»Jacob Tingles Auftrag war streng geheim. Er sollte, wie auch immer, einen Bogen, einen einzigen Bogen Penny-Black-Marken drucken und dabei eine leuchtend orangefarbene Druckfarbe benutzen, die man ihm eigens zu diesem Zweck ausgehändigt hatte. Das Farbglas hatte ihm, zusammen mit einem Vorschuss auf seinen Lohn für die Ausführung der Tat, ein Mann mit Schlapphut in einer Kneipe gleich neben dem Friedhof von St. Paul’s übergeben. Der Mann hatte in einer dunklen Ecke der Kneipe gesessen und nur heiser geflüstert.
Sobald er den Bogen heimlich gedruckt hatte, sollte Tingle ihn zwischen den ganz gewöhnlichen Bögen mit Penny Blacks verstecken, die darauf warteten, auf die Postämter in ganz
Früher oder später würde irgendwo in England ein Bogen mit orangefarbenen Briefmarken auftauchen, und wer Augen hatte, zu sehen, würde die Botschaft verstehen. ›Wir sind mitten unter euch‹, würden diese Marken verkünden. ›Wir bewegen uns ungehindert und ungesehen in eurer Mitte.‹
Das ahnungslose Postamt hätte keine Möglichkeit, die aufrührerischen Marken zurückzurufen, und sobald sie erst in Umlauf gekommen waren, würde sich die Kunde von diesem Handstreich wie ein Lauffeuer verbreiten. Nicht einmal die Behörden Ihrer Majestät würden den Vorfall mehr unter den Tisch kehren können. Die höchsten Regierungsebenen wären in Angst und Schrecken versetzt worden.
Nun war ein Geheimagent in die Reihen der Verschwörer eingeschleust worden, und obwohl seine Nachricht letztendlich zu spät kam, konnte er doch immerhin mitteilen, dass das Auftauchen der orangefarbenen Marken den Verschwörern als Startsignal zu einer neuen Welle von Attentaten auf die Mitglieder des Königshauses dienen sollte.
Es war ein raffinierter Plan. Falls er nicht wie gewünscht klappte, würden die Verbrecher einfach eine Weile abwarten und es noch einmal versuchen. Aber dazu bestand kein Anlass: Das Ganze lief ab wie ein Uhrwerk.
Am Tag, nachdem sich Jacob mit dem Fremden in der Kneipe getroffen hatte, brach in einer Gasse gleich hinter Perkins, Bacon & Petch ein verdächtiger Großbrand aus. Als die Drucker und das Büropersonal schaulustig ins Freie liefen, zog Jacob die orangefarbene Paste aus der Tasche, färbte die Platte mit einer Ersatzwalze ein, die er hinter den Chemikalienflaschen im Regal versteckt hatte, legte einen befeuchteten Bogen des mit Wasserzeichen versehenen Papiers darauf und druckte den Bogen. Es war fast zu einfach.
Ehe die anderen Arbeiter auf ihre Posten zurückkehrten,
Aber dann streute das Schicksal, wie so oft, Sand ins gut geschmierte Getriebe. Was die Verschwörer nicht hatten ahnen können, war, dass der Schlapphütige noch in derselben Nacht im Regen von einem durchgehenden Droschkengaul in der Fleet Street totgetrampelt werden würde und dass er sterbend zu seinem Kinderglauben zurückkehrte und den ganzen Plan - samt Jacob Tingle und allem Drum und Dran einem Bobby in einer Regenpelerine beichtete, weil er ihn für einen katholischen Geistlichen im Talar hielt.
Zu jenem Zeitpunkt hatte Jacob sein schmutziges Werk jedoch bereits vollbracht, und die Bögen mit den orangefarbenen Briefmarken waren längst per Nachtpost in irgendeine unbekannte Ecke Englands unterwegs. Langweile ich dich, Harriet?«
Harriet? Hatte mich Vater eben »Harriet« genannt?
Es kommt vor, dass Väter mit mehreren Töchtern, wenn sie ihre Jüngste rufen, zuerst die Namen der anderen Töchter der Reihe nach aufzählen, und ich hatte mich längst daran gewöhnt, »Ophelia-Daphne-Flavia, verflixt noch mal« genannt zu werden. Aber Harriet? Das war noch nie passiert! Hatte sich Vater bloß versprochen, oder glaubte er tatsächlich, dass er seine Geschichte gerade Harriet erzählte?
Ich hätte ihn am liebsten geschüttelt, ihn in den Arm genommen; am liebsten wäre ich tot gewesen.
Dabei war mir bewusst, dass der Klang meiner Stimme den
Draußen riss der Wind an den Efeuranken, die das Fenster einrahmten. Es goss immer noch wie aus Kübeln.
»Ein gewaltiger Aufschrei ging durch das Land«, fuhr Vater endlich fort, und ich atmete auf.
»Jeder Postamtsvorsteher im ganzen Königreich erhielt ein Telegramm. Wo immer die orangefarbenen Marken auftauchten, sie sollten sofort weggeschlossen und die Behörden unverzüglich verständigt werden.
Da die Großstädte die umfangreichsten Lieferungen der Penny Blacks erhielten, nahm man an, dass die brisanten Marken höchstwahrscheinlich in London, Manchester oder allenfalls Sheffield oder Bristol auftauchen würden. Dem war jedoch nicht so.
Im äußersten Zipfel von Cornwall liegt das Dorf St. Mary-in-the-Marsh. Dort war noch nie irgendetwas Aufsehenerregendes vorgefallen, und kein Mensch ging davon aus, dass sich daran irgendwann etwas ändern könnte.
Der Postamtsvorsteher von St. Mary-in-the-Marsh war ein gewisser Melville Brown, ein älterer Herr, der das Rentenalter bereits überschritten hatte, sich aber noch ein bisschen Geld dazuverdienen wollte, das ihn, wie er jedem, der es hören wollte, erzählte, ›schmerzlos zum Friedhof hinübergeleiten‹ sollte.
Da St. Mary-in-the-Marsh in vielerlei Hinsicht abseits des Weltgeschehens lag, erreichte das Telegramm der Regierung den Postamtsvorsteher Brown überhaupt nicht, weshalb er ein paar Tage später, als er eine kleine Sendung von Penny Blacks auspackte und die Stückzahl überprüfte (fehlende Bögen mussten sofort gemeldet werden, und Mr Brown war stets überaus korrekt), die überall gesuchten Briefmarken buchstäblich vor der Nase hatte.
Natürlich fiel ihm der orangefarbene Druck sofort auf. Da stimmte doch etwas ganz und gar nicht! Obendrein war der Sendung nicht die übliche amtliche ›Mitteilung an den Postamtsvorsteher‹ beigefügt, die einen Hinweis auf den neuen Farbton der Penny-Marke hätte enthalten müssen. Nein, diese Sendung war von allergrößter Bedeutung, auch wenn Mr Brown nicht ahnte, in welcher Hinsicht.
Einen Augenblick lang - aber nur einen ganz flüchtigen - kam ihm in den Sinn, dass die sonderbar kolorierten Marken wertvoller sein könnten als ihr aufgedruckter Wert. Die gummierte Briefmarke war noch nicht einmal ein halbes Jahr in Gebrauch, da hatten schon gewisse Leute, höchstwahrscheinlich in London, wie er vermutete, nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen gewusst, als solche Marken zu sammeln und in kleine Alben zu stecken. Da konnte ein Einzelstück, was die Farbe betraf, oder eine Marke mit spiegelverkehrter Kontrollnummer gut und gerne ein Pfund oder sogar zwei einbringen, und ein ganzer Bogen gar, nun ja …
Aber Melville Brown gehörte zu jenen Menschen, die so selten zu sein scheinen wie Erzengel, nämlich zu den ehrlichen. Darum setzte er sofort ein Telegramm ans Schatzamt auf, und noch ehe eine Stunde um war, machte sich ein Kurier des Ministeriums vom Bahnhof Paddington aus auf den Weg, um die Marken abzuholen und wieder nach London zu bringen.
Die Regierung hatte vor, den schändlichen Bogen feierlich, aber unverzüglich zu vernichten. Joshua Butters Bacon schlug vor, die Marken im Archiv der Druckerei aufzubewahren oder vielleicht sogar im British Museum, wo sie künftigen Generationen als Anschauungsmaterial dienen könnten.
Königin Viktoria jedoch, die, wie die Amerikaner sagten, ein gieriger kleiner Raffzahn war, hatte diesbezüglich ihre eigenen Vorstellungen. Sie bat darum, man möge ihr doch eine Marke überlassen, und zwar als Erinnerung an den Tag, an dem sie
Wer wollte der Königin widersprechen? Der Premierminister, Viscount Melbourne (dessen Name einst in romantische Verbindung mit dem Ihrer Majestät gebracht worden war), hatte inzwischen, da britische Truppen kurz davor waren, Beirut einzunehmen, wahrhaftig anderes im Kopf. Und damit wurde die Angelegenheit ad acta gelegt.
So kam es, dass der einzige je gedruckte Bogen orangefarbener Penny-Marken in einer Menage auf dem Schreibtisch des Generaldirektors von Perkins, Bacon & Petch den Feuertod starb. Aber ehe Joshua Butters Bacon das Streichholz anriss, schnitt er sorgfältig wie ein Chirurg zwei Marken von den äußersten Ecken ab (die Perforation wurde erst ein paar Jahre später eingeführt), und zwar eine Marke für Königin Viktoria mit der Kennzeichnung ›A A‹ und, in aller Heimlichkeit, eine zweite mit der Kennung ›T L‹, von der gegenüberliegenden Ecke - für sich selbst.