»Aber nein, bestimmt nicht.« Ich rückte meinen Stuhl näher heran. »Erzähl weiter.«
»Horace war schon damals ungewöhnlich groß und hatte feuerrotes Haar. Seine Arme waren so lang, dass die Handgelenke wie dürre Äste aus seiner Schuluniformjacke ragten. ›Bony‹ nannten ihn die anderen Jungen und verspotteten ihn erbarmungslos wegen seines Aussehens.
Auch seine Finger waren ungewöhnlich lang, mager und weiß, wie die Fangarme eines Albino-Tintenfischs, was die Sache nicht besser machte; obendrein besaß er den blassen Teint, den man manchmal bei Rothaarigen sieht. Natürlich kokettierte er ein wenig damit, indem er mit gespielter Unbeholfenheit nach seinen Peinigern schlug, die jeweils gerade außerhalb seiner Reichweite um ihn herumtänzelten.
Eines Abends, nach einer Schnitzeljagd, ruhte er sich keuchend wie ein gehetzter Fuchs an einem Zauntritt aus. Da schlich sich ein kleiner Junge namens Potts von hinten an ihn heran und verpasste ihm eine schmerzhafte Backpfeife. Der Kleine wollte eigentlich gar nicht so fest zuschlagen, eher so, als ob man beim Fangenspielen jemanden abschlägt, aber ihm war die Hand ausgerutscht.
Als die anderen sahen, dass der fürchterliche Bonepenny benommen und mit blutender Nase dastand, wagten sie sich ebenfalls heran, und bald lag Bony am Boden, wurde geknufft, getreten und brutal verprügelt. In dem Moment kam ich des Wegs.
›Aufhören!‹, brüllte ich, und zu meiner Verwunderung gehorchten sie sofort und lösten sich einer nach dem anderen aus dem Knäuel von Armen und Beinen. Es muss an meinem Ton
›Alles in Ordnung?‹, erkundigte ich mich bei Bony und half ihm auf.
›Ich bin ziemlich weichgeklopft, aber nur an ein, zwei Stellen - ungefähr so wie der Rinderbraten von Carnforth‹, antwortete er, und wir mussten beide lachen. Carnforth war der berüchtigte Metzger in Hinley, dessen Familie Greyminster schon seit den Napoleonischen Kriegen mit Sonntagsbraten zäh wie Stiefelleder versorgte.
Ich merkte, dass Bony übler zugerichtet war, als er zugeben wollte, aber er setzte eine grimmige Miene auf. Ich bot ihm meine Schulter als Stütze an und half ihm, nach Greyminster zurückzuhumpeln.
Seit jenem Vorfall wich mir Bony nicht mehr von der Seite. Er eignete sich meine Hobbys an und schien dadurch beinahe ein anderer Mensch zu werden. Manchmal kam es mir vor, als wollte er sich richtiggehend in mich verwandeln, als stünde jener Teil meiner selbst vor mir, den ich in meinen mitternächtlichen Spiegelstudien gesucht hatte.
Ich weiß aber auch, dass wir beide nie in besserer Form waren, als wenn wir etwas gemeinsam machten. Was dem einen nicht gelang, schaffte der andere mit Leichtigkeit. Bony schien schon als mathematische Hochbegabung auf die Welt gekommen zu sein und offenbarte mir alsbald die Geheimnisse der Geometrie und Trigonometrie. Er machte ein Spiel daraus, und wir verbrachten so manche vergnügte Stunde damit, auszurechnen, auf wessen Arbeitszimmer der Glockenturm von Anson House stürzen würde, wenn wir ihn mit einer gigantischen, selbst entworfenen dampfgetriebenen Brechstange umkippen würden. Ein andermal stellten wir eine Dreiecksmessung an,
Wespen, Hornissen, Bienen und Maden? War das wirklich Vater, der da sprach? Ich stellte fest, dass ich ihm mit ganz neuer Achtung lauschte.
»Wie wir das zustande bringen wollten«, fuhr er fort, »wurde nie richtig zu Ende gedacht. Doch schließlich stellte sich heraus, dass Bony, während ich mich mit Euklid und seinen mathematischen Theoremen anfreundete, nach ein wenig Anleitung zu einem begabten Zauberer wurde.
Das lag natürlich an seinen Fingern. Diese langen weißen Fortsätze schienen ein Eigenleben zu führen, und es dauerte nicht lang, da beherrschte Bony sämtliche Taschenspielertricks. Die unterschiedlichsten Gegenstände verschwanden zwischen seinen Fingern und tauchten dort wieder auf, und zwar dermaßen elegant und flüssig, dass sogar ich, der ich die Tricks ja kannte, kaum meinen Augen traute.
Im selben Maße, wie sich seine Zauberkünste vervollkommneten, wuchs auch seine Selbstachtung. Durch das bisschen Zauberei wurde er ein ganz neuer Bony: selbstbewusst, gewandt und vielleicht sogar ein wenig draufgängerisch. Auch seine Stimme veränderte sich. Hatte er gestern noch wie ein heiserer Schuljunge geklungen, schien er auf einmal und urplötzlich zumindest bei seinen Auftritten über einen Kehlkopf aus poliertem Mahagoni zu verfügen. Seine hypnotisierende, professionelle Stimme wusste seine Zuhörer zuverlässig zu überzeugen.
Die Auferstehung des Tschang Fu ging so: Ich hüllte mich in einen zu großen Seidenkimono, den ich auf dem Kirchenbasar erstanden hatte, ein prächtiges, blutrotes, mit chinesischen
Für den Trick holte ich mir einen Freiwilligen aus dem Publikum, natürlich einen Eingeweihten, mit dem ich das Ganze vorher geübt hatte. Als er neben mir auf der Bühne stand, erklärte ich ihm in ulkigem Mandarin-Singsang, dass ich ihn nunmehr vom Leben zum Tode befördern und ins Land seiner ehrenwerten Vorfahren schicken würde. Bei dieser sachlichen Ankündigung rang das Publikum unweigerlich erschrocken nach Luft, und noch ehe sich alle wieder von dem Schrecken erholt hatten, zog ich eine Pistole aus den Falten meines Gewandes, richtete sie auf das Herz meines Mitspielers und drückte ab.
So eine Startpistole macht einen Heidenlärm, wenn man sie in einem geschlossenen Raum abfeuert, und mein Exemplar ging mit einem beeindruckenden Knall los. Mein Assistent hielt sich die Brust und zerdrückte dabei ein verborgenes Papiertütchen mit Ketchup. Das rote Zeug quoll zwischen seinen Fingern hervor. Er schaute auf die Sauerei auf seiner Brust, und ihm fiel die Kinnlade runter.
›Hilfe, Schnäppi!‹, kreischte er. ›Der Trick ist schiefgegangen! Du hast mich erschossen!‹, und fiel rücklings um.
Wenn diese Stelle kam, saß das Publikum immer erschüttert und gespannt auf den Sitzbänken. Manche sprangen auf, andere weinten. Ich beschwichtigte sie mit erhobener Hand.
›Luhe!‹, fauchte ich und machte ein wütendes Gesicht. ›Ehlenwelte Volfahlen foldeln Luhe!‹
Hier und da ertönte vielleicht ein unsicheres Auflachen, aber
Dieses Laken war ein kunstfertig präpariertes Requisit, das ich in größter Heimlichkeit angefertigt hatte. Es besaß zwei schmale Taschen, die es der Länge nach in Drittel teilten. In die Taschen waren zwei kurze, dünne Holzstangen eingenäht. Wenn das Laken zusammengelegt war, sah man nichts.
Ich ging in die Hocke, benutzte meinen Kimono als Sichtschutz, zog meinem Assistenten die Schuhe aus (was ganz leicht ging, da er schon die Schnürsenkel gelockert hatte, ehe ich ihn auf die Bühne rief) und steckte sie mit der Spitze nach oben auf die Holzstange.
Auch die Schuhe waren präpariert, indem ich jeweils ein Loch in die Ferse gebohrt hatte, in die ein Nagel geschoben und in die Holzstange gesteckt werden konnte. Das Ergebnis war ausgesprochen überzeugend. Eine Leiche lag mit einer klaffenden Wunde in der Brust auf dem Boden, am einen Ende schaute der Kopf aus dem Laken heraus, am anderen die nach oben zeigenden Schuhe.
Wenn alles nach Plan verlief, zeigte sich unterdessen auf dem Laken über der Brust der ›Leiche‹ ein großer roter Fleck, wenn nicht, half ich mit einem zweiten Ketchuptütchen nach, das in meinen Ärmel eingenäht war.
Jetzt kam der entscheidende Teil. Ich bat darum, dass die Scheinwerfer abgeblendet wurden (›Ehlenwelte Volfahlen wünschen stockfinstele Dunkelheit!‹) und entzündete im Dunkeln mit Magnesiumpapier ein paar Blitze. Das führte dazu, dass das Publikum einen Augenblick lang geblendet war, gerade lange genug, dass mein Assistent sich unter dem Laken aufrichten und hinhocken konnte. Seine Schuhe ragten weiterhin unter dem Laken hervor, wodurch es aussah, als läge er unverändert auf dem Rücken.
Nun verfiel ich in orientalischen Hokuspokus, fuchtelte mit den Armen und rief ihn aus dem Land der Toten zurück. Während ich irgendwelche erfundenen Beschwörungsformeln vor mich hin plapperte, richtete sich mein Assistent ganz langsam aus der Hocke auf, bis er ganz gerade dastand, die eingenähten Holzstangen auf den Schultern, und seine Schuhe ragten am anderen Ende des Tuches heraus.