so wie er aussieht. Zum Glück ist es mir noch eingefallen, bevor … meine Güte! Schau dir bloß diese Sauerei an!«

Sie verzog das Gesicht und hielt den Papierkorb mit ausgestrecktem Arm von sich weg. Ich spähte - ziemlich misstrauisch - hinein. Man weiß nie, worauf man sich einlässt, wenn man seine Nase in anderer Leute Müll steckt.

Der Boden des Papierkorbs war mit Gebäckresten und -krümeln übersät: keine Tüte, einfach Reste, als sei der Betreffende satt gewesen oder hätte genug gehabt. Es sah aus wie die Reste einer Pastete. Als ich in den Korb griff und ein Stück davon herausholte, stieß Mary einen Würgelaut aus und wandte den Kopf ab.

»Hier!«, sagte ich. »Das Stück ist vom Rand, siehst du? Hier ist es goldbraun, und hat auf einer Seite kleine Teigbröckchen, wie eine Verzierung. Die übrigen Stücke stammen vom Boden, sie sind heller und dünner. Kein besonders duftiger Blätterteig.«

Ich machte eine Pause und setzte hinzu: »Trotzdem, ich habe einen Bärenhunger! Wenn man den ganzen Tag nichts gegessen hat, sieht alles lecker aus.«

Ich machte den Mund auf, als wollte ich den Teigrest hinunterschlingen.

»Flavia!«

Ich hielt mit meiner bröckeligen Beute auf halbem Weg zum Mund inne.

»Hm?«

»Lass den Blödsinn!«, sagte Mary. »Gib’s her, ich schmeiß es weg.«

Eine innere Stimme sagte mir, dass das keine gute Idee war. Die Stimme sagte mir auch, dass die Pastetenreste ein Beweisstück waren, das ich lieber für Inspektor Hewitt und die beiden Sergeanten zurücklassen sollte. Ich erwog es allen Ernstes.

»Hast du ein Stück Papier?«, fragte ich.

Mary schüttelte den Kopf. Ich öffnete den Schrank, stellte mich auf die Zehenspitzen und tastete im obersten Regalfach umher. Wie vermutet, war dort eine Zeitung als Abdeckung ausgebreitet. Gott segne Sie, Tully Stoker!

Behutsam legte ich die größeren Pastetenbrocken auf die Daily Mail und faltete die Zeitung fein säuberlich zu einem Päckchen. Mary sah mir beklommen zu, äußerte aber keine Einwände.

»Für den Labortest«, erklärte ich vielsagend. Offen gestanden hatte ich keine Ahnung, was ich mit dem ekligen Zeug anstellen wollte. Ich würde mir nachher etwas einfallen lassen, jetzt wollte ich Mary nur vorführen, wer hier das Sagen hatte.

Ich stellte den Papierkorb wieder hin und erschrak, als sich darin etwas regte. Ich schäme mich nicht zu gestehen, dass mein Magen instinktiv einen doppelten Salto vollführte. Was war das? Maden? Eine Ratte? Ausgeschlossen - ein so großes Tier hätte ich auf keinen Fall übersehen.

Argwöhnisch linste ich noch einmal in den Papierkorb, und tatsächlich - da ganz auf dem Boden regte sich etwas. Eine Feder! Sie wehte sanft, fast unmerklich, in der Zugluft hin und

War er wirklich erst heute Morgen gestorben? Das unerfreuliche Zusammentreffen im Garten schien schon ewig her zu sein. Unerfreulich? Jetzt lügst du aber, Flavia!

Mary sah entgeistert zu, wie ich noch einmal in den Papierkorb griff und die Feder mitsamt einem Pastetenrest, der auf den unbefiederten Kiel gespießt war, herausholte.

»Siehst du?« Ich hielt ihr die Feder unter die Nase. Sie wich zurück, so wie Dracula angeblich, wenn man ihn mit einem Kreuz bedrohte. »Wenn die Feder im Papierkorb auf das Gebäck gefallen wäre, wäre das Stück nicht so aufgespießt.

»Vierundzwanzig Amseln in einen Kuchen gebacken war’n …«, rezitierte ich das Kinderlied. »Kapiert?«

»Meinst du echt?« Marys Augen waren groß wie Untertassen.

»Keine Frage, Sherlock! Die Pastete hatte eine Vogelfüllung, und ich ahne auch schon, um was für eine Vogelart es sich handelt.«

Ich hielt ihr das Pastetenstück noch einmal unter die Nase. »Ja, gibt es denn ein köstlich’res Mahl, dem König zu kredenzen?«, deklamierte ich, und diesmal grinste sie mich an.

Genauso würde ich es mit Inspektor Hewitt halten. Jawoll! Ich würde den Fall lösen und ihm die Lösung in Geschenkpapier verpackt überreichen.

»Du brauchst ihn nicht extra hier nach draußen zu bringen«, so hatte er mich aus dem Garten geschickt, diese Knalltüte. Was der sich rausnahm!

Na, dem würde ich zeigen, wo der Bartl den Most holt!

Ich hatte so eine Ahnung, dass Norwegen dabei eine entscheidende Rolle spielte. Ned war nie in Norwegen gewesen, abgesehen davon hatte er Stein und Bein geschworen, dass er

Der Fremde war aus Norwegen gekommen, das hatte ich aus erster Hand! Ergo (das bedeutet: folglich) hatte der Fremde die Schnepfe womöglich von dort mitgebracht.

Und zwar in eine Pastete eingebacken.

Jawoll! Das war schlüssig! Eine ausgeklügelte List, um den toten Vogel an den neugierigen Zollbeamten Seiner Majestät vorbeizuschmuggeln.

Nur noch ein Schritt, und das Schlimmste war geschafft: Wenn ich den Inspektor nicht fragen konnte, wie er auf Norwegen gekommen war, und den Fremden (da der leider tot war) auch nicht mehr, wen dann?

Mit einem Mal sah ich die Lösung mir zu Füßen liegen, so, wie man von einem hohen Berg herabblickt. So wie Harriet …

So, wie ein Adler seine Beute erblickt.

Ich beglückwünschte mich. Wenn der Fremde aus Norwegen gekommen war, noch vor dem Frühstück einen toten Vogel vor unsere Tür gelegt hatte und nach Mitternacht in Vaters Arbeitszimmer aufgetaucht war, musste er sich ganz in der Nähe einquartiert haben. In Laufweite von Buckshaw. Zum Beispiel im Wirtshaus zu den Dreizehn Erpeln.

Es war klar wie Kloßbrühe. Der Tote im Gurkenbeet war tatsächlich Mr Sanders. Anders konnte es gar nicht sein.

»Mary!«

Tully brüllte wie ein Bullenkalb, und diesmal klang es, als stünde er vor der Tür.

»Komme, Dad!« Mary griff sich den Papierkorb.

»Du musst hier verschwinden«, raunte sie. »Warte fünf Minuten, dann lauf die Hintertreppe runter. Wie wir raufgekommen sind.«

Damit war sie zur Tür hinaus, und schon hörte man, wie sie ihrem Vater draußen im Flur erklärte, dass sie den Papierkorb

»Wir wollen doch nicht, dass jemand an irgendwelchen Bazillen stirbt, die er sich im Dreizehn Erpel geholt hat, oder?«

Sie lernte schnell.

Um die Wartezeit zu überbrücken, sah ich mir noch mal den Koffer an. Ich strich über die bunten Aufkleber und versuchte, mir vorzustellen, wo der Koffer schon überall gewesen war und was Mr Sanders in all diesen Städten wohl getrieben hatte, in Paris, Rom, Stockholm, Amsterdam, Kopenhagen, Stavanger. Der Aufkleber aus Paris war in Rot, Weiß und Blau gehalten, der aus Stavanger auch.

Liegt Stavanger in Frankreich?, überlegte ich. Es klang ja nicht besonders französisch - es sei denn, man sprach es »Sta-wong-scheee« aus, so ähnlich wie den Nachnamen von Laurence Olivier. Als ich den Aufkleber befühlte, schob er sich zusammen wie Wasser vor einem Schiffsbug.

Ich probierte die anderen Aufkleber durch, aber die klebten alle bombenfest. So fest wie das Etikett auf einer Flasche Zyankali.