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Ich musste Zeit schinden und das Ganze noch einmal überdenken.

»Sich gegen einen Angreifer zu wehren, ist noch kein Mord«, sagte der Inspektor.

»Nein«, erwiderte ich, »aber das ist ja auch noch nicht alles.«

Ich ging in Windeseile meine geistigen Karteikarten durch: noch unbekannte Gifte (zu langsam); tödliche Hypnose (dito); geheime und unerlaubte Jiu-Jitsu-Griffe (unwahrscheinlich, zu schwierig zu erklären). Mir dämmerte, dass es gar nicht so leicht war, ein Märtyrer zu sein. Schlagfertig zu sein genügte nicht, hier war echtes Genie gefragt.

»Es ist mir zu peinlich«, setzte ich rasch hinzu.

Im Zweifelsfall immer auf Gefühle zurückgreifen!, dachte ich, und war sehr stolz auf mich, dass mir das eingefallen war.

»Hmmm«, machte der Inspektor. »Lassen wir es für heute gut sein. Hast du Dogger erzählt, dass du den nächtlichen Eindringling umgebracht hast?«

»Ich glaube nicht. Dafür war ich viel zu aufgeregt.«

»Hast du es ihm irgendwann danach erzählt?«

»Nein. Ich dachte, das verkraften seine Nerven nicht.«

»Tja, das ist ja alles sehr interessant«, sagte Inspektor Hewitt, »aber die Einzelheiten sind doch ein wenig dürftig.«

Ich begriff, dass ich am Rand eines Abgrunds stand. Nur noch einen Schritt weiter, und es würde kein Zurück mehr geben.

»Da ist noch etwas, aber …«

»Aber?«

»Ich sage kein Wort mehr, wenn Sie mich nicht mit meinem Vater sprechen lassen.«

Inspektor Hewitt sah aus, als wollte er etwas schlucken, was nicht richtig rutschen wollte. Er machte den Mund auf und wieder zu. Er schluckte schwer, dann tat er etwas, wofür ich ihn ehrlich bewunderte und das ich mir für meine eigene Trickkiste merken musste: Er holte sein Taschentuch heraus und verbarg seine Verblüffung hinter einem vorgetäuschten Niesen.

»Und zwar unter vier Augen«, ergänzte ich.

Der Inspektor putzte sich laut prustend die Nase und trat wieder ans Fenster, wo er mit hinter dem Rücken verschränkten Händen ins Unbestimmte blickte. Mittlerweile kannte ich das schon und wusste, dass er angestrengt nachdachte.

»Na schön«, sagte er unvermittelt. »Komm mit!«

Ich sprang eifrig vom Stuhl und folgte ihm. An der Tür versperrte er mir mit dem Arm den Weg in den Flur, drehte sich um und ließ die andere Hand sanft wie eine Feder auf meine Schulter schweben.

»Ich mache jetzt etwas, das ich vielleicht noch einmal bitter bereuen werde«, verkündete er. »Ich setze meine Karriere aufs Spiel. Lass mich bloß nicht hängen, Flavia. Lass mich bloß nicht hängen.«

»Flavia!«, rief Vater erstaunt aus. Dann verdarb er alles, indem er sagte: »Bringen Sie das Kind weg, Inspektor, ich bitte Sie. Bringen Sie meine Tochter weg.«

Er wandte sich von mir ab und drehte sich zur Wand.

Die Tür zur Arrestzelle war zwar gelblich lackiert, aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie aus Metall war. Nachdem der Inspektor aufgeschlossen hatte, sah ich, dass die Zelle nicht größer war als ein kleines Büro mit Pritsche zum Herunterklappen und einer überraschend sauberen Spüle. Gnädigerweise hatte man Vater nicht in einen dieser vergitterten Käfige gesteckt, die ich zuvor erblickt hatte.

Inspektor Hewitt nickte mir kurz zu, als wollte er sagen: »Jetzt liegt’s an dir!«, dann ging er hinaus und schloss leise die Tür. Ich hörte keinen Schlüssel, der sich im Schloss drehte, und auch keinen Riegel, der vorgeschoben wurde, allerdings blitzte und donnerte es auf einmal draußen, weshalb ich es vielleicht nur überhört hatte.

Vater hatte offenbar angenommen, der Inspektor hätte mich wieder mitgenommen, denn als er sich umdrehte, fuhr er erschrocken zusammen.

»Geh nach Hause, Flavia«, sagte er.

Obwohl er so kerzengerade dastand, als hätte er einen Spazierstock verschluckt, klang er alt und müde. Er spielte anscheinend den unverwüstlichen Briten, der durch nichts zu erschüttern ist, und es versetzte mir einen Stich, als ich merkte, dass ich ihn dafür liebte und zugleich verabscheute.

Ich zeigte zum Fenster. »Es regnet.« Draußen tobte wieder ein Wolkenbruch wie schon zuvor am Tempelchen, und wieder rauschte der Regen so heftig nieder, dass man die dicken Tropfen wie Schrotkugeln auf das Fensterbrett prasseln hörte. In einem Baum auf der gegenüberliegenden Straßenseite schüttelte sich eine Saatkrähe aus wie ein nasser Regenschirm.

»Ich kann erst nach Hause, wenn es aufgehört hat. Außerdem hat jemand Gladys geklaut.«

»Gladys?« Sein Blick glich dem eines ausgestorbenen Lebewesens aus der Tiefsee, das aus unergründlichen Tiefen an die Oberfläche geschwommen und aufgetaucht war.

»Mein Fahrrad.«

Er nickte geistesabwesend, und ich wusste, dass er überhaupt nicht zuhörte.

»Wer hat dich hergebracht?«, fragte Vater. »Er?« Er zeigte mit dem Daumen auf die Tür und meinte offenbar Inspektor Hewitt.

»Ich bin allein hergekommen.«

»Allein? Aus Buckshaw?«

»Ja.«

Das war anscheinend zu viel für ihn, denn er drehte sich wieder zum Fenster. Mir fiel unweigerlich auf, dass er die gleiche Haltung wie Inspektor Hewitt einnahm und ebenfalls die Hände auf dem Rücken verschränkte.

»Allein. Aus Buckshaw«, wiederholte er schließlich, als wäre er gerade eben draufgekommen.

»Ja.«

»Und Daphne und Ophelia?«

»Denen geht’s gut«, versicherte ich ihm. »Du fehlst ihnen schrecklich, klar, aber sie kümmern sich um alles, bis du wiederkommst.«

Wenn ich gelogen hab, bring ich Mama ins Grab.

Das sangen die kleinen Mädchen manchmal, wenn sie auf dem Kirchhof Seil sprangen. Meine Mama war ja schon tot, also konnte mir in dieser Hinsicht nicht viel passieren. Und wer weiß? Vielleicht habe ich ja deshalb beim lieben Gott etwas gut.

»Bis ich wiederkomme?«, wiederholte Vater schließlich, und ein Seufzer entrang sich ihm. »Das dürfte wohl nicht so bald sein. Nein … ganz bestimmt nicht.«

An der Wand neben dem vergitterten Fenster hing ein Kalender von einem Gemüsehändler aus Hinley, mit König Georg und Königin Elisabeth drauf, jeder in einem eigenen ovalen Rahmen und so gekleidet, als hätte sie der Fotograf zufällig auf dem Weg zum Kostümball im Schloss eines bayerischen Prinzen angetroffen.

Vater warf einen flüchtigen Blick auf den Kalender und fing an, ruhelos auf und ab zu gehen, wobei er tunlichst vermied, mich anzusehen. Ja, er schien mich ganz vergessen zu haben und summte nur unregelmäßig vor sich hin, ab und zu unterbrochen von entrüstetem Schniefen, als verteidigte er sich vor einem unsichtbaren Tribunal.

»Ich habe soeben gestanden«, verkündete ich.

»Ja, ja.« Vater ging weiter summend und brummelnd auf und ab.

»Ich habe Inspektor Hewitt gestanden, dass ich Horace Bonepenny umgebracht habe.«

Vater blieb so unvermittelt stehen, als wäre er in ein Schwert gelaufen. Er drehte sich um und heftete den gefürchteten starren Blick aus seinen blauen Augen auf mich, dessen er sich im Umgang mit seinen Töchtern oft und gern bediente.

»Was weißt du über Horace Bonepenny?«, fragte er in eisigem Ton.

»Ehrlich gesagt: so einiges.«

Dann sank er auf einmal in sich zusammen, ganz plötzlich, als hätte ihm jemand die Luft abgelassen. Eben hatte er noch die Wangen aufgepustet wie die Darstellungen der Winde auf mittelalterlichen Weltkarten, im nächsten Augenblick war sein Gesicht hager und eingefallen wie das eines Pferdehändlers. Er setzte sich auf den Rand der Pritsche und stützte sich mit einer Hand ab.

»Ich habe euren Streit mit angehört«, gestand ich. »Tut mir leid, dass ich an der Tür gelauscht habe. Es war keine Absicht, aber ich habe mitten in der Nacht Stimmen gehört und bin