In dem vergeblichen Versuch, das Ganze freundlicher zu gestalten, hatte jemand den kleinen Küchenschrank apfelgrün gestrichen, aber die Spüle war ein mit Rostflecken übersätes Relikt, das aussah wie eine Leihgabe aus dem Kreisgefängnis. Gesprungene Tassen und krakelierte Untertassen standen traurig Wange an Wange auf einem Abtropfbrett, und zum ersten Mal fiel mir auf, dass die Fensterstreben in Wirklichkeit halbherzig verkleidete Gitterstäbe waren. Ein eigenartiger, herber Geruch hing in der Luft, das war mir gleich beim Hereinkommen aufgefallen. Es miefte, als wäre ein Glas mit Sardellenpaste, das jemand vor Jahren ganz hinten im Regal vergessen hatte, plötzlich aufgegangen.
Ein Lied aus der Oper Die Piraten von Penzance kam mir in den Sinn. »Polizist sein ist wahrhaftig kein Genuss«, wie ich es mal in einer Aufführung der D’Oyly Carte Opera Company im Radio gehört hatte, und wie immer hatten Gilbert und Sullivan so was von Recht.
Sollte ich vielleicht lieber abhauen? Meine Idee war vielleicht gar zu tollkühn gewesen, eher aus dem Instinkt, Vater zu beschützen, entstanden und einem prähistorischen Winkel meines Gehirns entsprungen. Steh einfach auf, und geh
Ich lauschte und legte dabei den Kopf wie Maximilian ein wenig schief, um mein ohnehin scharfes Gehör noch anzuspitzen. Irgendwo brummten Bassstimmen wie die Bewohner eines fernen Bienenkorbs.
Ich setzte behutsam einen Fuß vor den anderen, wie eine empfindsame Señorita beim Tango, und blieb abrupt an der Tür stehen. Von dort, wo ich stand, konnte ich nur eine Ecke des Schreibtischs im Vorzimmer erkennen, und zu meiner großen Erleichterung lag darauf kein Uniformärmel.
Ich riskierte noch einen Blick. Der Flur war leer, also schob ich mich im Tangoschritt ungehindert zur Tür und trat ins helle Tageslicht hinaus.
Obwohl ich nicht eingesperrt gewesen war, kam es mir vor, als sei mir endlich die Flucht gelungen.
Ich schlenderte zum Fahrradständer. Noch zehn Sekunden, dann würde ich auf und davon sein. Aber da erstarrte ich, als hätte mir jemand einen Eimer Eiswasser über den Kopf gekippt. Gladys war weg! Beinahe hätte ich laut geschrien.
Vor mir standen immer noch sämtliche Beamtenfahrräder mit ihren amtlichen kleinen Lampen und den behördlich vorgeschriebenen Gepäckträgern - nur Gladys war verschwunden!
Ich schaute erst in die eine, dann in die andere Richtung, und stellte beklommen fest, dass die Straßen, wenn man zu Fuß unterwegs war, mit einem Mal ganz anders aussahen. In welche Richtung ging es nach Hause? Wo lang ging es zur Landstraße?
Als hätte ich nicht schon genug Probleme gehabt, zog auch noch ein Gewitter auf. Im Westen brauten sich schwarze Wolken zusammen, und die Wolken, die schon über meinem Kopf dahinjagten, hatten bereits einen unschönen Lilaton angenommen und sahen aus wie Blutergüsse.
Erst packte mich die Angst, dann wurde ich zornig. Wieso war ich auch so bescheuert gewesen und hatte Gladys nicht angeschlossen? Wie sollte ich jetzt nach Hause kommen? Was sollte jetzt aus der armen Flavia werden?
Feely hatte mir einmal geraten, in einer Umgebung, in der ich mich nicht auskannte, niemals verunsichert zu wirken, aber wie stellte man das im Falle eines Falles an?
Darüber dachte ich immer noch nach, als sich eine schwere Hand auf meine Schulter legte und jemand sagte: »Ich glaube, du kommst jetzt lieber mal mit.«
Es war Inspektor Hewitt.
»Das wäre ausgesprochen vorschriftswidrig«, sagte der Inspektor. »Höchst unangebracht.«
Wir saßen in seinem Büro, einem langen schmalen Raum, der früher einmal die Schankstube der ehemaligen Poststation beherbergt hatte. Hier war es beeindruckend ordentlich, es fehlten nur noch eine Kübelpalme und ein Klavier.
Ein Aktenschrank und ein schlichter Schreibtisch, ein Stuhl, ein Telefon und ein kleines Bücherregal, obendrauf das gerahmte Foto einer Frau im Kamelhaarmantel, die sich an die Brüstung einer malerischen Brücke lehnte. Ich war insgeheim ein bisschen enttäuscht.
»Dein Vater muss so lange hierbleiben, bis wir gewisse Erkundigungen eingezogen haben. Anschließend wird er wahrscheinlich woanders hingebracht, wohin, darf ich dir leider nicht sagen. Tut mir leid, Flavia, aber es kommt nicht infrage, dass du ihn besuchst.«
»Ist er verhaftet?«, fragte ich.
»Leider ja.«
»Aber wieso?« Eine dämliche Frage, wie ich sofort begriff, als ich sie ausgesprochen hatte. Er sah mich an, als hätte er ein Kind vor sich.
»Sieh mal, Flavia, ich kann nachvollziehen, dass du wütend
»Ich weiß schon, Georg VI. ist kein alberner Mensch.«
Inspektor Hewitt sah mich bekümmert an. Er stand von seinem Schreibtisch auf und trat ans Fenster, wo er mit hinter dem Rücken verschränkten Händen auf die sich draußen zusammenballenden Wolken schaute.
»Nein«, bestätigte er schließlich, »König Georg ist kein alberner Mensch.«
Da hatte ich eine Eingebung. Mit einem Mal war alles so folgerichtig wie in einem dieser rückwärts laufenden Kinofilme, wo alle Puzzleteile an die ihnen zugedachte Stelle hüpfen und das Bild sich vor den Augen der Zuschauers von selbst zusammensetzt.
»Darf ich offen mit Ihnen sprechen, Herr Inspektor?«
»Aber natürlich. Schieß los.«
»Der Mann, der tot auf Buckshaw aufgefunden wurde, ist am Freitag in Bishop’s Lacey eingetroffen, und zwar nach einer Schiffsreise aus dem norwegischen Stavanger. Sie müssen Vater sofort freilassen, Herr Inspektor, er war’s nämlich nicht.«
Der Inspektor war zwar ein wenig verdutzt, fing sich aber gleich wieder und schmunzelte nachsichtig.
»Ach was?«
»Nein! Ich war’s. Ich habe Horace Bonepenny umgebracht.«
14
Es war wasserdicht. Niemand hätte etwas anderes beweisen können.
Ich würde behaupten, ich sei mitten in der Nacht durch ein verdächtiges Geräusch draußen vor dem Haus wach geworden. Ich sei die Treppe hinunter- und in den Garten hinausgegangen, wo ich von einem Mann, der ums Haus herumschlich, bedrängt worden sei, einem Einbrecher womöglich, der es auf Vaters Briefmarken abgesehen hatte. Nach kurzem Kampf hätte ich ihn überwältigt.
Halt mal, Flave, jetzt nicht übertreiben: Horace Bonepenny war über eins achtzig groß und hätte mich mühelos zwischen Daumen und Zeigefinger erdrosseln können. Nein, wir hatten miteinander gerungen, und dann war er tot umgekippt. Vielleicht hatte er ja ein schwaches Herz in der Folge einer längst vergessenen Kinderkrankheit. Oder er litt meinetwegen an rheumatischem Fieber. Ja, das war’s. Verschleppte Herzmuskelschwäche, wie bei Beth in Vier Schwestern. Ich richtete ein Stoßgebet an den heiligen Tankred und bat um ein Wunder. Bitte, lieber Tankred, mach, dass die Autopsie meine Flunkerei bestätigt.
»Ich habe Horace Bonepenny umgebracht«, wiederholte ich, als würde es glaubhafter, wenn ich es zweimal sagte.
Inspektor Hewitt holte tief Luft und atmete bedächtig aus. »Dann erzähl mal.«
»Ich habe nachts ein Geräusch gehört und bin raus in den Garten, und dann hat mich jemand angefallen.«
»Halt. Aus welcher Richtung kam der Betreffende?«
»Er kam hinter dem Geräteschuppen hervor. Ich wollte mich losreißen, da hat er auf einmal ganz komisch geröchelt, als hätte er eine Herzmuskelschwäche, weil er als Kind an rheumatischem Fieber gelitten hat oder etwas Ähn lichem.«
»Aha«, sagte Inspektor Hewitt. »Und was hast du dann gemacht?«
»Ich bin wieder reingegangen und habe Dogger geholt. Alles Übrige wissen Sie ja schon.«
Moment mal … ich wusste zwar, dass Dogger dem Inspektor nicht von dem Streit zwischen Vater und Horace Bonepenny erzählt hatte, den wir gemeinsam belauscht hatten, aber es war ziemlich unwahrscheinlich, dass Dogger dem Inspektor erzählt hatte, dass ich ihn um vier Uhr morgens geweckt hätte, ohne dabei zu erwähnen, dass ich jemanden umgebracht hatte. Oder?