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Ich schloss das Arbeitszimmer möglichst geräuschlos wieder zu. Die beiden Heulbojen waren immer noch im Salon, denn ihre an- und wieder abschwellenden Klage- und Zornesäußerungen waren unüberhörbar. Ich hätte bequem an der Tür lauschen können, aber ich hatte Wichtigeres zu tun.

Wie ein Gespenst huschte ich die Westtreppe hinauf und in den Südflügel.

Erwartungsgemäß war es in Vaters Zimmer dunkel. Unzählige Male hatte ich vom Garten aus zu diesen Fenstern emporgeblickt, und jedes Mal waren die dicken Vorhänge zugezogen gewesen.

Der Raum glich einem Museum nach Ende der offiziellen Öffnungszeit. Der starke Geruch von Vaters Duft- und Rasierwässerchen gemahnte an offene Sarkophage und Kanopen, die einst mit wohlriechenden Essenzen gefüllt gewesen waren. Die zierlich geschwungenen Beine des Queen-Anne-Waschtischs wirkten neben dem düsteren gotischen Bett in der Ecke nahezu anstößig, als würde ein grämlicher alter Kammerherr mürrisch dabei zusehen, wie seine Geliebte ihre Seidenstrümpfe von den langen, jugendlichen Beinen rollte.

Sogar die beiden Uhren ließen an längst vergangene Zeiten Die Schlangengrube und das Pendel langsam und tickend hin- und herschwang und matt im Zwielicht blinkte. Im stummen Widerspruch dazu stand auf dem Nachttisch eine kleine georgianische Uhr. Ihre Zeiger standen auf 3.15 Uhr, die der Kaminuhr auf 3.12 Uhr.

Ich ging einmal quer durchs Zimmer.

Harriets Ankleidezimmer - das man nur durch Vaters Schlafzimmer betreten konnte - war verbotenes Territorium. Vater hatte uns dazu erzogen, den Schrein zu respektieren, den er an dem Tag, als er von ihrem Tod erfahren hatte, für sie errichtet hatte. Das war ihm gelungen, indem er uns in dem nie recht widersprochenen Glauben ließ, dass wir bei der allerkleinsten Verletzung dieses Gebots unverzüglich im Gänsemarsch ans Ende des Gartens geführt, an die Backsteinmauer gestellt und standrechtlich erschossen würden.

Die Tür zu Harriets Zimmer war mit grünem Baumwollflanell verhängt und glich eher einem hochkant gestellten Billardtisch. Ich drückte behutsam dagegen und sie öffnete sich beunruhigend lautlos.

Dieses Zimmer wiederum war gleißend hell. Von drei Seiten ergossen sich durch die hohen Fenster wahre Flutwellen aus Sonnenlicht und wurden von bauschigen Dra pierungen aus italienischer Spitze zerstreut. Überhaupt erinnerte das Gemach an das Bühnenbild für ein Stück über den Herzog und die Herzogin von Windsor. Auf der Frisierkommode lagen lauter Bürsten und Kämme von Fabergé, als wäre Harriet nur mal eben ins angrenzende Bad gegangen. An den Parfümflakons von Lalique hingen bunte Ketten aus Bakelit und Bernstein, daneben standen eine niedliche kleine Kochplatte und ein versilberter Teekessel bereit, sodass sie sich den ersten Morgentee selbst zubereiten konnte. In einer schlanken Glasvase verwelkte eine einzelne gelbe Rose.

Auf einem ovalen Tablett stand ein winziges geschliffenes Parfümfläschchen, das kaum mehr als ein, zwei Tropfen enthielt. Ich zog den Stöpsel heraus und führte ihn unter meiner Nase hin und her.

Es duftete nach kleinen blauen Blumen, nach Bergwiesen und nach Eis.

Ein seltsames Gefühl überkam mich, beziehungsweise ging durch mich hindurch, als wäre ich ein Regenschirm, der sich daran erinnert, wie es ist, wenn man sich bei Regen öffnet. Ich schaute auf das Etikett. Dort stand nur ein Wort: Miratrix.

Ein silbernes Zigarettenetui mit den Initialen H. de L. lag neben einem Handspiegel, auf dessen Rückseite die Flora aus Botticellis Gemälde Primavera eingraviert war. Auf den Drucken nach dem Original war es mir noch nie aufgefallen, aber Flora sah unverkennbar schwanger aus - und durchaus glücklich darüber. Hatte mein Vater Harriet den Spiegel womöglich geschenkt, als sie mit einer von uns schwanger gewesen war? Und wenn ja, mit welcher von uns dreien, mit Feely, mit Daffy oder mit mir? Letzteres hielt ich für eher unwahrscheinlich, eine dritte Tochter war wohl kaum ein Geschenk der Götter gewesen - zumindest nicht in den Augen meines Vaters.

Nein, vermutlich war es Ophelia, die Erstgeborene, gewesen, die ja schon mit einem Spiegel in der Hand auf die Welt gekommen war … vielleicht sogar mit dem hier.

An einem Fenster stand ein Korbsessel, ein wunderbares Plätzchen zum Lesen, und hier, gleich in Reichweite, stand auch Harriets kleine Privatbibliothek. Sie hatte die Bücher aus ihrer Schulzeit in Kanada und den Sommern, die sie bei ihrer Tante in Boston verbracht hatte, nach England mitgenommen: Anne auf Green Gables und Jane in Lantern Hill standen gleich neben Penrod und Merton der Leinwandheld von einem Harry Leon Wilson, und am Ende der Reihe lehnte eine mit Eselsohren versehene Ausgabe von Martyrium im Kloster - die schockierenden Enthüllungen der Maria Monk. Keins der

Auf einem runden Tischchen daneben lag ein Fotoalbum. Ich klappte es auf. Die Seiten bestanden aus grobem, schwarzem Karton, die schwarz-weißen Schnappschüsse trugen Unterschriften mit Kreidestift: Harriet (2 Jahre alt) im Morr is House, Harriet (15 Jahre alt) in Miss Bodycotes Höherer Mädchenschule (1930 - Toronto, Kanada), Harriet mit ihrem Flugzeugdoppeldecker namens »Blithe Spirit«, einer de Havil land Gypsy Moth (1938), Harriet in Tibet (1939).

Die Fotos zeigten, wie sich Harriet von einer pummligen Putte mit goldblondem Lockenschopf zu einem großen, schlanken, lachenden Mädchen (ohne erkennbaren Busen) im Hockey-Trikot und schließlich zu einem Filmstar mit blonder Ponyfrisur wandelte, und wie Amelia Earhart neben ihrem Doppeldecker stand, eine Hand lässig auf das Cockpit gelegt. Von Vater gab es kein einziges Foto. Von uns drei Schwestern auch nicht.

Auf jedem Foto sah Harriet aus, als hätte man Feelys, Daffys und mein Aussehen zusammengeschüttet, einmal kräftig durchgerührt und daraus diese selbstbewusst lächelnde und zugleich liebenswert zurückhaltende Abenteurerin zusammengesetzt.

Als ich ihr Gesicht betrachtete und den Versuch unternahm, durch das Fotopapier bis in ihre Seele zu blicken, klopfte es leise.

Kurze Stille … dann klopfte es noch einmal. Und die Tür ging langsam auf.

Es war Dogger. Er streckte zaghaft den Kopf ins Zimmer.

»Colonel de Luce?«, fragte er. »Sind Sie da drin?«

Ich rührte mich nicht und wagte kaum zu atmen. Dogger machte keine Anstalten einzutreten, sondern blickte stur geradeaus, in der abwartenden Haltung des erfahrenen Dieners,

Aber was hatte er vor? Hatte er mir nicht eben erst erzählt, die Polizei habe meinen Vater mitgenommen? Wie kam er jetzt darauf, dass er ihn in seinem Arbeitszimmer antreffen könnte? War Dogger dermaßen durch den Wind? Oder beschattete er mich womöglich?

Ich öffnete die Lippen ein wenig und atmete langsam durch den Mund, damit mich kein versehentliches Pfeifen der Nase verriet; gleichzeitig sprach ich ein stummes Stoßgebet, dass ich jetzt bitte, bitte nicht niesen musste.

Dogger stand eine halbe Ewigkeit in der Tür wie ein Tableau vivant. Ich hatte in der Bibliothek Stiche von diesem altmodischen Zeitvertreib gesehen, wo man Schauspieler mit Schminke und Puder zutünchte, ehe sie sich zu lebenden, oftmals recht freizügigen Bildern gruppierten, die angeblich Szenen aus dem Leben der antiken Götter darstellen sollten.

Als ich nach einer ganzen Weile hervorragend nachvollziehen konnte, wie sich ein vor Schreck erstarrtes Kaninchen fühlen musste, zog Dogger den Kopf zurück und schloss geräuschlos die Tür.

Hatte er mich gesehen? Und wenn ja, tat er dann jetzt so, als ob nicht?

Ich horchte, aber nebenan war nichts zu hören. Dogger würde sich nicht lange mit Abwarten aufhalten, und als ich fand, dass genug Zeit vergangen war, öffnete ich die Tür und spähte ins Nebenzimmer.