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»Mmm. Wenn man sich ernsthaft mit englischen Landsitzen beschäftigt, ist einem der Name de Luce natürlich nicht fremd. Schließlich steht eure Familie im Who’s who.«

»Beschäftigen Sie sich denn ernsthaft mit englischen Landsitzen, Mr Pemberton?«

Er lachte.

»Schon. Allerdings rein beruflich. Genau genommen schreibe ich ein Buch über dieses Thema. Vielleicht nenne ich es Pembertons Herrensitze: Ein Bummel durch die Zeitläufte. Klingt eindrucksvoll, oder?«

»Kommt drauf an, wen Sie beeindrucken wollen, aber doch, irgendwie schon …«

»Ich wohne natürlich in London, aber ich bin jetzt schon eine ganze Weile in diesem Teil des Landes unterwegs und kritzle vor mich hin. Eigentlich hatte ich gehofft, mich auf eurem Anwesen ein wenig umsehen und vielleicht deinen Vater interviewen zu dürfen. Darum bin ich hergekommen.«

»Das wird wohl leider nicht möglich sein, Mr Pemberton«, erwiderte ich. »Es hat bei uns auf Buckshaw nämlich einen unerwarteten Todesfall gegeben, und Vater … unterstützt die Polizei bei den Ermittlungen.«

Unwillkürlich verwandte ich einen Satz, den ich schon oft in entsprechenden Radiosendungen gehört hatte und über dessen Bedeutung ich mir, ehe ich ihn selbst aussprach, noch nie Gedanken gemacht hatte.

»Grundgütiger!«, sagte er. »Ein unerwarteter Todesfall? Doch hoffentlich kein Familienmitglied?«

»Nein, ein Wildfremder. Aber seit man den Toten in unserem Garten gefunden hat, ist Vater … Sie verstehen?«

In diesem Augenblick hörte es so unvermittelt zu regnen auf, wie es angefangen hatte. Die Sonne kam heraus, ließ das nasse Gras in allen Regenbogenfarben glitzern, und irgendwo auf der Insel rief ein Kuckuck, geradeso wie am Ende des Gewitters in Beethovens »Pastorale«. Genau so war’s, ich schwöre es!

»Gewiss verstehe ich das«, versicherte Mr Pemberton. »Es würde mir nicht im Traum einfallen, mich aufzudrängen. Falls sich Colonel de Luce irgendwann später mit mir in Verbindung setzen möchte, ich bin im Dreizehn Erpel in Bishop’s Lacey abgestiegen. Mr Stoker leitet die Nachricht sicherlich gerne an mich weiter.«

Ich nahm den Umhang ab und gab ihn ihm zurück.

»Vielen Dank«, sagte ich, »aber jetzt muss ich wieder nach Hause.«

Wir wateten durch den See zurück wie zwei Strandurlauber am Meer.

»Es hat mich sehr gefreut, dich kennenzulernen, Flavia«, verabschiedete sich Mr Pemberton. »Bestimmt werden wir irgendwann noch richtig gute Freunde.«

Ich sah ihm nach, wie er in Richtung Kastanienallee davonschlenderte, bis er außer Sichtweite war. 

11

Ich entdeckte Daffy in der Bibliothek, wo sie ganz oben auf der Rollleiter hockte.

»Wo ist Vater?«, fragte ich.

Sie blätterte um und las weiter, als wäre ich niemals geboren worden.

»Daffy?«

Mein innerer Kessel fing an zu kochen, jener brodelnde Kessel mit diesem okkulten Gebräu, das Flavia die Unsichtbare im Handumdrehen in Flavia den Teufelsbraten verwandeln konnte.

Ich rüttelte einmal kräftig an der Leiter, verpasste ihr einen tüchtigen Stoß und schob los. Hatte man das Ding erst einmal in Gang gesetzt, ließ es sich mühelos weiterrollen, und Daffy klammerte sich oben fest wie eine gelähmte Napfschnecke.

»Lass den Quatsch, Flavia! Hör auf!«

Als der Türrahmen bedenklich schnell näher kam, bremste ich jäh, lief um die Leiter herum und schob sie in die entgegengesetzte Richtung; die ganze Zeit schaukelte und schlingerte Daffy auf der obersten Sprosse wie ein Walfänger in seinem Mastkorb im Nordatlantik.

»Wo ist Vater?«, rief ich.

»Der ist immer noch mit dem Inspektor in seinem Arbeitszimmer. Hör endlich auf!«

Da sie schon ein bisschen blass um die Kiemen war, ließ ich mich erweichen.

Daffy stieg zitternd von der Leiter und betrat vorsichtig

»Manchmal machst du mir richtig Angst«, sagte sie.

Ich wollte schon erwidern, dass ich mir gelegentlich selbst Angst machte, da fiel mir ein, dass Schweigen manchmal vernichtender ist als viele Worte, und ich biss mir auf die Zunge.

In Daffys Augen war immer noch das Weiße zu sehen wie bei einem durchgehenden Zugpferd, und ich beschloss, die Gelegenheit zu nutzen.

»Wo wohnt Miss Mountjoy?«

Daffy sah mich verständnislos an.

»Miss Oberbibliothekarin Mountjoy!«

»Keine Ahnung. Ich war noch ein Kind, als ich zum letzten Mal in der Dorfbücherei war.«

Sie sah mich mit immer noch weit aufgerissenen Augen über ihre Brille an.

»Ich wollte mich mal bei Miss Mountjoy erkundigen, wie man eigentlich Bibliothekarin wird.«

Eine großartige Lüge. Daffys Miene zeigte einen Anflug von Anerkennung.

»Ich weiß nicht, wo sie wohnt«, erwiderte sie. »Frag mal Miss Cool aus der Konditorei. Die weiß, was unter jedem Bett in Bishop’s Lacey liegt.«

Damit ließ sie sich in einen Ohrensessel fallen. »Danke, Daff«, sagte ich, »bist ein Pfundskerl.«

Eine der größten Annehmlichkeiten, die das Wohnen in der Nähe eines Dorfes mit sich bringt, besteht darin, dass man nötigenfalls schnell dort ist. Ich flog auf Gladys über Land und überlegte unterwegs, dass es keine schlechte Idee wäre, ein Logbuch zu führen, so wie es Flugzeugpiloten machen. Inzwischen hatten Gladys und ich bestimmt schon etliche hundert Flugstunden zusammen, die meisten auf der Strecke nach

Einmal waren wir den ganzen Morgen durchgefahren, um ein Wirtshaus zu besichtigen, in dem im Jahre 1747 angeblich Richard Mead einmal übernachtet hatte. Richard (oder Dick, wie ich ihn manchmal zu nennen pflegte) war der Verfasser von Eine schematische Darstellung der Gifte in mehreren Aufsätzen, veröffentlicht 1702, das erste Buch über dieses Thema in englischer Sprache, von dem obendrein eine Erstausgabe der ganze Stolz meiner Chemiebibliothek war. In der Porträtgalerie in meinem Schlafzimmer hatte ich ein Bild von ihm an meinen Spiegel geklemmt. Dort befand er sich in bester Gesellschaft von Henry Cavendish, Robert Bunsen und Carl Wilhelm Scheele, wogegen Daffy und Feely ihre Spiegel mit Pin-ups von Charles Dickens beziehungsweise Mario Lanza verzierten.

Die Konditorei auf der Dorfstraße von Bishop’s Lacey war zwischen das Bestattungsunternehmen und das Fischgeschäft gezwängt. Ich lehnte Gladys an das Schaufenster und drückte auf die Türklinke.

Ein unterdrückter Fluch entfuhr mir. Der Laden war so fest verriegelt und verrammelt wie Fort Knox.

Warum hatte sich das gesamte Universum gegen mich verschworen? Erst der Wandschrank, dann die Bücherei, und jetzt auch noch die Konditorei. Mein Leben verwandelte sich in einen langen Korridor verschlossener Türen.

Ich legte die gewölbten Hände ans Schaufenster und spähte in den schummrigen Ladenraum.

Offenbar war Miss Cool kurz weggegangen oder es war, wie bei allen anderen Einwohnern von Bishop’s Lacey, ein dringender Familiennotfall eingetreten. Mir war zwar klar, dass es zwecklos sein würde, aber ich rüttelte mit beiden Händen an der Türklinke.

Dann fiel mir ein, dass Miss Cool hinter dem Laden ein paar Zimmer bewohnte. Vielleicht hatte sie ja nur vergessen, die Vordertür aufzuschließen. Älteren Menschen passiert so etwas: sie werden tüttelig und...

Wenn sie nun im Schlaf gestorben war? Oder schlimmer, wenn …

Ich sah mich nach beiden Seiten um, aber die Dorfstraße war menschenleer. Aber halt! Ich hatte nicht an Bolt Alley gedacht, eine Gasse wie ein dunkler, feuchter, kopfsteingepflasterter Tunnel zwischen hohen Ziegelwänden, die zu den Höfen hinter den Läden führte. Na klar! Ich machte mich sofort auf den Weg.

In der Bolt Alley müffelte es nach Vergangenheit. Angeblich hatte sich dort einmal eine berüchtigte Gin-Kneipe befunden. Ich erschauerte unwillkürlich, als meine Schritte von den moosbedeckten Mauern und dem tropfenden Dach widerhallten. Ich achtete darauf, dass ich die stinkenden grünfleckigen Wände links und rechts nicht berührte und den säuerlichen Gestank nicht einatmete, bis ich auf der anderen Seite wieder ins helle Sonnenlicht trat.