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Bis auf ein taschentuchgroßes Rasenfleckchen am Rand füllte Miss Mountjoys Weide den eingezäunten Vorgarten zur Gänze aus. Noch auf der Treppe vor der Haustür war es feucht und klamm. Die herunterhängenden Weidenruten bildeten eine Art grüne Käseglocke, durch die nur wenig Licht drang, wodurch man sich vorkam wie unter Wasser. Leuchtend grünes Moos verwandelte die Treppenstufen in schwammartige Gebilde, Wasserflecken streckten ihre traurigen schwarzen Finger über die orangefarbene Fassade.

Der angelaufene Messingklopfer war die grinsende Fratze eines Lincoln-Kobolds. Ich hob ihn an und klopfte behutsam mehrere Male. Beim Warten schaute ich unschuldig in die Luft, nur für den Fall, dass jemand durch die Vorhänge spähte.

Aber die verstaubte Borte hing so reglos im Fenster, als rührte sich im ganzen Haus kein Lüftchen.

Ein Weg aus abgetretenen Ziegelsteinen führte links am Haus vorbei, und als ich ein, zwei Minuten vergeblich vor der Tür gewartet hatte, ging ich ums Haus herum.

Die Hintertür war hinter langen Weidenruten kaum zu erkennen. Durch die Zweige ging eine wellenförmige Bewegung, eine Art erwartungsvolles Raunen, als könnte sich jeden Augenblick ein knallbunter Theatervorhang heben.

Ich versuchte, durch eine der kleinen Scheiben in der Tür zu spähen. Vielleicht wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte …

»Was machst du da?«

Ich fuhr herum.

Miss Mountjoy stand vor der Weidenkäseglocke und schaute zu mir hinein. Durch die Zweige und Blätter sah ich ihr Gesicht nur in vertikalen Streifen, aber was ich davon erkannte, machte mich leicht nervös.

»Ich bin’s bloß, Miss Mountjoy … Flavia«, sagte ich. »Ich wollte mich bei Ihnen bedanken, weil Sie mir in der Bücherei so nett geholfen haben.«

Die Weidenruten raschelten, als Miss Mountjoy durch den Laubvorhang trat. Sie hielt eine Gartenschere in einer Hand, und sie sagte nichts. Ihre Augen jedoch, die wie zwei blitzende Rosinen in ihrem faltigen Gesicht saßen, ließen meinen Blick nicht los.

Als ich zurückwich, baute sie sich auf dem Gartenweg auf und verstellte mir den Fluchtweg.

»Ich weiß sehr gut, wer du bist«, entgegnete sie. »Du bist Flavia Sabina Dolores de Luce - Schnäppis jüngste Tochter.«

»Sie wissen, wer mein Vater ist?!« Ich schnappte nach Luft.

»Selbstverständlich weiß ich das, Mädel. Wenn man so alt ist wie ich, weiß man eine ganze Menge.«

Ehe ich es verhindern konnte, sprang die Wahrheit aus mir heraus wie ein Korken aus einer Flasche.

»›Dolores‹ ist gelogen«, gestand ich. »Manchmal denke ich mir irgendwas aus.«

Sie machte einen Schritt auf mich zu.

»Was willst du hier?«, flüsterte sie heiser.

Ich griff in meine Tasche und angelte die Tüte mit den Sü ßigkeiten heraus.

»Ich wollte Ihnen ein paar saure Drops bringen und mich entschuldigen, dass ich so unhöflich war. Hoffentlich nehmen Sie meine kleine Versöhnungsgabe an.«

Sie stieß ein pfeifendes Keuchen aus, das ich als Lachen deutete.

»Den Tipp hast du bestimmt von Miss Cool, stimmt’s?«

Wie der Dorftrottel in einer Pantomime nickte ich einige Male übertrieben heftig.

»Es tut mir richtig leid, wie Ihr Onkel - Mr Twining - gestorben ist«, sagte ich und meinte es auch so. »Ehrlich. Ich find’s irgendwie ungerecht.«

»Ungerecht? Na ja, gerecht war es wirklich nicht«, erwiderte sie. »Aber ungerecht würde ich es auch nicht nennen, sondern … Weißt du, was es war?«

»Nein«, erwiderte ich leise.

»Es war Mord. Schlicht und ergreifend Mord.«

»Und wer war der Mörder?« Manchmal überrumpelte mich meine eigene Zunge.

Ein unbestimmter Ausdruck glitt über Miss Mountjoys Gesicht wie eine Wolke über den Mond, als hätte sie sich ihr Leben lang auf diese eine Rolle vorbereitet und jetzt, da sie mitten auf der Bühne im Scheinwerferlicht stand, den Text vergessen.

»Diese Jungen«, sagte sie schließlich. »Diese elenden, widerwärtigen Jungen. Ich kann sie einfach nicht vergessen, trotz ihrer Apfelbäckchen und all ihrer zur Schau getragenen Schulbubenunschuld.«

»Und mein Vater war einer von diesen Jungen«, sagte ich leise.

Ihr Blick schien in die Vergangenheit gerichtet und kehrte nur zögerlich in die Gegenwart und damit zu mir zurück.

»Ja. Laurence de Luce. Schnäppi. Das war der Spitzname deines Vaters, Schnäppi. Den hatte er eigentlich bei seinen Mitschülern weg, und doch hat ihn später sogar der Leichenbeschauer vor Gericht so genannt: ›Schnäppi‹. Als er sich in der Verhandlung zur Todesursache äußerte, sprach er den Namen so sanft aus, ja, beinahe zärtlich - als sei er dem ganzen Gerichtssaal wohl bekannt.«

»Hat mein Vater anlässlich dieser Untersuchung ausgesagt?«

»Selbstverständlich. Als Zeuge. Wie die anderen Jungen auch. Das war damals so üblich. Er hat natürlich jegliche Beteiligung oder Mitschuld abgestritten. Eine wertvolle Briefmarke war aus der Sammlung des Direktors gestohlen worden, aber alle riefen nur: ›Nein, Sir, ich war’s nicht, Sir!‹ Als wären der Marke wie durch Zauberei kleine schmutzige Finger gewachsen und sie hätte sich selber stibitzt!«

Ich wollte schon erwidern: »Mein Vater ist aber kein Dieb und auch kein Lügner«, da begriff ich mit einem Mal, dass nichts, was ich dagegenhalten würde, Mrs Mountjoys jahrzehntelang gehegte Überzeugung umstoßen konnte. Also ging ich zum Angriff über.

»Warum haben Sie heute Vormittag den Gottesdienst verlassen?«

Miss Mountjoy fuhr zusammen, als hätte ich ihr ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet.

»Du nimmst aber auch kein Blatt vor den Mund, was?«

»Nein. Es hatte etwas mit der Predigt zu tun, mit dem Fremden in unserer Mitte, stimmt’s? Mit dem Toten, den ich in unserem Garten gefunden habe.«

»Du hast die Leiche gefunden? Du?«, zischte sie durch die Zähne wie ein Teekessel.

»Ja.«

»Dann verrat mir eins: Hatte er rote Haare?« Sie machte die Augen zu und hielt sie in Erwartung meiner Antwort geschlossen.

»Ja, er hatte rote Haare.«

»Dank sei Dir, o Herr, für Deine Segnungen«, hauchte sie und machte die Augen wieder auf. Diese Reaktion fand ich nicht nur ausgesprochen absonderlich, sondern irgendwie auch ziemlich unchristlich.

»Wie bitte?«, fragte ich.

»Ich habe ihn gleich wiedererkannt«, entgegnete sie. »Nach so vielen Jahren wusste ich gleich, wer er war, als ich diesen rotenDreizehn Erpel herauskommen sah. Und wenn nicht, dann hätten mir sein großspuriger Gang, seine maßlose Überheblichkeit und diese kalten blauen Augen - und zwar jedes einzeln für sich - verraten, dass Horace Bonepenny nach Bishop’s Lacey zurückgekehrt ist.«

Ich begriff allmählich überhaupt nichts mehr.

»Vielleicht verstehst du jetzt, warum ich unmöglich mit der Gemeinde für die schwarze Seele dieses Jungen - beziehungsweise Mannes - beten konnte.«

Sie nahm mir die Tüte mit den sauren Drops aus der Hand, steckte sich einen in den Mund und den Rest in die Tasche.

»Ganz im Gegenteil«, fuhr sie fort. »Ich bete, dass er inzwischen in der Hölle schmort.«

Damit verschwand sie in ihrer feuchtkalten Behausung und knallte die Tür hinter sich zu.

Wer in aller Welt war Horace Bonepenny? Und was hatte ihn nach Bishop’s Lacey zurückgeführt?

Mir fiel nur ein Mensch ein, den ich womöglich dazu bringen konnte, mir mehr darüber zu erzählen.

Als ich in die Kastanienallee nach Buckshaw einbog, sah ich sofort, dass der blaue Vauxhall nicht mehr vor unserer Tür stand. Inspektor Hewitt und seine Männer waren weg.

Ich schob Gladys hinters Haus. Aus dem Gewächshaus ertönte ein metallisches Scheppern. Ich schaute durch die Tür. Es war Dogger.