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»Obwohl sich Bony bestimmt noch irgendwo in der Nähe

Er verlangte, dass ich ihm beide Rächer abkaufte: den einen, den er kürzlich gestohlen hatte, und den anderen, den er seinerzeit aus Dr. Kissings Sammlung hatte verschwinden lassen.

Er war davon unterrichtet, dass ich ein wohlhabender Mann bin. ›So eine gute Investition wird dir nicht noch mal geboten‹, meinte er.

Als ich erwiderte, dass ich kein Geld hätte, drohte er, der Polizei mitzuteilen, dass ich den Diebstahl des ersten Rächers geplant und den zweiten selbst gestohlen hätte. Bob Stanley würde seine Behauptungen bezeugen. Schließlich sei ich Briefmarkensammler, nicht er.

War ich denn nicht beide Male in der Nähe gewesen, als die Marken verschwanden? Der Mistkerl deutete sogar an, dass er die Rächer vielleicht schon - vielleicht schon, man stelle sich vor! - in meiner Sammlung versteckt habe.

Nach unserem Gespräch war ich viel zu aufgewühlt, um schlafen zu gehen. Nachdem Bony weg war, ging ich stundenlang in meinem Arbeitszimmer auf und ab, überlegte hin und her und kam zu keinem Schluss. Ich hatte mich seit jeher für Mr Twinings Tod mitverantwortlich gefühlt. Es kostet mich große Überwindung, das zuzugeben, aber so ist es nun mal. Mein Schweigen hatte unmittelbar zum Selbstmord des liebenswürdigen alten Herrn geführt. Hätte ich als Schuljunge nur die innere Stärke gehabt, meinen Verdacht auszusprechen, wären Bonepenny und Stanley nicht ungeschoren davongekommen, und Mr Twining hätte sich nicht dazu genötigt gesehen, sich das Leben zu nehmen. Weißt du, Flavia, manchmal muss man für sein Schweigen teuer bezahlen.

Nach langem Überlegen beschloss ich, entgegen allen meinen

Darauf hätte ich gern die richtige Erwiderung gewusst, aber ausnahmsweise ließ mich meine Schlagfertigkeit im Stich. Ich saß da wie ein Holzklotz und brachte es nicht einmal über mich, meinen Vater anzusehen.

»Irgendwann am frühen Morgen, es muss gegen vier gewesen sein, denn es wurde draußen schon hell, knipste ich die Schreibtischlampe aus. Eigentlich war ich fest entschlossen, ins Dorf und zum Dreizehn Erpel zu laufen, Bonepenny zu wecken und in seine Forderung einzuwilligen.

Etwas hielt mich noch davon ab, aber was genau, kann ich nicht erklären. Ich trat auf die Terrasse hinaus, aber statt wie geplant ums Haus herum und die Auffahrt hinunterzugehen, zog mich die Remise fast magnetisch an.«

Aha!, dachte ich. Also war es nicht Vater gewesen, der zur Küchentür hinausgegangen war! Er war ja von der Terrasse vor seinem Arbeitszimmer aus an der Gartenmauer entlang ohne Umweg zur Remise gegangen. Er hatte keinen Fuß in den Garten gesetzt. Er war nicht an dem sterbenden Horace Bonepenny vorbeigekommen.

»Ich wollte nachdenken«, fuhr Vater fort, »aber ich brachte einfach keinen klaren Gedanken zustande.«

»Da hast du dich in Harriets Rolls gesetzt«, platzte ich heraus. Manchmal könnte ich mich erschießen!

Vater sah mich so bekümmert an, wie ein Wurm den schon besonders früh aufgestandenen Vogel ansieht, kurz bevor er in dessen Schnabel verschwindet.

»Ja«, antwortete er leise. »Ich war müde. Ich weiß noch, dass mir irgendwann einfiel, dass Bony und Stanley, wenn

Dann muss ich eingeschlafen sein, keine Ahnung. Spielt ja auch keine Rolle. Jedenfalls saß ich immer noch in Harriets Wagen, als mich die Polizisten fanden.«

»Bankrott?«, wiederholte ich erstaunt. Ich konnte mich nicht beherrschen. »Aber du hast doch Buckshaw, Vater!«

Vater sah mich mit feuchten Augen an, wie er mich noch nie angesehen hatte.

»Buckshaw gehörte Harriet, verstehst du, und bei ihrem Tod hinterließ sie kein Testament, keinen letzten Willen. Die Erbschaftssteuer … nun ja, die Erbschaftssteuer würde uns vermutlich auffressen.«

»Aber Buckshaw gehört doch dir! Es ist seit Jahrhunderten in Familienbesitz!«

»Nein«, erwiderte Vater bedrückt, »es gehört mir nicht, kein Stein davon. Harriet war nämlich schon vor unserer Hochzeit eine de Luce, meine Kusine dritten Grades. Buckshaw gehörte ihr. Ich besitze nichts mehr, was ich in das Anwesen investieren könnte, keinen roten Heller. Wie schon gesagt, ich bin pleite.«

Da klopfte es scheppernd, und Inspektor Hewitt kam herein.

»Tut mir leid, Colonel de Luce. Wie Sie sicher wissen, achtet unser Polizeipräsident penibel darauf, dass die Vorschriften bis auf das letzte Komma eingehalten werden. Ich habe Ihnen so viel Zeit gewährt, wie ich konnte, ohne meinen Posten zu riskieren.«

Vater nickte resigniert.

»Komm, Flavia«, wandte sich der Inspektor an mich, »ich bring dich nach Hause.«

»Ich kann aber noch nicht nach Hause«, erwiderte ich. »Jemand

»Dein Fahrrad liegt hinten in meinem Auto.«

»Haben Sie es schon gefunden?« Halleluja! Gladys war wieder da!

»Es war gar nicht weg«, entgegnete der Inspektor. »Ich habe gesehen, wie du es vor dem Revier in den Ständer gestellt hast, und Wachtmeister Glossop angewiesen, es vorsichtshalber wegz ubringen.«

»Damit ich nicht fliehe?«

Angesichts meiner Dreistigkeit hob Vater die Augenbrauen, sagte aber nichts.

»Das auch«, erwiderte Inspektor Hewitt, »aber vor allem, weil es draußen immer noch in Strömen gießt und man bis nach Buckshaw elend lang bergauf strampelt.«

Ich umarmte Vater wortlos, wogegen er, obwohl er sich steif wie eine Eiche hielt, anscheinend nichts einzuwenden hatte.

»Gib dir Mühe, und sei ein braves Mädchen, Flavia«, sagte er.

Ein braves Mädchen? Fiel ihm nichts Besseres ein? Es war doch wohl nicht zu übersehen, dass unser U-Boot aufgetaucht war, dass die Besatzung die unergründlichen wundersamen Tiefen des Meeresgrundes hatte verlassen müssen.

»Ich versuch’s«, entgegnete ich und drehte mich schon halb um. »Ehrlich, ich versuch’s.«

»Urteile nicht zu streng über deinen Vater«, sagte Inspektor Hewitt, als er etwas langsamer fuhr, um am Wegweiser die Abzweigung nach Bishop’s Lacey zu nehmen. Ich sah ihn an. Die Lämpchen vom Armaturenbrett seines Vauxhall beleuchteten sein Gesicht von unten. Die Scheibenwischer glitten in der sonderbaren Gewitterbeleuchtung wie Sensen über die Windschutzscheibe.

»Glauben Sie wirklich, dass er Horace Bonepenny umgebracht hat?«, fragte ich.

Seine Antwort ließ lange, sehr lange auf sich warten, und als sie endlich kam, schwang tiefer Kummer darin mit.

»Wer soll es denn sonst gewesen sein, Flavia?«

»Ich … zum Beispiel.«

Inspektor Hewitt stellte die Belüftung an, weil die Scheibe von unserer Unterhaltung beschlug.

»Du erwartest doch nicht, dass ich dir die Geschichte mit dem Überfall und der Herzkrankheit abnehme, oder? Nie und nimmer. Daran ist Horace Bonepenny nicht gestorben.«

Ich hatte eine Eingebung: »Es war der Kuchen, richtig? Der war vergiftet!«

»Und du hast das Gift hineingetan, was?« Er verkniff sich ein Grinsen.

»Nein«, gestand ich. »Leider nicht.«

»Es war ein ganz gewöhnlicher Kuchen«, sagte der Inspektor. »Der Untersuchungsbericht liegt mir bereits vor.«

Ein ganz gewöhnlicher Kuchen? Ein höheres Lob würde Mrs Mullets Backkünsten wohl nie wieder zuteil werden.

»Wie du bereits herausgefunden hast«, fuhr der Inspektor fort, »hat sich Bonepenny tatsächlich ein Stück Kuchen schmecken lassen, und das etliche Stunden vor seinem Tod. Aber woher weißt du das?«

»Nur ein Fremder würde sich an dem Zeug vergreifen«, erwiderte ich mit gerade so viel Ironie, dass er nicht merkte, was mich umtrieb: die jähe Erkenntnis, dass ich mich geirrt hatte. Bonepenny war tatsächlich nicht von Mrs Mullets Kuchen vergiftet worden. Es wäre kindisch gewesen, darauf zu bestehen.