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Bony hingegen widmete sich Tricks, die immer größere Fingerfertigkeit erforderten, simple Effekte, die man mit einem geringen Aufwand an Requisiten vor der Nase der Zuschauer ausführen konnte. Er konnte einen vernickelten Wecker aus einer Hand verschwinden und in der anderen wieder auftauchen lassen. Und er hat mir nie gezeigt, wie er das machte.

Ungefähr zur selben Zeit kam Mr Twining auf den Gedanken, einen Club der Philatelisten zu gründen, denn Briefmarkensammeln gehörte ebenfalls zu seinen Leidenschaften. Er war der Ansicht, dass wir durch das Sammeln, Ordnen und Einsortieren der Marken aus aller Welt ins Album einiges über Geschichte und Erdkunde sowie auch Sorgfalt lernen konnten, ganz zu schweigen davon, dass auch die verschlosseneren Mitglieder des Clubs durch die regelmäßigen Gruppengespräche an Selbstvertrauen gewinnen würden. Da er selbst ein begeisterter Sammler war, ging er davon aus, dass seine Jungen diese Begeisterung mit ihm teilen würden.

Seine eigene Sammlung, so kam es mir jedenfalls vor, war das achte Weltwunder. Er hatte sich auf britische Marken spezialisiert, mit Schwerpunkt auf Farbvarianten bei der Druckfarbe. Er besaß die untrügliche Fähigkeit, allein anhand der Färbung zu bestimmen, an welchem Tag, ja, um welche Stunde dieses oder jenes Exemplar gedruckt worden war. Indem er die von Marke zu Marke verschiedenen, mikroskopisch kleinen Risse und Abweichungen verglich, die von den Gebrauchsspuren der Druckplatten und der Ausführung des Druckvorgangs herrührten, konnte er erstaunlich viele Aussagen über das jeweilige Stück treffen.

Die einzelnen Seiten seiner Alben waren meisterlich gestaltet. Diese Farben! Und die Art und Weise, wie sie über die Seite verteilt waren - wie ein impressionistisches Gemälde von William Turner.

Zuerst kamen natürlich die schwarzen Marken von 1840.

Noch nie hatte ich Vater so lebhaft gesehen. Mit einem Mal war er wieder ein Schuljunge, seine strengen Züge waren wie verwandelt, sein Gesicht leuchtete wie ein blankpolierter Apfel. Vater fuhr fort: »Trotz allem besaß Mr Twining nicht die wertvollste Briefmarkensammlung in Greyminster. Diese Ehre gebührte Dr. Kissing, dessen Sammlung, obwohl nicht besonders umfangreich, äußerst erlesen, wenn nicht gar unschätzbar wertvoll war.

Dr. Kissing kam mitnichten, wie man es vielleicht vom Rektor einer unseren großen Public Schools erwarten würde, aus einer wohlhabenden oder zumindest privilegierten Familie. Von Geburt an Waise, war er bei seinem Großvater aufgewachsen, einem Arbeiter in einer Glockengießerei im Londoner East End, das damals eher für seine bedrückenden Lebensbedingungen als für seinen Wohlstand bekannt war, und eher für seine Verbrechensrate als für seine Bildungsmöglichkeiten.

Im Alter von achtundvierzig Jahren hatte der Großvater bei einem schlimmen Unfall mit flüssigem Metall den rechten Arm verloren. Da er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich seinen Lebensunterhalt als Bettler auf der Straße zu verdienen, eine Zwangslage, in der er es fast drei Jahre aushielt.

Fünf Jahre zuvor, im Jahre 1840, war der Londoner Firma Messrs. Perkins, Bacon & Petch vom Schatzamt Ihrer Majestät das Exklusivrecht auf den Druck der britischen Briefmarken zugesprochen worden. ›Dieser gewaltige Ausstoß an Königinnenköpfen‹, wie es Charles Dickens genannt hatte.

Das Geschäft florierte. Allein in den ersten zwölf Jahren wurden über zwei Millionen Briefmarken gedruckt, von denen die meisten in den Papierkörben dieser Welt landeten.

Die Druckerei der Firma war in der Fleet Street angesiedelt, und dort fand Dr. Kissings Großvater glücklicherweise eine neue Anstellung als Ausfeger. Er brachte sich bei, wie man einen Besen mit einer Hand wirkungsvoller führt als die meisten Leute mit zweien, und da er großen Wert auf Höflichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit legte, war er schon bald einer der geschätztesten Angestellten der Firma. Dr. Kissing hat mir einmal sogar erzählt, dass der Hauptteilhaber, der alte Joshua Butters Bacon persönlich, seinen Großvater aus Respekt vor seiner früheren Tätigkeit den ›Glöckner‹ zu nennen pflegte.

Als Dr. Kissing noch klein war, brachte sein Großvater oft ausrangierte Fehldrucke mit nach Hause. Dieses ›Buntpapier‹, wie er es nannte, war oft sein einziges Spielzeug. Er konnte die bunten Papierchen stundenlang immer wieder von Neuem ordnen, nach Farbabweichungen und anderen Unterschieden, die das ungeübte Auge gar nicht wahrgenommen hätte. Sein schönstes Geschenk, erzählte er, sei eine Lupe gewesen, die sein Großvater bei einem Straßenhändler erworben hatte, nachdem er den Ehering seiner eigenen Mutter für einen Shilling im Pfandhaus versetzt hatte.

Jeden Tag auf dem Weg zur Schule und wieder nach Hause fragte der Junge bei möglichst vielen Läden und Büros nach, ob er weggeworfene abgestempelte Umschläge haben und im Gegenzug den Bürgersteig fegen dürfe.

Nach und nach entwickelte sich aus dem ›Buntpapier‹ der Grundstock einer Sammlung, die einen König hätte neidisch machen können, und noch als er längst zum Rektor von Greyminster aufgestiegen war, hütete er die kleine Lupe von seinem Großvater wie einen Schatz.

›Die einfachsten Geschenke sind die schönsten‹, sagte er uns immer.

Der junge Kissing baute auf die in seiner schweren Kindheit erworbene Zähigkeit und hangelte sich von einem Stipendium zum anderen, bis der Tag kam, an dem der alte ›Glöckner‹ mit feuchten Augen miterleben durfte, wie sein Enkel seinen Abschluss in Oxford mit Auszeichnung bestand.

Nun gibt es natürlich jede Menge Sammler, die wider besseres Wissen davon überzeugt sind, dass die wertvollsten Briefmarken die fehlerhaften, beschädigten Exemplare sind, die bei jedem Druckvorgang unweigerlich als Abfallprodukte entstehen, aber das ist ein Trugschluss. Welche Summen diese Scheußlichkeiten auch erzielen mögen, wenn sie auf welchen Wegen auch immer auf den Markt kommen, für den wahren Sammler sind sie wertlos.

Nein, die eigentlichen Raritäten sind solche Marken, die offiziell oder anderswie auch in Umlauf gebracht werden, aber nur in sehr begrenzten Stückzahlen. Manchmal werden etliche tausend Marken ausgegeben, ehe ein Fehler auffällt, manchmal sind es nur ein paar hundert, wenn es nur einem einzelnen Bogen gelingt, das Schatzamt zu verlassen.

Aber in der ganzen Geschichte des Britischen Postministeriums ist es nur ein einziges Mal vorgekommen, dass sich ein Bogen so drastisch von seinen Millionen Artgenossen unterschied. Und das kam so:

Im Juni 1840 hatte ein geisteskranker Kellner namens Edward Oxford zwei Pistolen aus nächster Nähe auf Königin Viktoria und Prinz Albert abgefeuert, als sie in einer offenen Kutsche vorbeifuhren. Gnädigerweise verfehlten die Schüsse ihr Ziel, und die Königin, die damals im vierten Monat schwanger war, blieb unversehrt.

Das fehlgeschlagene Attentat wurde von manchen als Verschwörung der Chartisten interpretiert, andere hielten es für das finstere Treiben des Oranier-Ordens, der danach trachtete, den Herzog von Cumberland auf den englischen Thron zu setzen. An letzterer Theorie war mehr dran, als die Regierung

Im Herbst 1840 wurde ein Druckerlehrling namens Jacob Tingle in der Firma Perkins, Bacon & Petch eingestellt. Überaus ehrgeizig, kletterte er die Karriereleiter in beträchtlichem Tempo empor.

Seine Arbeitgeber wussten allerdings nicht, dass Jacob T ingle eine Figur in einem bitterernsten Spiel war, einem Spiel, das nur seine im Verborgenen agierenden Drahtzieher in vollem Umfang überblickten.«

Wenn mich etwas an der Geschichte überraschte, dann die Art und Weise, wie anschaulich Vater erzählte. Ich sah die Gentlemen mit ihren hohen, gestärkten Krägen und ihren Zylinderhüten, die Damen mit ihren Reifröcken und Hauben förmlich vor mir. Und so, wie die Gestalten in seiner Geschichte zum Leben erwachten, erging es auch Vater selbst.