Diesmal drang ich zu Vater durch.
»Ihn umgebracht? Was soll das heißen, du hast ihn umgebracht?«
»Ich wollte nicht, dass sie rauskriegen, dass du es warst.«
»Ich?« Vater sprang auf wie von der Tarantel gestochen. »Gütiger Himmel! Wie kommst du auf die Idee, ich hätte jemanden umgebracht?«
»Ist schon gut«, beschwichtigte ich ihn. »Der Bursche hat es bestimmt verdient. Ich erzähl es nicht weiter, versprochen.«
Ich legte die rechte Hand aufs Herz und hob die Linke zum Schwur. Vater sah mich so ungläubig an, als wäre ich ein glitschiges Ungeheuer, das einem Gemälde von Hieronymus Bosch entsprungen ist.
»Bitte glaub mir, Flavia«, sagte er, »so gern ich es auch getan hätte, aber ich habe Horace Bonepenny nicht umgebracht!«
»Ehrlich nicht?«
Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass mein Vater ein Mörder war, da kostete es mich doch beträchtliche Überwindung, mir einzugestehen, dass ich mich geirrt hatte.
Immerhin fiel mir ein, wie Feely einmal gesagt hatte, Beichten sei vorteilhaft für das Seelenheil (dabei hatte sie mir den Arm umgedreht und mich zwingen wollen, ihr zu verraten, was ich mit ihrem Tagebuch angestellt hatte).
»Ich habe mit angehört, wie ihr beide darüber gesprochen habt, dass ihr euren Hausleiter Mr Twining umgebracht habt. Ich bin in die Bücherei gefahren, habe im Zeitungsarchiv nachgesehen und mich mit Miss Mountjoy unterhalten. Sie ist Mr Twinings Nichte. Sie erinnerte sich noch gut an die GerichtsverhandlungDreizehn Erpel übernachtet hat und dass er aus Norwegen eine tote Zwergschnepfe mitgebracht hat, und zwar in einer Pastete eingebacken.«
Vater schüttelte langsam und traurig den Kopf, aber keineswegs aus Bewunderung für meine detektivische Begabung, sondern eher wie ein alter angeschossener Bär, der sich weigert, zu Boden zu gehen.
»Das stimmt so weit«, sagte er. »Aber hältst du deinen Vater wirklich für fähig, einen kaltblütigen Mord zu begehen?«
Jetzt, da ich einen Moment ernsthaft darüber nachdachte, sah ich ein, wie albern ich mich aufgeführt hatte. Warum war ich nicht längst daraufgekommen? Kaltblütiger Mord gehörte eindeutig zu den Taten, zu denen mein Vater überhaupt nicht fähig war.
»Äh … nein«, erwiderte ich kleinlaut.
»Sieh mich an, Flavia!«, sagte er, aber als ich aufblickte und Vater in die Augen schaute, sah ich verstörenderweise in meine eigenen blauen Augen und musste wegschauen.
»Horace Bonepenny war kein besonders anständiger Mensch, aber den Tod hatte er nicht verdient. Den hat niemand verdient«, sagte Vater, und seine Stimme verebbte wie ein Beitrag auf einem weit entfernten UKW-Sender. Ich spürte, dass seine Worte gar nicht mehr an mich gerichtet waren.
»Auf der Welt herrscht auch so schon viel zu viel Mord und Totschlag«, sprach er weiter.
Er setzte sich wieder hin, betrachtete seine Hände, strich mit einem Daumen über den anderen, und seine Finger griffen ineinander wie die Zahnräder eines alten Uhrwerks.
Nach einer Weile fragte er: »Was ist mit Dogger?«
»Der hat euch auch belauscht«, gestand ich.
Vater stöhnte leise.
»Das habe ich befürchtet«, sagte er tonlos. »Das habe ich mehr befürchtet als alles andere.« Und dann, während der Regen in dichten Schleiern gegen das Fenster peitschte, fing Vater an zu reden.
15
Anfangs kamen Vater die ungewohnten Worte nur langsam und zögerlich über die Lippen, setzten sich so widerspenstig und ruckartig in Bewegung wie rostige Güterwagen. Aber sobald sie eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hatten, ratterten sie erstaunlich schnell und gleichmäßig dahin.
»Meinen Vater zu mögen war nicht leicht. Als er mich aufs Internat schickte, war ich elf. Danach sahen wir uns nur noch selten. Weißt du, es ist komisch, ich hatte keine Ahnung, ob er irgendwelche Hobbys hatte, bis bei seiner Beerdigung einer der Sargträger beiläufig erzählte, dass seine große Leidenschaft Netsuke gewesen seien. Ich musste es erst im Wörterbuch nachschlagen.«
»Das sind solche kleinen japanischen Elfenbeinschnitzereien«, sagte ich. »Die kommen in einer von Austin Freemans Dr. Thorndyke-Geschichten vor.«
Vater ging nicht darauf ein und fuhr fort.
»Greyminster war zwar nur ein paar Meilen von Buckshaw entfernt, aber damals hätte es ebenso gut auf dem Mond sein können. Dabei hatten wir großes Glück mit dem Direktor unserer Schule. Dr. Kissing war ein liebenswerter Mann, der fest davon überzeugt war, dass ein Junge, der seine tägliche Dosis Latein, Rugby, Kricket und Geschichte einnahm, gegen jegliche Unbill gefeit war, und im Großen und Ganzen wurden wir dort gut behandelt.
Wie die meisten anderen meiner Mitschüler blieb ich in der Anfangzeit eher für mich, suchte Zuflucht bei meinen Büchern
Nachts im Schlafsaal zog ich mir die Decke über den Kopf und betrachtete im Schein einer Taschenlampe mein Gesicht eingehend in einem geklauten Rasierspiegel. Mir fiel nichts Abstoßendes auf, aber andererseits war ich ein Einzelkind und hatte nur wenig Vergleichsmöglichkeit.
Aber wie das so ist, die Zeit verging, und bald nahm mich der Schulbetrieb völlig in Anspruch. In Geschichte war ich gut, aber keine besonders große Leuchte, wenn es um die Bücher des Euklid ging. Da war ich irgendwo in der Mitte: Weder tat ich mich hervor noch stellte ich mich so dumm an, dass es aufgefallen wäre.
Ich machte die Erfahrung, dass Mittelmäßigkeit die beste Tarnung war, der beste Schutz überhaupt. Die Jungen, die einigermaßen mitkamen, aber weder im Guten noch im Schlechten irgendwie auffielen, wurden in Ruhe gelassen, entgingen sowohl den Anforderungen der Lehrer, die sie womöglich zu höheren Zielen trimmen wollten, als auch den Gemeinheiten irgendwelcher Mitschüler, die einen Sündenbock suchten. Diese simple Tatsache war die erste große Entdeckung meines Lebens.
Ich glaube, ich war in der vierten Klasse in Greyminster, als ich endlich anfing, mich für meine Umgebung zu interessieren, und wie alle Jungen in diesem Alter fühlte ich mich von Verschwörungen angezogen. So kam es, dass ich Feuer und Flamme war, als Mr Twining, der für unser Haus zuständige Lehrer, vorschlug, einen Magischen Zirkel zu gründen.
Zugegeben, Mr Twining war eher bemüht als begabt und
In den Abendstunden brachte er uns bei, wie man mithilfe eines Taschentuchs und eines Stücks Löschpapier Wein in Wasser verwandelte, wie man einen gekennzeichneten Shilling in einem zugedeckten Wasserglas verschwinden ließ und aus Simpkins’ Ohr wieder hervorzauberte. Er lehrte uns das typische Gebrabbel, mit dem ein Zauberer sein Tun begleiten muss, und drillte uns so lange, bis wir aufsehenerregende Kartentricks beherrschten, bei denen trotz allem Mischen das Herz-As immer ganz unten im Stapel blieb.
Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, dass Mr Twining ein beliebter Lehrer war. Vielleicht wäre ›geliebter Lehrer‹ sogar der treffendere Ausdruck, obwohl nur wenige von uns damals schon ausreichend Erfahrung mit dieser Gefühlsregung gesammelt hatten, um sie als solche zu erkennen.
Seine größte Anerkennung wurde ihm zuteil, als ihn Rektor Kissing bat, eine Zaubervorstellung für den Elterntag zu organisieren. Sofort widmete er sich mit Feuereifer der Vorbereitung eines mitreißenden Programms.
Weil ich mich bei einer Illusionsnummer mit dem Titel Die Auferstehung des Tschang Fu recht geschickt angestellt hatte, war Mr Twining sehr daran gelegen, dass ich diese Nummer beim großen Finale vorführte. Die Nummer erforderte zwei Mitwirkende, weshalb er mir erlaubte, meinen Assistenten selbst zu bestimmen. So lernte ich Horace Bonepenny kennen.
Horace war von St. Cuthbert auf unsere Schule gewechselt, nachdem es dort irgendwelche Scherereien wegen verschwundenen Geldes gegeben hatte. Ich glaube, es hat sich nur um ein paar Pfund gehandelt, was uns damals jedoch wie ein kleines Vermögen erschien. Ich gebe zu, dass er mir leid tat. Ich hatte