Die Insel, der See und der Pavillon waren sämtlich von Capability Brown entworfen worden (auch wenn diese Zuschreibung immer mal wieder in Notes & Queries angezweifelt wurde - einer Kulturzeitschrift, die Vater gern las, sofern in der jeweiligen Ausgabe Fragen von philatelistischem Interesse erörtert wurden), und in der Bibliothek von Buckshaw gab es noch einen roten Lederband, der einen signierten Satz der Originalzeichnungen des Landschaftsarchitekten enthielt. Was wiederum Vater zu dem Scherz verleitete: »Sollen sich diese schlauen Männer doch ihre eigenen Tempel bauen.«
Eine unserer beliebten Familienanekdoten handelte davon, dass John Montague, der vierte Earl of Sandwich, anlässlich eines Picknicks im Pavillon von Buckshaw den nach ihm benannten Imbiss erfunden hatte: nämlich als er zum ersten Mal ein Stück kaltes Brathuhn zwischen zwei Brotscheiben packte, während er mit Cornelius de Luce Cribbage spielte.
»Zum Teufel mit der historischen Überlieferung«, hatte Vater gesagt.
Ich war durch das kaum kniehohe Wasser zu der Insel hinübergewatet und hockte nun mit bis zum Kinn hochgezogenen Knien auf den Stufen des Tempelchens.
Zuallererst gab es Mrs Mullets Schmandkuchen zu bedenken. Wo war der geblieben?
Ich rief mir noch einmal den frühen Samstagmorgen in Erinnerung, sah mich die Treppe herunterkommen, durch die
Später hatte mich Mrs Mullet dann gefragt, wie mir der Kuchen geschmeckt habe. Warum ausgerechnet mich? Warum nicht Feely oder Daffy?
Da traf es mich wie ein Donnerschlag! Der Tote hatte das Stück Kuchen gegessen. Endlich ergab das Ganze einen Sinn!
Wir hatten es mit einem Diabetiker zu tun, der eine lange Reise aus Norwegen hinter sich und eine in eine Pastete eingebackene Zwergschnepfe ins Land geschmuggelt hatte. Die Reste dieser Pastete hatte ich mitsamt der verräterischen Feder im Dreizehn Erpel entdeckt, der tote Vogel selbst hatte vor unserer Tür gelegen. Ohne etwas im Magen - obwohl er, Tully Stoker zufolge, in der Schankstube ein Bier getrunken hatte - hatte sich der Fremde am Freitagabend auf den Weg nach Buckshaw gemacht und das Haus nach der Auseinandersetzung mit Vater durch die Küche verlassen, wobei er unterwegs ein Stück von Mrs Mullets Schmandkuchen stibitzt hatte. Und noch vor dem Ende des Gurkenbeetes hatte ihn dieses Stück Kuchen niedergestreckt!
Was für ein Gift wirkte derart schnell? Ich ging die gebräuchlichsten durch. Zyankali wirkte innerhalb von Minuten, das Opfer wurde erst blau im Gesicht und erstickte dann rasch. Zurück blieb ein feiner Mandelgeruch. Gegen Zyankali sprach allerdings, dass das Opfer längst hätte tot gewesen sein müssen, als ich es entdeckte. (Ich muss zugeben, ich habe ein gewisses Faible für Zyankali - es wirkt nun mal am allerschnellsten. Wenn Gifte Pferde wären, würde ich immer auf Zyankali setzen.)
Hatte der letzte Atemzug des Mannes nach Bittermandel gerochen? Ich konnte mich nicht entsinnen.
Dann gab es noch Kurare. Das wirkte ebenfalls beinahe sofort, und auch davon erstickte das Opfer im Nu. Aber Kurare
Wie wäre es mit Tabak? Mir fiel ein, dass man eine Handvoll Tabakblätter, die man in einem Wasserkrug mehrere Tage in der Sonne weichen ließ, zu einem zähen, schwarzen, sirupartigen Harz eindampfen konnte, das innerhalb von Sekunden tödlich wirkte. Aber Nicoteana wuchs in Amerika. In England oder in diesem Falle in Norwegen ließen sich schwerlich frische Blätter auftreiben.
Frage: Ergeben zerkrümelte Zigarettenkippen, Zigarren oder Pfeifentabak ein genauso tödliches Gift?
Da auf Buckshaw niemand rauchte, musste ich mir wohl anderswo Proben beschaffen.
Frage: Wann (und wohin) werden die Aschenbecher im Dreizehn Erpel geleert?
Die eigentliche Frage lautete: Wer hatte den Kuchen vergiftet? Beziehungsweise: Wenn der Mann aus dem Gurkenbeet nur zufällig ein Stück davon gegessen hatte, wem war das Gift ursprünglich zugedacht gewesen?
Ich erschauerte, als ein Schatten über die Insel glitt. Als ich zum Himmel schaute, sah ich, dass sich eine dunkle Wolke vor die Sonne geschoben hatte. Bald würde es regnen.
Noch ehe ich aufspringen konnte, kam es auch schon wie aus Kübeln herunter - einer jener überraschenden Gewitterschauer im frühen Juni, die Blumen zerdrücken können und alle Regenrinnen überquellen lassen. Ich stellte mich genau in die Mitte des Pavillons unter die Kuppel, in der Hoffnung, mich dort vor dem Geprassel schützen zu können und halbwegs trocken zu bleiben - fror aber trotzdem wie ein Schneider, denn ein kräftiger Wind wehte zwischen den Säulen hindurch. Um mich ein wenig zu wärmen, schlang ich die Arme um mich. In so einem Fall, dachte ich, wartet man am besten ab, bis es vorüber ist.
»Hallo? Alles in Ordnung?«
Am gegenüberliegenden Seeufer stand ein Mann und schaute zu mir herüber. Durch die Regenschleier sah ich ihn als lauter verschwommene Tupfen, wie eine Figur auf einem impressionistischen Gemälde. Aber noch ehe ich etwas erwidern konnte, hatte er schon die Hosenbeine hochgekrempelt und die Schuhe ausgezogen und kam barfuß angewatet. Dabei stützte er sich auf einen langen Spazierstock, sodass er ein wenig wie der heilige Christophorus aussah, der das Jesuskind huckepack über den Fluss trägt. Allerdings hatte dieser Mann, wie ich erkennen konnte, als er näher gekommen war, einen Leinenrucksack über der Schulter.
Er trug einen ausgebeulten Ausgehanzug und hatte einen breitkrempigen Schlapphut auf dem Kopf, ein bisschen so wie der Filmstar Leslie Howard, dachte ich. Der Mann war schätzungsweise um die fünfzig, ungefähr so alt wie Vater, aber wesentlich modischer gekleidet.
Mit dem wasserdichten Skizzenbuch in der Hand verkörperte er den durch die Lande streifenden Künstler: ein Sinnbild des guten, alten Englands und so weiter.
»Alles in Ordnung?«, wiederholte er, und erst jetzt fiel mir auf, dass ich noch gar nicht geantwortet hatte.
»Aber ja. Danke der Nachfrage.« Ich plapperte drauflos, um meine Unhöflichkeit wiedergutzumachen. »Der Regen hat mich überrascht.«
»Das hab ich mir schon gedacht. Du bist ja völlig durchnässt.«
»Nicht nur durchnässt - ich bin bereits gesättigt«, verbesserte ich ihn. Wenn es um Chemie ging, konnte ich ziemlich kleinlich sein.
Er öffnete seinen Rucksack und holte einen wasserdichten Umhang heraus, wie ihn die Wanderer auf den Hebriden tragen. Den legte er mir um die Schultern, und im Nu wurde mir angenehm warm.
»Das wäre doch nicht … aber vielen Dank«, sagte ich.
Anschließend standen wir schweigend nebeneinander, schauten auf den See und lauschten dem Geprassel des Wolkenbruchs.
Nach einer Weile sagte er: »Da wir nun einmal beide auf dieser Insel gestrandet sind, kann es wohl nichts schaden, wenn wir uns einander vorstellen.«
Sein Akzent war schwer einzuordnen. Oxford mit einem Hauch von etwas anderem. Skandinavien?
»Ich heiße Flavia. Flavia de Luce.«
»Und ich heiße Pemberton, Frank Pemberton. Freut mich, dich kennenzulernen, Flavia.«
Pemberton? War das nicht der Mann, der gerade im Dreizehn Erpel angekommen war, als ich vor Tully Stoker geflohen war? Da ich nicht wollte, dass jemand von meinem Besuch dort erfuhr, behielt ich es lieber für mich.
Wir schüttelten einander die tropfenden Hände und traten dann wieder jeder ein Stück zurück, wie es Fremde oft machen, nachdem sie einander angefasst haben.
Es regnete und regnete. Irgendwann sagte er: »Offen gestanden wusste ich schon, wer du bist.«
»Ach ja?«