Das waren die beiden Marken, die Sammlern eines Tages als Die Rächer von Ulster bekannt sein sollten, auch wenn ihr Vorhandensein viele Jahre lang, ehe sie diesen Namen erhielten, ein Staatsgeheimnis blieb.
Als Bacon eines Tages starb und sein Schreibtisch von der Wand gerückt wurde, fiel ein Briefumschlag, der dahinter geklemmt worden war, auf den Boden. Wie du wahrscheinlich schon erraten hast, war es Dr. Kissings Großvater, der ›Glöckner‹, der ihn entdeckte, als er das Büro ausfegen sollte. Da der alte Bacon tot war, fand er nichts dabei, die leuchtend orangefarbene Marke, die in dem Umschlag steckte, seinem dreijährigen Enkel zum Spielen mit nach Hause zu nehmen.«
Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. Hoffentlich war Vater so in seine Erzählung vertieft, dass er es Rächer von Ulster, sowohl die »A A« als auch die »TL«, in diesem Moment gemeinsam in meiner Tasche steckten?
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Einerseits juckte es mich in den Fingern, die vermaledeiten Marken herauszuholen und Vater in die Hand zu drücken, aber Inspektor Hewitt hatte mich bei der Ehre gepackt. Ich konnte Vater nicht etwas überlassen, das womöglich gestohlen war und ihn noch mehr hätte belasten können.
Zum Glück merkte Vater nichts. Nicht einmal ein weiterer Blitz, gefolgt von lautem Krachen und ausgiebigem Donnergrollen konnte ihn in die Gegenwart zurückholen.
»Der Rächer mit dem TL wurde natürlich der Grundstein zu Dr. Kissings Sammlung«, fuhr er fort. »Es war allgemein bekannt, dass es nur noch zwei Exemplare dieser Marke gab. Die andere mit der Kennzeichnung AA war nach Königin Viktorias Tod auf ihren Sohn Edward VII. und nach dessen Tod auf seinen Sohn Georg V. übergegangen, in dessen Sammlung sie bis 1925 verblieb, bis sie am helllichten Tag auf einer Briefmarkenausstellung gestohlen wurde. Sie ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.«
Ha!, dachte ich. Laut fragte ich jedoch: »Und was wurde aus der T L?«
»Die wurde ja, wie wir gehört haben, im Safe des Rektors von Greyminster verwahrt. Dr. Kissing holte sie ab und zu heraus, um sich, wie er uns einmal anvertraute, ›diebisch daran zu erfreuen, aber auch, um mich an meine bescheidenen Anfänge zu erinnern, für den Fall, dass ich die Neigung entwickeln sollte, mich für etwas Besseres zu halten.‹
Anderen Leuten zeigte er seinen Rächer von Ulster nur
Ich legte die Hand auf meine Tasche. Meine Fingerkuppen kribbelten, als das Papier leise knisterte.
»Unser alter Hausleiter, Mr Twining, konnte sich gut daran erinnern und wusste noch, dass im Arbeitszimmer des Rektors in jener Winternacht noch lange Licht gebrannt hatte.
Womit ich wieder bei Horace Bonepenny wäre.«
Ich hörte es Vaters Stimme deutlich an, dass er sich wieder seiner eigenen Vergangenheit zuwandte, und vor Aufregung lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Endlich würde ich die Wahrheit erfahren.
»Unterdessen war aus Bony nicht nur ein gewiefter Zauberkünstler, sondern ein ehrgeiziger, vorlauter junger Mann mit unverfrorenem Auftreten geworden, der seinen Willen meistens durchsetzte, indem er schlicht seine Ellenbogen skrupelloser benutzte als seine Mitschüler.
Neben dem Taschengeld, das er von den Anwälten seines Vaters erhielt, verdiente er sich eine schöne Stange Geld dazu, indem er in und um Greyminster als Zauberer auftrat, anfangs bei Kindergeburtstagen, später dann, als sein Selbstvertrauen
Ich selbst hatte damals außerhalb des Unterrichts wenig mit ihm zu tun. Da er aufgrund seiner Begabung unserem Magischen Zirkel längst entwachsen war, nahm er nicht mehr daran teil und äußerte sich angeblich herablassend über die ›Amateurscharlatane‹, die der Gruppe weiter die Treue hielten.
Da die Mitgliederzahl mit der Zeit immer weiter schrumpfte, verkündete Mr Twining schließlich, er werde die ›Zunft der Illusionisten‹, wie er den Zirkel nannte, auflösen und sich mehr um den Briefmarkenclub kümmern.
Ich kann mich noch genau an das letzte Treffen erinnern. Es war an einem Abend im Frühherbst, das erste Treffen im neuen Jahr, als unversehens Bony auftauchte, breit grinsend, leutselig und übertrieben kameradschaftlich. Ich hatte ihn seit Ende des Schulhalbjahres nicht mehr gesehen, und jetzt kam er mir irgendwie wie ein Fremdkörper vor, viel zu raumgreifend für Mr Twinings kleines Zimmer.
›Sieh da, Bonepenny‹, begrüßte ihn Mr Twining, ›welch unverhoffte Freude. Was führt Sie denn in unsere bescheidenen Hallen?‹
›Meine Füße!‹, rief Bony, und die meisten von uns lachten.
Dann ließ er seine Pose fallen. Von einem Augenblick auf den anderen war er wieder ganz Schuljunge, ehrerbietig und voller Bescheidenheit.
›Sagen Sie, Sir, ich habe die ganzen Ferien über darüber nachgedacht, ob Sie den Direx nicht dazu überreden könnten, uns mal diese komische Briefmarke zu zeigen.‹
Mr Twinings Stirn legte sich in Falten. ›Diese komische Briefmarke, wie Sie sich auszudrücken belieben, gehört zu den Kronjuwelen der britischen Philatelie, und ich würde nie und
›Aber Sir! Denken Sie doch an die Zukunft! Wenn wir Jungen eines Tages erwachsen sind … wenn wir selbst Familie haben …‹
Wir anderen grinsten einander verlegen an und malten mit den Schuhspitzen Muster in den Teppich.
›Dann kommt es doch zu Szenen wie in Heinrich V., Sir‹, fuhr Bony fort, ›und jene Familien in Engelland werden einst verfluchen, dass sie nicht in Greyminster gewesen sind und einen Blick auf den berühmten Rächer von Ulster erhaschen durften! Ach bitte, Sir, bitte!‹
›Für Ihre Kühnheit haben Sie eine Eins plus verdient, Bonepenny, und für Ihre Verhohnepipelung von Shakespeare eine Kopfnuss. Andererseits...‹
Wir sahen, dass sich Mr Twining erweichen ließ. Ein Ende seines Schnurrbartes hob sich kaum wahrnehmbar.
›Ach, bitte, Sir!‹, fielen wir nun alle ein.
›Na ja …‹, sagte Mr Twining.
Und so kam es tatsächlich zustande. Mr Twining sprach mit Dr. Kissing, und dieser Ehrenmann, der sich gebauchpinselt fühlte, weil sich seine Schüler für seinen Schatz interessierten, stimmte bereitwillig zu. Die Besichtigung wurde für den darauffolgenden Samstagabend nach dem Gottesdienst angesetzt und sollte in den Wohnräumen des Rektors stattfinden. Die Einladung galt nur für Mitglieder des Briefmarkenclubs, und Mrs Kissing würde den Abend mit Kakao und Keksen krönen.
Das Zimmer war völlig verqualmt. Bob Stanley, der mit Bony gekommen war, schmauchte hemmungslos einen dicken Sargnagel, und niemand schien sich daran zu stören. Obwohl die Oberstufler gewisse Vorrechte genossen, war es das erste Mal, dass ich miterlebte, wie sich einer von ihnen vor den Augen des Rektors einen Glimmstängel anzündete. Ich traf als
Dr. Kissing war, wie alle bedeutenden Schulleiter, kein unbegabter Selbstdarsteller. Er plauderte über dieses und jenes, über das Wetter, die Kricket-Ergebnisse, die Spenden der Ehemaligen, den besorgniserregenden Zustand der Fliesen im Anson House. Damit spannte er uns natürlich auf die Folter.
Erst als wir alle kaum mehr an uns halten konnten, sagte er: ›Herrje, jetzt hätte ich beinahe vergessen, dass Sie ja hergekommen sind, um einen Blick auf meinen berühmten Papierschnipsel zu werfen.‹
Inzwischen brodelten wir wie ein ganzes Zimmer voller Teekessel. Dr. Kissing ging zu seinem Wandsafe. Seine Finger huschten in einem komplizierten Tanz über die Drehknöpfe des Kombinationsschlosses.
Es machte ein paarmal Klick, dann öffnete sich die schwere Tür. Dr. Kissing griff in den Safe und holte ein blechernes Zigarettenetui heraus. Ein ganz gewöhnliches Gold-Flake-Zigarettenetui! Das rief natürlich ein paar Lacher hervor, kann ich dir sagen. Ich überlegte unwillkürlich, ob er das verbeulte Ding wohl auch dem König präsentiert hatte.