Was das Publikum sah, war natürlich ein zugedeckter Leichnam, der sich mir nichts, dir nichts in die Luft erhob und anderthalb Meter über dem Boden schwebte.
Anschließend bat ich die ehrenwerten Vorfahren, ihren Verwandten wieder ins Land der Lebenden zu entlassen. Dabei vollführte ich lauter geheimnisvolle Gebärden, entzündete zu guter Letzt noch einen Magnesiumblitz. Mein Assistent warf das Laken ab, machte einen Luftsprung und landete auf beiden Füßen.
Das Tuch mit den festgenagelten Schuhen und den eingenähten Stangen fiel unbeachtet zu Boden, und wir brauchten uns nur noch zu verbeugen und den stürmischen Applaus entgegenzunehmen. Da wir schwarze Strümpfe anhatten, schien niemandem je aufzufallen, dass der ›Tote‹ keine Schuhe mehr trug.
So funktionierte Die Auferstehung des Tschang Fu, und so hatte ich die Nummer für den Elterntag geplant. Bony und ich verdrückten uns ins Waschhaus, wo ich ihm die Feinheiten des Tricks beibrachte.
Es stellte sich jedoch rasch heraus, dass Bony nicht der ideale Assistent war. Er gab sich große Mühe, aber er war einfach zu groß. Sein Kopf und seine Füße schauten viel zu weit unter dem präparierten Laken hervor, und es war zu spät, um ein anderes Tuch zu nähen. Außerdem war es leider so, dass Bony zwar unglaublich fingerfertig war, sonst aber noch derselbe, ungelenke, unbeholfene Schuljunge wie eh und je. Seine Storchenknie zitterten, wenn er schweben sollte, und bei einer
Ich war ratlos. Wenn ich mir einen anderen Assistenten gesucht hätte, wäre Bony bestimmt am Boden zerstört gewesen, andererseits machte ich mir keine Hoffnungen, dass er seine Rolle in den verbliebenen paar Tagen noch meistern würde. Ich war der Verzweiflung nahe.
Da kam Bony selbst auf die Lösung.
›Warum tauschen wir nicht einfach die Rollen?‹, schlug er nach einem besonders peinlichen Absturz unserer Requisiten vor. ›Lass es mich doch mal probieren! Ich zieh die Zaubererkutte über, und du bist der Schwebende.‹
Zugegeben, der Effekt war genial. Mit seinem gelb geschminkten Gesicht und den langen dünnen Händen, die aus den roten Kimonoärmeln ragten (und die mithilfe von fünf Zentimeter langen Wurstpellennägeln noch gruseliger wirkten), bot Bony auf der Bühne einen unvergesslichen Anblick.
Und da er ein geborener Imitator war, hatte er keine Schwierigkeiten, die brüchige Fistelstimme eines alten Chinesen nachzuahmen. Sein orientalisches Gebrabbel war eher noch überzeugender als meines, und seine langen dürren Finger, die wie Stabheuschrecken umherzappelten, waren einmalig.
Der ganze Auftritt war genial. Vor der versammelten Schule und den zu Besuch gekommenen Eltern legte Bony eine Nummer hin, die kein Zuschauer je vergessen haben wird. Er war abwechselnd exotisch und finster, und als er mich aus dem Publikum holte, gruselte sogar ich mich vor der unheimlichen Gestalt, die im Rampenlicht stand und mich auf die Bühne winkte.
Als er dann die Pistole abfeuerte und mir in die Brust schoss, brach ein wahres Inferno los! Ich hatte meinen Ketchupvorrat vorsorglich mit Wasser verdünnt und ein wenig angewärmt, worauf der Blutfleck grässlich echt wirkte.
Der Vater von Giddings Minor musste von Mr Twining, der
›Beruhigen Sie sich, guter Mann‹, raunte ihm Twining zu, ›das ist nur ein Trick. Die Jungen haben ihn schon oft vorge führt.‹ <
Mr Giddings wurde widerstrebend und mit hochrotem Kopf wieder auf seinen Platz geführt. Trotzdem war er nach der Vorstellung Manns genug, zu uns zu kommen und uns anerkennend die Hände zu schütteln.
Nach einem derartig grausigen Blutbad war meine Schwebenummer bei der Wiederauferstehung schon fast eine Enttäuschung, auch wenn uns das wohlwollende Publikum, das erleichtert war, dass der unglückliche Freiwillige wieder ins Leben zurückkehrte, mit schier nicht enden wollendem Applaus belohnte. Wir bekamen sieben Vorhänge, auch wenn ganz klar war, dass mindestens sechs davon meinem genialen Partner gebührten.
Bony sog die Huldigungen auf wie ein Schwamm. Noch eine Stunde nach der Vorstellung war er mit Händeschütteln beschäftigt, eine wahre Sturmflut bewundernder Mütter und Väter, die ihn nur mal anfassen wollten, umringte ihn, wildfremde Menschen klopften ihm anerkennend auf die Schulter. Als aber auch ich ihm den Arm um die Schultern legte, sah er mich nur mit einem entrückten Ausdruck an, als hätte er mich noch nie zuvor gesehen.
In den folgenden Tagen fiel mir auf, dass mit ihm eine Veränderung vorgegangen war. Nun war Bony der selbstsichere Zauberer und ich nur noch sein unbedeutender Assistent. Auf einmal redete er ganz anders mit mir und gewöhnte sich eine ziemlich lässige Art an, als hätte es seine frühere Schüchternheit nie gegeben.
Ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass er mich fallen ließ, jedenfalls wirkte es so. Ich sah ihn oft mit einem
Eines Tages merkte ich erschrocken, dass ich ihn eigentlich nicht mehr leiden konnte. Er war nicht mehr derselbe, oder vielleicht war erst jetzt seine wahre Natur zutage getreten, ich wusste es nicht. Manchmal ertappte ich ihn im Unterricht dabei, wie er mich anstarrte. Anfangs mit dem Blick eines alten Mandarins, dann wurde sein Blick sonderbar kalt, reptilienhaft. Ich hatte das Gefühl, als sei mir auf irgendeine unbekannte Weise etwas gestohlen worden.
Aber es sollte noch schlimmer kommen.«
Vater verstummte und ich wartete darauf, dass er weitererzählte, aber er saß einfach nur da und blickte mit ausdrucksloser Miene in den Regen hinaus. Ich hielt es für das Beste, mich still zu verhalten und ihn seinen Gedanken zu überlassen, worum auch immer sie sich drehen mochten.
Aber ich spürte, dass sich in unserem Verhältnis etwas verändert hatte, genau wie es Vater mit Horace Bonepenny ergangen war.
Da saßen wir nun, Vater und ich, in einem kleinen Zimmer eingesperrt, und zum ersten Mal überhaupt führten wir so etwas Ähnliches wie eine richtige Unterhaltung. Wir sprachen beinahe wie zwei Erwachsene miteinander, beinahe wie ein menschliches Wesen mit einem anderen, beinahe wie Vater und Tochter. Und obwohl mir nichts einfiel, was ich hätte sagen können, wünschte ich mir, dass es immer so weitergehen sollte, bis der letzte Stern erloschen war.
Ich hätte Vater gern umarmt, aber ich brachte es nicht über
Darum saßen Vater und ich steif nebeneinander wie zwei alte Damen beim Kirchenkaffeekränzchen. Ideal war das nicht, aber wir mussten uns damit begnügen.
16
Ein Blitz sog alle Farbe aus dem Zimmer, fast gleichzeitig ertönte ein ohrenbetäubender Donnerschlag. Wir zuckten beide zusammen.
»Das Gewitter ist direkt über uns«, sagte Vater.
Ich nickte, um ihm zu versichern, dass wir da beide gemeinsam drinsteckten, und sah mich um. Der hell erleuchtete, würfelförmige kleine Raum mit der nackten Glühbirne an der Decke, der Pritsche und der Stahltür mit dem vor dem Fenster niederrauschenden Regen erinnerte mich an die Kommandozentrale des U-Boots in dem Film Tauchfahrt bei Tagesanbruch. Bei jedem Donnerschlag stellte ich mir vor, dass über unseren Köpfen ein Torpedo detonierte, und auf einmal hatte ich nicht mehr solche Angst um Vater. Zumindest waren wir beide jetzt Verbündete. Ich tat einfach so, als könne uns nichts Schlimmes widerfahren, solange ich still zuhörte und wir uns unauffällig verhielten.
Vater erzählte weiter, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.
»Wir entfremdeten uns sehr, Bony und ich. Zwar nahmen wir beide weiterhin an Mr Twinings Magischem Zirkel teil, aber sonst ging jeder von uns seinen eigenen Interessen nach. Ich entwickelte ein Faible für spektakuläre Bühnentricks: zersägte Jungfrauen, zauberte Vogelkäfige weg und so weiter. Natürlich lagen die meisten dieser Nummern jenseits meiner Schuljungenmöglichkeiten, aber irgendwann genügte es mir auch, darüber etwas nachzulesen und mir die Abläufe einzuprägen.