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Es ist nicht immer leicht, auf Buckshaw zu leben.

»Der geht’s prima«, erwiderte ich. »Verschlingt Dickens wie eine Verrückte. Ansonsten kriegt man kein Wort aus ihr raus.«

»Ach ja«, seufzte Maximilian, »der gute alte Dickens.«

Da ihm kein neues Thema einzufallen schien, nutzte ich die Pause.

»Sagen Sie, Max, Sie sind doch ein Mann von Welt …«

Er strahlte und richtete sich zu voller Größe auf.

»Nicht nur ein Mann von Welt, sondern ein Boulevardier«, sagte er.

»Richtig.« Was mochte dieser Ausdruck bedeuten? »Sind Sie schon mal in Stavanger gewesen?« So konnte ich mir vielleicht ersparen, im Atlas nachzuschlagen.

»Meinst du Stavanger in Norwegen?«

»Volltreffer!«, hätte ich fast gejubelt. Horace Bonepenny war in Norwegen gewesen! Ich holte tief Luft, um mich wieder zu fassen, und hoffte, dass Max es für Ungeduld hielt.

»Selbstverständlich«, sagte ich herablassend. »Oder gibt es noch andere Stavangers?«

Vielleicht glaubte er, ich wollte ihn auf den Arm nehmen, denn er kniff die Augen zusammen, und ein kalter Luftzug streifte mich, als die Gewitterwolken eines Maximilian-Wutanfalls die Sonne verdunkelten, aber dann kicherte er nur belustigt wie Quellwasser, das in ein Glas plätschert.

»Über Stavanger bin ich seinerzeit nach Trondheim gereist, wo ich Griegs Klavierkonzert in a-Moll gespielt habe. Grieg war übrigens ebenso Schotte wie Norweger. Sein Großvater kam aus Aberdeen, ist aber seinerzeit nach der Schlacht von Culloden ausgewandert. Hinterher hat er sich bestimmt gefragt, ob er’s wirklich besser getroffen hat, als er die Firths gegen die Fjorde eintauschte.

Das Konzert in Trondheim war ein großer Erfolg, muss ich sagen … freundliche Kritiker, nettes Publikum. Leider haben die Norweger kein Gespür für ihre eigenen Komponisten. Ich habe auch Scarlatti gespielt, um ein bisschen italienische Sonne in diese verschneite nordische Gegend zu bringen, und trotzdem musste ich in der Pause hören, wie ein Handlungsreisender aus Dublin seinem Freund zugeflüstert hat: ›Also mir kommt das alles spanisch vor, Thor.‹«

Ich lächelte höflich, obwohl ich diese uralte Schnurre schon mindestens fünfundvierzigmal gehört hatte.

»Aber das war natürlich noch in der guten alten Zeit vor dem Krieg. Stavanger! Selbstverständlich bin ich dort gewesen. Wie kommst du darauf?«

»Wie sind Sie dort hingekommen? Mit dem Schiff?«

In Stavanger war Horace Bonepenny noch am Leben gewesen, in England war er gestorben, und jetzt wollte ich herausfinden, wo er sich dazwischen aufgehalten hatte.

»Wie sonst? Du willst doch nicht etwa von zu Hause abhauen, Flavia?«

»Nein, nein, wir haben nur gestern Abend beim Abendessen darüber gesprochen, beziehungsweise uns gestritten.«

Auch eine gute Methode, eine Lüge glaubwürdig zu gestalten: einfach eine Portion Offenheit draufpacken.

»Ophelia meinte, dass man sich in London einschiffen muss, Vater bestand auf Hull, Daphne war für Scarborough, aber nur, weil Anne Brontë dort begraben liegt.«

»Newcastle-upon-Tyne«, sagte Maximilian. »Man geht in Newcastle-upon-Tyne an Bord.«

Mit dumpfem Rumpeln kündigte sich der Cottesmore-Bus an, und da kam er auch schon zwischen den Hecken angeschlingert wie ein Huhn auf dem Hochseil. Er hielt direkt vor der Bank und schnaufte von der Anstrengung, mit der er sich die Hügel hinauf- und hinunterquälen musste. Die Türen öffneten sich quietschend.

»Ernie, mon vieux!«, begrüßte Maximilian den Fahrer. »Was macht das Transportwesen?«

»Steig ein.« Ernie blickte stur durch die Windschutzscheibe geradeaus. Falls er den müden Scherz mitgekriegt hatte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.

»Nein, heute fahr ich nicht mit, Ernie. Hab nur meine alten Nieren ein Weilchen auf eurer Bank ausgeruht.«

»Die Bänke sind nur für Fahrgäste vorgesehen, die auf einen Bus warten, so steht’s in den Bestimmungen, Max. Das weißt du genauso gut wie ich.«

»Allerdings, Ernie. Danke, dass du mich dran erinnert hast.«

Max rutschte nach vorne und hüpfte von der Bank.

»Dann mal Tschüss«, sagte er, tippte sich an die Hutkrempe und spazierte wie Charlie Chaplin die Straße hinunter.

Die Türen schlossen sich, Ernie legte den ersten Gang ein, und der Bus setzte sich widerspenstig in Bewegung. So gingen wir alle unserer getrennten Wege: Ernie und sein Bus in Richtung Cottesmore, Max in sein Häuschen, und Gladys und ich setzten unsere Fahrt nach Hinley fort.

Die Polizeiwache in Hinley war in dem Gebäude einer alten Postkutschenstation untergebracht. Eingezwängt zwischen einem kleinen Park und einem Kino, blickte die Fachwerkfront finster über die Straße, die blaue Lampe war am Giebel angebracht. Ein in undefinierbarem Braun gestrichener Anbau aus Schlackenbeton war an die Seitenwand geklatscht wie ein Kuhfladen an einen Eisenbahnwaggon. Dort drin vermutete ich die Arrestzellen.

Ich ließ Gladys an einem Fahrradständer grasen, der schon voller offiziell aussehender schwarzer Raleigh-Räder stand, ging die ausgetretene Vortreppe hoch und trat in die Wachstube.

Dort saß ein uniformierter Sergeant am Schreibtisch, kramte in irgendwelchen Akten und kratzte sich mit dem spitzen Ende eines Bleistifts durch das schüttere Haar. Ich lächelte und ging an ihm vorbei.

»He, mal langsam«, brummelte er. »Wo willst du denn hin, Frolleinchen?«

Leute auszufragen gehört offenbar zum Berufsbild des Polizisten. Ich lächelte unbeirrt, als hätte ich ihn nicht gehört, und marschierte einfach weiter auf die offene Tür zu, hinter der ich einen dunklen Flur ausmachen konnte. Blitzschnell war der Sergeant aufgesprungen und hielt mich am Arm fest. Er hatte

Das tat ich nur ausgesprochen ungern, aber ich sah keinen anderen Ausweg.

Zehn Minuten später tranken Wachtmeister Glossop und ich in der Küche der Polizeiwache einträchtig Kakao. Er hatte mir erzählt, dass er zu Hause auch ein Mädchen hatte, genauso eins wie ich (was ich nicht recht glauben wollte). Elisabeth hieß sie.

»Unsre Lissie ist ihrer Mutter’ne große Hilfe, gerade jetzt, nachdem meine Frau im Obstgarten ganz übel von der Leiter gefallen ist. Das Bein hat sie sich gebrochen, nächsten Sonntag ist’s zwei Wochen her.«

Erst dachte ich, er hätte zu viel Beano oder Dandy gelesen und trug ein bisschen dick auf, um sich wichtig zu machen, aber seine ernste Miene und die kummervoll gerunzelte Stirn belehrten mich eines Besseren. Wachtmeister Glossop verstellte sich nicht, also ging ich am besten auf ihn ein.

Darum fing ich unverzüglich wieder an zu schniefen und vertraute ihm an, dass ich keine Mutter mehr hätte, dass sie bei einem Bergsteigerunfall im fernen Tibet ums Leben gekommen sei und dass ich sie schrecklich vermisste.

»Ist ja gut, ist ja gut!«, brummelte er beschwichtigend. »Hier bei uns darf man aber nicht weinen, das stört sozusagen die natürliche Würde dieses Ortes. Wisch dir lieber die Tränen ab, sonst muss ich dich womöglich noch einbuchten.«

Ich brachte ein zaghaftes Lächeln zustande, das er mir mit Zins und Zinseszins zurückzahlte.

Während meiner Darbietung waren mehrere Polizisten auf einen Tee und ein belegtes Brötchen hereingekommen, und jeder hatte mir stumm, aber aufmunternd zugelächelt. Wenigstens hatten sie keine Fragen gestellt.

»Darf ich bitte meinen Vater besuchen?«, fragte ich. »Er

Wachtmeister Glossops Miene wurde mit einem Mal undurchdringlich, und ich merkte, dass ich voreilig gewesen war. Nunmehr saß ich dem Beamten Glossop gegenüber.

»Wart mal«, sagte er und verschwand in einem engen Flur, an dessen Ende ich ein schwarzes Gitter zu erkennen glaubte.

Ich sah mich rasch um. Ich saß in einem trostlosen kleinen Raum, dessen Einrichtung so schäbig wirkte, als hätte man sie einem Trödler direkt vom Lastwagen herunter abgekauft. Die Stuhlbeine waren zerschrammt und abgestoßen, als hätten Hunderte von Beamten sie schon seit hundert Jahren mit Füßen getreten.