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Vaters Zimmer war noch genauso, wie ich es verlassen hatte. Die beiden Uhren tickten vor sich hin, nur dass mir das Ticken jetzt viel lauter vorkam, weil mir der Schreck noch in den Knochen saß. Da mir klar war, dass eine solche Gelegenheit nie wiederkommen würde, fing ich unverzüglich mit der Suche an, indem ich dieselbe Methode anwandte wie in Vaters Arbeitszimmer. Weil aber dieses Zimmer so spartanisch

Das einzige Buch im Zimmer war ein Verkaufskatalog von Stanley Gibbons für eine Briefmarkenauktion, die in drei Monaten abgehalten werden sollte. Ich drehte ihn um und blätterte ihn durch, aber nichts fiel heraus.

In Vaters Schrank hingen erschreckend wenig Kleider: ein paar alte Tweedjacken mit Lederflicken auf den Ellenbogen (die Taschen waren leer), zwei Wollpullover und mehrere Hemden. Ich fasste in die Schuhe und in ein Paar uralte Soldatenstiefel, entdeckte aber nichts.

Das war bedauerlich, denn sonst besaß Vater nur noch seinen Sonntagsanzug, und den musste er angehabt haben, als Inspektor Hewitt ihn mitgenommen hatte. (Das Wort »festgenommen« wollte ich noch nicht einmal denken.)

Vielleicht hatte er die durchbohrte Penny Black irgendwo anders versteckt - zum Beispiel im Handschuhfach von Harriets Rolls-Royce. Genauso wahrscheinlich war es, dass er die Marke längst vernichtet hatte. Eigentlich war das die logischste Lösung. Eine beschädigte Briefmarke ist wertlos. Ihr Anblick hatte Vater aufgewühlt, und es schien mir nur folgerichtig, dass er, kaum dass er am Freitag sein Zimmer aufgesucht hatte, ein Streichholz daran gehalten hatte.

Das hätte allerdings Spuren hinterlassen: Asche im Aschenbecher, ein abgebranntes Streichholz im Papierkorb. Ein Blick genügte, denn beide Behältnisse standen direkt vor mir - und waren leer.

Vielleicht hatte Vater eventuelle Indizien ja ins Klo gespült.

Als ich das dachte, merkte ich, dass ich mich schon an den letzten Strohhalm klammerte.

Gib’s auf, dachte ich. Überlass es der Polizei. Geh wieder in dein gemütliches Labor und arbeite weiter an deinem Lebenswerk.

Ich überlegte - aber nur einen prickelnden Augenblick

Aber diese Freuden musste ich zurückstellen. Ich stand gegenüber Vater in der Pflicht, und es war nun einmal mir zugefallen, ihm zu helfen, besonders jetzt, da er sich selbst nicht helfen konnte. Eigentlich hätte ich mir Zutritt zu seinem Gefängnis verschaffen müssen, ganz gleich, wo man ihn festhielt, und ihm nach Art des Treueschwurs der mittelalterlichen Knappen mein Schwert zu Füßen legen. Auch wenn ich ihm nicht gleich helfen konnte, sollte er doch wissen, dass ich ihn keineswegs im Stich ließ, und da merkte ich auf einmal, wie schmerzlich er mir fehlte.

Ich hatte eine Eingebung. Wie viele Meilen waren es bis Hinley? Konnte ich noch vor Einbruch der Dunkelheit dort eintreffen? Würde man mich überhaupt zu ihm lassen?

Ich bekam derartiges Herzklopfen, als hätte mir jemand eine Tasse Fingerhuttee untergejubelt.

Zeit aufzubrechen. Ich hatte mich lange genug hier aufgehalten. Ein Blick auf die Nachttischuhr - sie zeigte inzwischen 15.40 Uhr. Auch das Ungetüm auf dem Kamin tickte unbeirrt weiter und stand auf 15.37 Uhr.

Vater war anscheinend mit den Gedanken woanders gewesen, sonst wäre ihm aufgefallen, dass die Uhren nicht übereinstimmten. Eigentlich duldete er keine Unregelmäßigkeiten, was die Tageszeit betraf. Ich erinnerte mich, wie er Dogger (wenn auch immerhin nicht uns) geradezu militärische Befehle zu erteilen pflegte:

»Bring dem Vikar diese Gladiolen, Dogger, und zwar Punkt

Ich betrachtete die beiden Uhren, in der Hoffnung, dass sie mir einen Hinweis liefern konnten. Als Vater einmal, was selten vorkam, in mitteilsamer Stimmung gewesen war, hatte er uns anvertraut, dass er sich hauptsächlich wegen ihrer Nachdenklichkeit in Harriet verliebt hatte. »Kommt bei Frauen selten vor, wenn ich es mir recht überlege«, hatte er gesagt.

Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Eine der Uhren war angehalten worden - und zwar genau drei Minuten lang. Das Ungetüm auf dem Kaminsims.

Ich schob mich auf sie zu, als müsste ich mich an einen Vogel anschleichen. Das dunkle Gehäuse verlieh ihr das trübselige Aussehen einer viktorianischen Leichenkutsche: lauter Messingverzierungen, Glas und schwarzer Schellack.

Ich beobachtete, wie sich meine Hand, klein und weiß im Dämmerlicht, danach ausstreckte, spürte, wie meine Finger die kalte Oberfläche streiften, wie mein Daumen den silbernen Riegel hochschob. Das schwere Messingpendel schwang dicht vor meinen Fingerkuppen hin und her und gab sein gespenstisches Tick-Tack, Tick-Tack von sich. Beinahe hätte ich mich nicht getraut, es anzufassen. Ich holte tief Luft und griff zu. Die Trägheit ließ das Pendel in meiner Hand beben wie einen gefangenen Goldfisch, wie das verräterische Herz, ehe es endgültig verstummt.

Ich befühlte die Rückseite. Dort war etwas befestigt … festgeklebt … ein winziges Päckchen. Ich zog daran. Es löste sich und fiel in meine Handfläche. Ich hatte die Hand noch nicht aus dem Innenleben der Uhr gezogen, da wusste ich schon, was sich meinem Blick darbieten würde … und ich irrte mich nicht. Auf meiner flachen Hand lag ein kleiner Pergaminumschlag, in dem gut sichtbar eine Penny-Black-Briefmarke steckte. Eine Penny Black mit einem Loch in der Mitte, wie es der Schnabel

Ich zog die Marke behutsam aus dem Umschlag heraus und betrachtete sie näher. Zunächst einmal hatte Königin Viktoria ein Loch im Kopf. Das mochte zwar nicht sehr vaterländisch sein, konnte aber einen gestandenen Mann wohl kaum derart erschüttern. Nein, es musste etwas anderes dahinterstecken.

Was unterschied diese eine Marke von allen anderen ihrer Art? Hatten Briefmarken nicht Millionenauflagen?

Vor einiger Zeit hatte Vater - in der Absicht, unsere Allgemeinbildung zu erweitern - verkündet, dass die Mittwochabende künftig für eine Reihe von Pflichtvorträgen (der Referent war er selbst) über verschiedene Aspekte des britischen Regierungswesens reserviert seien. »Vortragsreihe A«, wie er sich ausdrückte, sollte sich - wer hätte das gedacht? - mit der »Geschichte der Penny Post« beschäftigen.

Daffy, Feely und ich hatten unsere Notizbücher mit in den Salon gebracht und so getan, als würden wir mitschreiben, wobei wir uns allerdings Zettelchen zusteckten, auf denen »Du bist vielleicht’ne Marke!« oder »Ich kleb dir gleich eine!« stand.

Briefmarken wurden, wie Vater erläuterte, in Bögen zu je hundertundvierzig Stück gedruckt, zwanzig Reihen zu je zwölf Marken, was ich mir leicht merken konnte, da 20 die Ordnungszahl von Kalzium und 12 die von Magnesium ist - ich brauchte mir also nur CaMg zu merken. Jede Marke auf einem Bogen war mit einer unverwechselbaren Kennung versehen, wobei es mit »AA« auf der linken oberen Marke losging und alphabetisch fortlaufend von links nach rechts bis »T L« am rechten Ende der zwanzigsten beziehungsweise untersten Reihe zählte.

Dieses Schema war laut Vater von der Post zum Schutz gegen Fälschungen eingeführt worden, obwohl wir nicht recht begriffen,

Ich betrachtete noch einmal die Marke in meiner Hand. Unter Königin Viktorias Kopf stand ON E PENNY. Links davon erkannte man den Buchstaben B, rechts davon den Buchstaben H.

Das ergab: B ONE PENNY, H

»BH«. Demnach stammte diese Marke aus der zweiten Reihe des Druckbogens, achte Reihe von links. Zwo-acht. Bedeutete das irgendetwas? Abgesehen von der Tatsache, dass 28 die Ordnungszahl von Nickel war, fiel mir nichts dazu ein.

Da hatte ich einen Geistesblitz: Es ging gar nicht um eine Zahl, sondern um ein Wort!

BONEPENNY! Und nicht nur einfach Bonepenny, sondern BONEPENNY, H.!- Horace Bonepenny!

Auf den Schnabel einer toten Zwergschnepfe gespießt, stellte die Briefmarke zugleich eine Visitenkarte und eine Morddrohung dar. Und Vater hatte die Drohung auf Anhieb entschlüsselt und begriffen.