»Tut mir leid«, sagte ich. »Ist mir nur so rausgerutscht. Jetzt halten Sie mich bestimmt für ein dummes Gör.«
Wieder blieb mir Inspektor Hewitt die Antwort eine ganze Weile schuldig, dann entgegnete er:
»Die Streusel schmecken süß, jedoch -
viel süßer schmeckt der Boden noch …
… hat meine Großmutter immer gesagt«, setzte er hinzu.
»Und was soll das bedeuten?«
»Das soll bedeuten … huch, wir sind ja schon in Buckshaw. Bestimmt machen sich alle schon Sorgen, wo du steckst.«
»Ach so?«, fragte Ophelia gleichgültig. »Du warst weg? Ist uns gar nicht aufgefallen, stimmt’s, Daff?«
Daffy riss die Augen auf. Sie war unübersehbar erschrocken, wollte sich aber nichts anmerken lassen.
»Nö«, brummte sie und vertiefte sich rasch wieder in Dickens’ Bleak House. Auch wenn sonst nicht viel mit ihr los war, so war Daffy immerhin eine superschnelle Leserin.
Wenn mich die beiden danach gefragt hätten, hätte ich ihnen gern von meinem Besuch bei Vater erzählt, aber sie fragten nicht. Falls seine missliche Lage ihnen Kummer bereitete, schloss das offenkundig mich nicht ein, so viel stand fest. F eely und Daffy und ich waren wie drei Larven in drei getrennten Kokons, und manchmal überlegte ich, wieso eigentlich. Charles Darwin hat mal darauf hingewiesen, dass der größte Überlebenskampf innerhalb des eigenen Stammes stattfindet, und als fünftes von sechs Kindern - also mit vier älteren Geschwistern - wusste er bestimmt, wovon er sprach.
In meinen Augen war es eher ein simples chemisches Phänomen. Ein Stoff löst sich am besten in einem Lösemittel, das ihm von der Struktur her möglichst ähnlich ist. Dafür gab es keine rationale Erklärung, die Natur hatte es einfach so eingerichtet.
Es war ein langer Tag gewesen, und meine Augenlider fühlten sich an, als hätte sie jemand als Austernrechen missbraucht.
»Ich glaub, ich geh gleich schlafen«, verkündete ich. »Nacht, Feely. Nacht, Daffy.«
Mein Versuch, gesellig zu sein, wurde einerseits mit Schweigen, anderseits mit Brummen aufgenommen. Als ich die Treppe hochging, tauchte auf einmal Dogger, wie aus dem Boden gewachsen, oben auf dem Treppenabsatz auf. In der Hand hielt er einen Kerzenleuchter, der vom Flohmarkt in Manderley hätte stammen können.
»Colonel de Luce?«, raunte er.
»Dem geht es gut«, erwiderte ich.
Dogger nickte sorgenvoll, dann schlurften wir beide in unser jeweiliges Schlafquartier.
18
Greyminster lag dösend in der Sonne, als träumten die al ten Gemäuer von einstiger Herrlichkeit. Alles sah genau so aus, wie ich es mir vorgestellt hatte: prachtvolle alte Gebäude, gepflegter, grüner Rasen, der sich bis zum breiten, trä ge dahinfließenden Fluss hinunter erstreckte, leere Spielfelder, aus denen der ferne Widerhall vergangener Kricket-Spiele, deren Teilnehmer längst von uns gegangen waren, aufzusteigen schien.
Ich lehnte Gladys in einem kleinen Seitenweg, durch den ich auf das Gelände gelangt war, an einen Baum. Hinter einer Hecke tuckerte ein Traktor im Leerlauf, der Fahrer war nirgends zu sehen.
Aus der Kapelle wehten die Stimmen eines Knabenchors heran, der trotz des strahlenden Morgens sang:
Hinunter ist der Sonnen Schein,
Die finstre Nacht bricht stark herein.
Ich hörte ein paar Sekunden zu, dann brach der Gesang plötzlich ab. Nach einer kurzen Pause setzte die quäkende Orgel wieder ein, und die Sänger fingen noch einmal von vorn an.
Als ich langsam über die Wiese ging, die Vater bestimmt »das Viereck« genannt hätte, starrten die hohen Fenster des Schulgebäudes ausdruckslos und abweisend auf mich herab. Ich kam mir auf einmal wie ein Insekt unter einem Mikroskop
Mit Ausnahme eines einzelnen Schuljungen, der um eine Ecke gerannt kam, und zwei Lehrern in schwarzen Talaren, die im Gehen plaudernd die Köpfe zusammensteckten, waren die großen Rasenflächen und die sich dazwischen einherschlängelnden Wege von Greyminster leer. Der Himmel leuchtete so blau, dass das Ganze fast unwirklich aussah, wie eine hundertfach vergrößerte Agfacolor-Fotografie, eine Aufnahme, wie man sie in Büchern mit Titeln wie Malerisches Großbritannien fand.
Der Kalksteinkasten mit dem Glockenturm auf der Ostseite des Vierecks, dachte ich, muss Anson House sein, Vaters ehemalige Bude.
Die Sonne schien so gleißend, dass ich im Näherkommen die Hand schützend über die Augen an die Stirn legte. Von den Zinnen und Ziegeln dort oben musste Mr Twining damals in den Tod gesprungen sein, herab auf das uralte Pflaster, von dem ich kaum hundert Schritt entfernt stand.
Neugierig schlenderte ich hinüber.
Zu meiner Enttäuschung waren keine Blutflecke mehr zu erkennen. Selbstverständlich waren sie nach so langer Zeit längst verblasst. Außerdem hatte man gerade diese Blutflecken bestimmt unauffällig weggeschrubbt, noch ehe Mr Twinings zerschmetterter Leib zu dem gebettet worden war, was man »die ewige Ruhe« nannte.
Bis auf die Spuren von zweihundert Jahren Abnutzung durch die Schuhsohlen privilegierter Schüler und Lehrer hatten die Pflastersteine nichts zu erzählen. Der dicht an der Hauswand entlangführende Weg war keine zwei Meter breit.
Ich legte den Kopf in den Nacken und schaute am Turm empor. Aus diesem Blickwinkel ragte die steile Mauer schwindelerregend hoch auf, und oben wurde sie von zierlichen Ornamenten gekrönt. Weiße Wolken zogen bedächtig über die
Ausgetretene Stufen führten von dem gepflasterten Weg verlockend unter einem Steinbogen hindurch zu einer Flügeltür. Links von mir befand sich die Pförtnerloge, deren Insasse über das Telefon gebeugt war und nicht mal aufblickte, als ich an ihm vorbeihuschte.
Ein kühler, gefliester, schummriger Korridor schien ins Unendliche zu führen. Ich marschierte tapfer drauflos, wobei ich Acht gab, nicht mit den Füßen zu schlurfen.
An einer Wand hing eine endlose Galerie lächelnder Porträts: Manche zeigten Schüler, andere Lehrer, aber alle hatten sie einst in Greyminster gelernt oder gelehrt, und sie hatten ihr Leben fürs Vaterland gelassen. Sie hingen einzeln in schwarz lackierten Rahmen, auf deren Unterkante in einem vergoldeten Schriftband zu lesen stand: »Damit andere leben dürfen«. Am Ende des Korridors hingen, von den anderen Bildern ein wenig abgesetzt, die Fotos dreier Jungen, deren Namen mit roter Schrift auf kleine, viereckige Messingplaketten graviert waren. Unter jedem Namen stand: »Vermisst.«
Vermisst? Warum hing Vaters Bild nicht auch hier?
Vater war für gewöhnlich so abwesend, dass er genauso gut als »vermisst« hätte gelten können wie diese jungen Männer, deren Gebeine irgendwo in Frankreich lagen. Bei diesem Gedanken verspürte ich zwar einen Anflug von schlechtem Gewissen, aber es stimmte dennoch.
Ich glaube, es war dort, in dem düsteren Flur in Vaters ehemaligem Internat, dass mir so richtig bewusst wurde, wie ungeheuer verschlossen Vater eigentlich war. Gestern hätte ich ihn liebend gern umarmt und so fest gedrückt, dass ihm die Luft weggeblieben wäre. Jetzt jedoch begriff ich, dass die traulichemir anvertraut, sondern Harriet, und wie bei dem sterbenden Horace Bonepenny war ich nicht mehr als ein zufälliger Beichtvater gewesen.
Jetzt, hier in Greyminster, an jenem Ort, an dem Vaters Kummer seinen Anfang genommen hatte, kam mir diese Umgebung umso kälter, abweisender und ungastlicher vor.
Hinter den Fotos führte eine Treppe in den ersten Stock. Ich ging hinauf und stand im nächsten langen Flur, der sich wie der im Erdgeschoss über die ganze Länge des Gebäudes erstreckte. Obwohl die Türen zu beiden Seiten geschlossen waren, konnte man durch kleine Scheiben einen Blick in die Räume dahinter werfen. Es waren lauter Klassenzimmer, und sie sahen alle gleich aus.
Das große Eckzimmer am Ende des Korridors sah da schon vielversprechender aus. Auf dem Schild an der Tür stand: Chemieraum.