Miss Cools winziger Hinterhof war von einer niedrigen, zerbröckelnden Ziegelmauer umgeben; das Holztor war von innen verriegelt.
Ich kletterte über die Mauer, marschierte schnurstracks zur Hintertür des Ladens und schlug laut und vernehmlich mit der flachen Hand dagegen.
Dann legte ich das Ohr an die Tür, aber drinnen schien sich nichts zu rühren.
Ich verließ den Weg, stapfte durch das ungemähte Gras und drückte mir die Nase am unteren Rand der schmutzigen Fensterscheibe platt. Die Rückwand eines Geschirrschranks versperrte mir die Sicht.
In einer Ecke des Hofs stand eine baufällige Hundehütte - das war alles, was von Geordie, Miss Cools Collie, übrig geblieben
Ich zerrte das marode Brettergebilde aus dem Lehm und schleifte es quer über den Hof bis direkt unter das Fenster. Dann kletterte ich hinauf.
Vom Dach der Hundehütte aus war es nur noch ein Schritt bis auf den Fenstersims, wo ich schwankend auf der abgeblätterten Farbe balancierte, Arme und Beine ausgestreckt wie Leonardo da Vincis vitruvianischer Mensch, wobei ich mich mit einer Hand am Fensterladen festhielt und mit der anderen versuchte, ein Guckloch in den Schmutz zu reiben.
In dem kleinen Schlafzimmer war es dunkel, aber immerhin hell genug, um die Gestalt zu erkennen, die auf dem Bett lag - das weiße Gesicht, das mich anstarrte, den Mund zu einem grässlichen »O« aufgesperrt.
»Flavia!« Miss Cool rappelte sich mühsam hoch. »Um Himmels willen, was …?« Die Scheibe dämpfte ihre Worte.
Sie fischte ihr Gebiss aus einem Glas, rammte es sich in den Mund, und als sie dann für einen Augenblick verschwand, sprang ich vom Fenstersims. Schon hörte ich, wie sie den Riegel zurückzog. Die Tür ging nach innen auf, dahinter stand Miss Cool - wie ein in die Enge getriebener Dachs - in einem Hauskleid, die Hand am Hals, wo sie sich nervös öffnete und schloss.
»Was um Himmels willen …?«, wiederholte sie. »Was ist denn los?«
»Vorn ist zu«, erwiderte ich. »Ich bin nicht reingekommen.«
»Natürlich ist dort zu. Sonntags ist immer zu. Ich habe gerade ein Nickerchen gemacht.«
Sie rieb sich die kleinen schwarzen Augen, die immer noch ins Licht blinzelten.
Mir dämmerte, dass sie Recht hatte. Es war Sonntag. Es schien mir zwar Jahrzehnte her zu sein, aber es war tatsächlich
Ich muss ziemlich niedergeschlagen ausgesehen haben.
»Was hast du denn, Liebes?«, erkundigte sich Miss Cool. »Macht dir dieser schreckliche Vorfall bei euch zu Hause zu schaffen?«
Sie hatte also auch schon davon gehört.
»Hoffentlich warst du so vernünftig und hast dich von … von … na ja, hast dich davon ferngehalten.«
»Aber gewiss doch, Miss Cool«, entgegnete ich mit bedauerndem Lächeln. »Aber ich darf nicht drüber sprechen. Das verstehen Sie doch bestimmt.«
Auch das war eine Lüge und zwar eine waschechte.
»Was bist du doch für ein braves Mädchen.« Sie ließ rasch den Blick über die mit Vorhängen versehenen Fenster der angrenzenden Häuserreihe schweifen, die auf den Hof hinausgingen. »Aber hier lässt sich nicht gut plaudern. Komm doch rein.«
Sie führte mich durch einen schmalen Flur, von dem auf einer Seite ihr winziges Schlafzimmer und auf der anderen ein Min i-aturwohnzimmer abging. Miss Cool war nicht nur die einzige Konditorin von Bishop’s Lacey, sondern auch die Postamtsvorsteherin, und als solche wusste sie alles, was es so zu wissen gab - nur mit Chemie kannte sie sich natürlich nicht aus.
Sie musterte mich eindringlich, während ich meinerseits die vielen Regale ins Auge nahm, auf denen ein Glas neben dem anderen stand, bis zum Rand voll mit Karamellstangen, Drops und Liebesperlen gefüllt.
»Tut mir furchtbar leid, aber sonntags darf ich dir nichts verkaufen, sonst komm ich noch vor Gericht. Das ist nämlich streng verboten.«
Ich schüttelte bekümmert den Kopf.
»Entschuldigen Sie, ich habe gar nicht dran gedacht, welchen Tag wir heute haben. Ich wollte Sie nicht erschrecken.«
»Na, so schlimm war’s ja auch wieder nicht.« Mit einem Mal fand sie ihre Geschwätzigkeit wieder, lief geschäftig im Laden hin und her und griff zerstreut nach diesem und jenem.
»Bestell doch deinem Vater, dass bald ein neuer Satz Briefmarken herauskommt. Nichts direkt Umwerfendes, jedenfalls meiner Meinung nach, halt wieder das gleiche Bild von unserem König Georg, Gott segne ihn, nur ein bisschen aufgepeppt: lauter neue Farben.«
»Das ist nett, Miss Cool, ich werd’s ihm ganz bestimmt ausrichten.«
»Die dort im Londoner Postministerium könnten sich ruhig mal was Pfiffigeres einfallen lassen«, fuhr sie fort, »aber soweit ich gehört habe, heben sie sich ihr Gehirnschmalz für nächstes Jahr auf, wenn das Festival of Britain gefeiert werden soll.«
»Können Sie mir vielleicht sagen, wo Miss Mountjoy wohnt?«, unterbrach ich sie.
»Tilda Mountjoy?« Sie klang sofort argwöhnisch. »Was willst du denn von der?«
»Sie war neulich in der Bücherei so hilfsbereit zu mir, da wollte ich ihr als Dankeschön etwas zum Naschen vorbeibringen.«
Passend zur Lüge lächelte ich besonders süßlich.
Dabei war es eine schamlose Lüge. Bis gerade eben war ich gar nicht auf einen solchen Gedanken gekommen, aber jetzt begriff ich, dass ich damit vielleicht zwei Fliegen mit einer Klappe erledigen konnte.
»Stimmt, ja«, sagte Miss Cool. »Margaret Pickery ist zu ihrer Schwester nach Nether-Wolsey gefahren: Nähmaschine, Nadel, Finger, Zwillinge, trunksüchtiger Mann, unbezahlte Rechnungen … und schon kann sich Tilda Mountjoy endlich mal wieder nützlich machen … - Saure Drops«, sagte sie plötzlich und ganz unvermittelt. »Sonntag hin oder her, saure Drops sind genau das Richtige.«
»Dann nehme ich welche für Sixpence«, sagte ich.
»… und noch für einen Shilling Karamellstangen«, setzte ich hinzu. Karamellstangen waren mein heimliches Laster.
Miss Cool ging auf Zehenspitzen nach vorn in den Laden und zog die Jalousien herunter.
»Das bleibt aber unter uns!«, raunte sie verschwörerisch.
Dann löffelte sie die sauren Drops in eine violette Papiertüte, deren Farbe derart an Beerdigungen erinnerte, dass sie förmlich danach schrie, mit einem oder zwei Schuss Arsen oder nux vomica abgefüllt zu werden.
»Macht einen Shilling Sixpence.« Sie wickelte die Karamellstangen in Papier. Ich gab ihr zwei Shilling, und als sie in ihren Taschen kramte, sagte ich: »Ist schon gut, Miss Cool, behalten Sie das Wechselgeld.«
Sie strahlte. »Was bist du doch für ein liebes Kind!« Dann steckte sie noch eine Karamellstange dazu. »Wenn ich selbst Kinder hätte, könnte ich mich glücklich schätzen, wenn sie auch nur halb so aufmerksam und großzügig wären wie du.«
Als sie mir den Weg zu Miss Mountjoys Haus beschrieb, gönnte ich ihr ein halbes Lächeln und hob die andere Hälfte für mich auf.
»Die Weidenvilla. Nicht zu verfehlen. Ein orangefarbenes Haus.«
Die Weidenvilla war tatsächlich orangefarben. So ein Orange sieht man sonst nur bei Totenkopfpilzen, kurz bevor ihnen die eigentlich dunkelrote Kappe abfällt. Das Haus lag im Schatten der wehenden grünen Schleier einer gewaltigen Trauerweide, deren Zweige sich unruhig im Wind bewegten und den Boden unter dem Baum blank fegten wie ein Regiment Hexenbesen. Ich musste an ein Musikstück aus dem 17. Jahrhundert denken, das Feely manchmal spielte und sang - und zwar sehr wohlklingend, wie ich zugeben muss -, wenn sie an Ned dachte. Auch darin kam eine Weide vor:
The willow-tree will twist, and the willow-tree will twine, O I wish I was in the dear youth’s arms that once had the heart of mine.
Das Lied hieß The Seeds of Love - Die Saat der Liebe, obwohl ich beim Anblick einer Weide nicht als Erstes an Liebe dachte, ganz im Gegenteiclass="underline" Weiden erinnerten mich immer an Ophelia (nicht meine, sondern die von Shakespeare), die sich in der Nähe einer Weide ertränkte.