Der Vogelschnabel hatte den Kopf der Königin durchbohrt, den Namen des Absenders jedoch unversehrt gelassen - für jeden, der Augen hatte zu sehen.
Horace Bonepenny. Der verstorbene Horace Bonepenny.
Auf dem Hügel zeigte ein morscher Wegweiser - der klägliche Überrest eines Galgens aus dem 18. Jahrhundert - in zwei entgegengesetzte Richtungen. Hinley konnte man entweder über die Straße nach Doddingsley erreichen oder auf der etwas längeren und dafür weniger befahrenen Straße, die durch das Dörfchen St. Elfrieda führte. Ersteres ging schneller, Letzteres
»Har-har-har!«, lachte ich voll bitterer Ironie. Wer würde mich schon vermissen?
Trotzdem wandten Gladys und ich uns nach rechts und hielten auf St. Elfrieda zu. Da es nur bergab ging, kamen wir gut voran. Als ich per Rücktritt bremste, gab die Sturmey-Archer-Dreigangschaltung an Gladys’ Hinterrad ein Geräusch von sich wie ein Sack wütender, giftspritzender Klapperschlangen. Ich malte mir aus, ich würde von den Viechern verfolgt, die mir in die Fersen beißen wollten. Es war einfach herrlich! Seit ich damals mittels Extraktion und anschließender Verdampfung aus den Aronstabpflanzen, die im Lilienteich des Vikars wuchsen, ein künstliches Kurare hergestellt hatte, war ich nicht mehr so prächtiger Laune gewesen.
Ich legte die Füße auf den Lenker und ließ Gladys freien Lauf. Als wir den staubigen Hügel hinuntersausten, trällerte ich:
Seht, da kommt sie, munter und froh -
das Mädel mit dem knackigen … Apfel!
13
Als wir am Fuß des Oakshott Hill angekommen waren, musste ich auf einmal wieder an Vater denken, und mit diesem Gedanken kam die Traurigkeit zurück. Glaubte die Polizei allen Ernstes, dass mein Vater Horace Bonepenny ermordet hatte? Und wie sollte er das angestellt haben, bitteschön? Hätte er ihn unter meinem Schlafzimmerfenster abgemurkst, hätte sich das Ganze nur vollkommen geräuschlos abspielen können. Ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass Vater jemanden umbrachte, ohne dabei laut zu werden.
Aber ehe ich weiterspekulieren konnte, wurde die Straße ebener und bog schließlich nach Cottesmore und Doddingsley Magna ab. Im Schatten einer uralten Eiche, auf der Bank einer Bushaltestelle, saß eine wohlbekannte Gestalt: ein Hutzelmännlein in einer Überfallhose, das wie ein in der Wäsche eingelaufener George Bernard Shaw aussah. Der Gnom saß dort so ruhig und zufrieden und baumelte mit den Beinen, als wäre er auf dieser Bank geboren worden und hätte seither sein ganzes Leben darauf verbracht.
Es war unser Nachbar Maximilian Brock, und ich hoffte inständig, dass er mich nicht gesehen hatte. In Bishop’s Lacey munkelte man, Max verdiene sich jetzt, nachdem er sich aus der Welt der Musik zurückgezogen hatte, heimlich seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Skandalgeschichten für amerikanische Heftchenreihen wie Vertrauliche Geständnisse und Heiße Romanzen - und zwar unter weiblichen Pseudonymen wie zum Beispiel Lala Dupree.
Weil er jeden, der ihm über den Weg lief, neugierig auszufragen pflegte und anschließend alles, was man ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, in hanebüchene Sensationen verwandelte, wurde er hinter seinem Rücken »die Dorfschleuder« genannt. Aber als Feelys ehemaligen Klavierlehrer konnte ich ihn schlechterdings nicht ignorieren.
Ich fuhr an den Straßenrand, tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen, und beschäftigte mich mit Gladys’ Kette. Wenn ich Glück hatte, würde er sich nicht umdrehen, und ich konnte mich hinter der Hecke verstecken, bis er weg war.
»Flavia! Haruh, mon vieux!«
Mist! Er hatte mich entdeckt. Ein Haruh! von Maximilian zu ignorieren entsprach in etwa der Missachtung des elften Gebots - selbst wenn der Ruf von einer Bushaltestelle kam. Darum tat ich so, als hätte ich ihn eben erst entdeckt, setzte ein künstliches Lächeln auf und schob Gladys durchs hohe Gras auf ihn zu.
Maximilian hatte viele Jahre lang auf den Kanalinseln gelebt, wo er als Pianist bei den Alderney Symphonikern gespielt hatte, eine Stellung, die - wie er behauptete - unendliche Geduld und einen beträchtlichen Vorrat an Kriminalromanen erforderte.
Wollte man auf Alderney den Schutz des Gesetzes anrufen (so hatte er es mir einmal beim jährlichen Blumenfest in St. Tankred geschildert), brauchte man sich nur mitten auf den Marktplatz der Stadt zu stellen und »Haruh, haruh, mon prince. On me fait tort!« zu rufen. »Protestgeschrei« wurde dieser Ruf auch genannt, und er bedeutete so viel wie: »Achtung, mein Prinz, jemand tut mir Ungemach!« Mit anderen Worten: Jemand verübt ein Verbrechen an mir.
»Wie geht’s, wie steht’s, mein kleiner Pelikan?«, erkundigte sich Max und legte den Kopf erwartungsvoll schief wie eine Elster, die auf ein Antwortbröckchen wartet.
»Ganz gut«, erwiderte ich zurückhaltend, denn ich entsann
»Und wie geht’s deinem Vater, dem wackeren Colonel?«
Mein Herz machte einen Satz. »Ach, der ist wie immer furchtbar beschäftigt.«
»Und die kleine Miss Ophelia?«, bohrte er weiter. »Malt sie sich immer noch an wie Jezabel und bewundert sich in der silbernen Teekanne?«
Das ging nun aber eindeutig zu weit, fand sogar ich. Dergleichen ging ihn überhaupt nichts an, aber es war allgemein bekannt, dass Maximilian aus heiterem Himmel fürchterlich in Rage geraten konnte. Feely nannte ihn manchmal auch »das Rumpelstilzchen«, und Daffy hatte ihn schon als »Alexander Pope - bloß fieser« bezeichnet.
Trotzdem hatte ich Maximilian, trotz seiner abstoßenden Gewohnheiten und vielleicht wegen unserer ähnlichen Statur, hin und wieder als interessanten und informativen Gesprächspartner erlebt - solange man ihn seiner geringen Körpergröße wegen nicht unterschätzte.
»Der geht’s auch gut, vielen Dank«, erwiderte ich. »Und ihr Teint war heute Vormittag noch durchaus zufriedenstellend.«
Ein »leider!« verkniff ich mir.
»Ach übrigens, Max«, kam ich seiner nächsten Frage zuvor, »glauben Sie, ich kann irgendwann die hübsche kleine Toccata von Paradisi spielen lernen?«
»Nein«, antwortete er wie aus der Pistole geschossen. »Du hast nicht die Hände einer großen Künstlerin. Du hast die Hände einer Giftmischerin.«
Ich grinste. Das war unser Privatscherz. Damit war auch geklärt, dass er noch nichts von dem Mord auf Buckshaw erfahren hatte.
»Und die andere?«, fragte er. »Daphne … deine langsame Schwester?«
»Langsam« bezog sich auf Daffys musikalische Fortschritte beziehungsweise das Ausbleiben derselben. Klavierspielen bedeutete in ihrem Fall das aussichtslose Unterfangen, ihre widerspenstigen Finger auf Tasten zu setzen, die vor ihrer Berührung zurückzuschrecken schienen. Daffys Kampf mit dem Instrument glich dem Kampf der Henne gegen den Fuchs, eine aussichtslose Schlacht, die stets mit Tränen endete. Trotzdem wurde der Krieg fortgeführt, weil Vater darauf bestand.
Als ich Daphne einmal schluchzend mit dem Kopf auf dem geschlossenen Flügel angetroffen hatte, hatte ich geraunt: »Gib’s auf, Daff!«, und sie war wie eine Kampfhenne auf mich losgeflattert.
Ich hatte es sogar mit Ermutigung versucht. Jedes Mal, wenn ich sie auf dem Broadwood spielen hörte, begab ich mich in den Salon, lehnte mich an den Flügel und ließ den Blick in die Ferne schweifen, als verzückte mich ihr Spiel über die Maßen. Normalerweise strafte sie mich mit Nichtachtung, aber als ich mich einmal äußerte: »Was für ein wunderschönes Stück! Wie heißt es denn?«, hätte sie mir beinahe den Deckel auf die Pfoten geknallt.
»Das ist die G-Dur Tonleiter!«, hatte sie gekreischt und war hinausgerannt.