»Aua! Lass mich los! Du tust mir weh!«, entfuhr es mir, worauf ich, noch ehe ich mich richtig umgedreht hatte, ebenso urplötzlich wieder losgelassen wurde.
Es war Detective Sergeant Graves, der mindestens genauso verdutzt aus der Wäsche schaute wie ich.
»Wen haben wir denn da?«, fragte er, und ein Grinsen flog über sein Gesicht. »Wen haben wir denn da?«
Ich wollte eine bissige Bemerkung loslassen, verkniff sie mir aber. Ich wusste, dass der Sergeant mich mochte, und ich hatte so eine Ahnung, dass ich schon bald jede Unterstützung würde gebrauchen können.
»Der Inspektor hat Sehnsucht nach dir«, verkündete der Sergeant und deutete auf eine kleine Schar Leute, die palavernd auf der Straße neben Gladys standen.
Das war alles, was er sagte, aber als wir uns dem Grüppchen näherten, schob er mich sanft vor sich her auf Inspektor Hewitt zu, wie ein freundlicher Terrier, der seinem Herrchen eine tote Ratte präsentiert. Meine abgerissene Schuhsohle flappte wie bei Charlie Chaplins kleinem Tramp, aber obwohl der Inspektor einen flüchtigen Blick darauf warf, war er klug genug, seine Gedanken für sich zu behalten.
Neben dem blauen Vauxhall stand der lange Sergeant Woolmer. Sein Gesicht war breit und zerklüftet wie das Matterhorn. In seinem Schatten stand ein sehniger, sonnengebräunter Mann in einem Overall sowie ein Hutzelmännlein mit weißem Schnurrbart, das, kaum, dass es mich erblickte, aufgeregt mit dem Finger auf mich zeigte.
»Das ist er!«, sagte er. »Der war’s!«
»Ach ja?« Inspektor Hewitt nahm mir das Barett ab und streifte mir ehrerbietig wie ein Kammerdiener den Talar von den Schultern.
Das Männlein machte Stielaugen.
»Herrje«, brummte es enttäuscht. »Das ist ja bloß ein Mädchen!«
Ich hätte ihm am liebsten eine runtergehauen.
»Ja, die isses!«, sagte der Gebräunte.
»Mr Ruggles hat Grund zu der Annahme, dass du oben auf dem Turm warst.« Der Inspektor nickte dem Schnurrbärtigen zu.
»Und wenn schon«, erwiderte ich. »Ich hab mich nur mal umgesehen.«
»Der Zutritt zum Turm ist streng verboten«, verkündete Mr Ruggles nachdrücklich. »Verboten! So steht es auch auf dem Schild. Kannst du nicht lesen?«
Ich zuckte anmutig die Achseln.
»Wenn ich gewusst hätte, dass du bloß ein Mädchen bist, wär ich auch noch die Leitern hochgekraxelt.« An den Inspektor gewandt fügte er hinzu: »Dabei sind meine Knie auch nicht mehr das, was sie mal waren.«
Er drehte sich wieder zu mir um: »Ich wusste, dass du da oben bist, hab aber so getan, als hätt ich nix gesehen, und lieber die Polizei gerufen. Und tu bloß nicht so, als hättest du das Schloss nicht geknackt. Für das Schloss bin ich verantwortlich, und ich weiß genau, dass es abgesperrt war, so wahr ich hier in Fludd’s Lane stehe! Also so was! Ein Mädchen! Ts ts ts!«, brummelte er und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Du hast also das Schloss geknackt?«, fragte mich der Inspektor. Er wollte sich nichts anmerken lassen, aber ich spürte sehr wohl, dass er ziemlich überrascht war. »Wo hast du das denn gelernt?«
Das konnte ich ihm natürlich nicht verraten. Dogger musste unter allen Umständen gedeckt werden.
»Ach, irgendwo und irgendwann«, antwortete ich.
Der Inspektor musterte mich mit einem durchbohrenden Blick. »Manche Leute würden sich mit einer solchen Antwort zufrieden geben, Flavia, ich nicht.«
Jetzt kommt gleich wieder der »König-Georg-ist-kein-alberner-Mensch«-Spruch, dachte ich, aber Inspektor Hewitt hatte offenbar beschlossen, auf eine Erwiderung meinerseits zu warten, egal wie lange es dauern mochte.
»Auf Buckshaw ist nicht viel los«, sagte ich. »Da probiere ich manchmal irgendwas aus, damit mir nicht langweilig wird.«
Er hielt mir den schwarzen Talar und das Barett hin. »Darum läufst du wohl auch in diesem Kostüm herum. Damit dir nicht langweilig wird.«
»Das ist kein Kostüm. Wenn es Sie interessiert: Ich habe die Sachen unter einem losen Ziegel auf dem Turmdach gefunden. Sie haben irgendetwas mit Mr Twinings Tod zu tun, das steht fest.«
Hatte Mr Ruggles vorher schon Stielaugen gemacht, schienen sie ihm jetzt schier aus dem Kopf zu fallen.
»Mr Twining?«, sagte er. »Der Mr Twining, der damals vom Turm gesprungen ist?«
»Mr Twining ist nicht gesprungen«, widersprach ich. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, es dem grässlichen Hutzelzwerg heimzuzahlen. »Er wurde …«
»Danke, Flavia«, fiel mir Inspektor Hewitt ins Wort, »das reicht. Aber wir wollen Ihre Zeit nicht noch länger in Anspruch nehmen, Mr Ruggles. Sie sind ja ein vielbeschäftigter Mann.«
Ruggles plusterte sich auf wie ein balzender Täuberich, nickte dem Inspektor zu, bedachte mich mit einem unverschämten Feixen und stapfte davon.
»Vielen Dank, dass Sie uns verständigt haben, Mr Plover«, wandte sich der Inspektor jetzt dem Mann im Overall zu, der schweigend dabei gestanden hatte.
Mr Plover zupfte an seiner Haartolle und ging wortlos zu seinem Traktor.
»Unsere großen Privatschulen sind kleine wehrhafte Städte für sich«, erklärte der Inspektor mit ausholender Gebärde. »Als du in die Zufahrt eingebogen bist, hat Mr Plover dich als unbefugten Eindringling erkannt und ist sogleich zur Pförtnerloge gelaufen.«
Verflucht sei Mr Plover! Und der alte Ruggles gleich mit! Wenn ich wieder zu Hause war, durfte ich nicht vergessen, den beiden einen Krug rosa Limonade zu schicken, nur um zu zeigen, dass ich nicht nachtragend war. Für Anemonen war es leider schon zu spät im Jahr, weshalb anemonin nicht infrage kam. Tollkirschen dagegen waren vereinzelt noch zu finden, wenn man wusste, wo man zu suchen hatte.
Inspektor Hewitt überreichte Sergeant Graves, der schon mehrere Bögen Seidenpapier aus seiner Tasche geholt hatte, Barett und Talar.
»Prima!«, sagte der Sergeant. »Damit hat uns die Kleine abgenommen, über das Dach zu robben.«
Der Inspektor warf ihm einen Blick zu, der einen durchgegangenen Gaul zum Stehen gebracht hätte.
»’tschuldigung, Sir«, sagte der Sergeant mit puterrotem Gesicht und wickelte die Kleidungsstücke sorgfältig ein.
»Jetzt erzähl mir bitte mal ganz ausführlich, wie du die Sachen entdeckt hast«, sagte Inspektor Hewitt, als wäre nichts vorgefallen. »Lass aber nichts aus, und dichte auch nichts dazu.«
Alles, was ich sagte, notierte er sich mit seiner flinken, mikroskopisch kleinen Handschrift. Da ich Feely beim Frühstück immer gegenübersaß, während sie ihr Tagebuch schrieb, war ich darin geübt, auf dem Kopf zu lesen, aber Inspektor Hewitts Zeilen glichen über die Seite krabbelnden Ameisenkolonnen.
Ich erzählte ihm alles haarklein: von den knarrenden Leitern bis zu meinem beinahe tödlichen Sturz, vom losen Dachziegel bis zu dem, was sich darunter verborgen hatte, bis hin zu meiner genialen Flucht.
Als ich fertig war, kritzelte er noch irgendwelche Zeichen neben meinen Bericht, deren Bedeutung ich leider nicht mal erahnen konnte, dann klappte er sein Büchlein zu.
»Vielen Dank, Flavia. Damit hast du uns sehr geholfen.«
Zumindest besaß er den Anstand, es zuzugeben. Ich stand erwartungsvoll vor ihm.
»Leider sind König Georgs Schatztruhen nicht tief genug, um dich innerhalb von vierundzwanzig Stunden zweimal nach Hause zu chauffieren«, sagte er. »Aber wir warten noch, bis du losgeradelt bist.«
»Soll ich Ihnen wieder Tee bestellen?«, fragte ich keck.
Er stand einfach da, mit beiden Beinen fest im Gras. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht deuten.
Kurz darauf summten Gladys’ Dunlop-Reifen munter über die Seinen, wie sich Daffy ausgedrückt hätte, blieben immer weiter zurück.
Noch ehe ich eine Viertelmeile zurückgelegt hatte, überholte mich der blaue Vauxhall. Als er an mir vorbeifuhr, winkte ich wie verrückt, aber die Insassen hinter den Fenstern verzogen keine Miene.