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Hundert Meter weiter vorn leuchteten die Bremslichter auf, und der Wagen hielt auf dem Seitenstreifen. Als ich angeradelt kam, kurbelte der Inspektor das Seitenfenster herunter.

»Wir fahren dich nach Hause. Sergeant Graves packt dein Fahrrad in den Kofferraum.«

»Hat König Georg es sich anders überlegt, Herr Inspektor?«

Er sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, den ich bislang noch nicht bei ihm gesehen hatte. Blickte er etwa sorgenvoll drein?

»Nein. König Georg hat es sich nicht anders überlegt. Aber ich.« 

19

Ich möchte nicht übertreiben, aber in jener Nacht schlief ich den Schlaf der Verdammten. Ich träumte von Zinnen und losen Ziegeln, um die der Regen peitschte, und wo der Wind den Duft von Veilchen vom Meer heranwehte. Eine bleiche Frau in altmodischer Tracht stand an meinem Bett und raunte mir ins Ohr, die Glocken würden läuten. Ein alter Seebär im Ölzeug hockte auf einem Pfahl und flickte mit einer Ahle seine Netze, während hinter ihm, weit draußen über dem Meer, ein kleines Flugzeug der untergehenden Sonne entgegenflog.

Als ich endlich aufwachte, strahlte die Sonne durchs Fenster, und ich war schauderhaft erkältet. Noch ehe ich zum Frühstück hinunterging, hatte ich alle Taschentücher aus meiner Nachttischschublade verbraucht und ein noch fast neues Badehandtuch ruiniert. Ich muss wohl nicht erklären, weshalb meine Laune nicht die allerbeste war.

»Komm mir bloß nicht zu nahe!«, sagte Feely, als ich schnaufend wie ein Nilpferd ans andere Ende des Tisches wankte.

»Stirb, Hexe!«, brachte ich gerade noch heraus und machte das Zeichen gegen den bösen Blick.

»Flavia!«

Ich stocherte in meinen Frühstücksflocken mit Milch herum und rührte sie mit einer Ecke meines Toasts um. Aber statt dass die verbrannte Kruste das Ganze ein wenig gewürzt hätte, schmeckte die teigige Pampe immer noch wie Pappendeckel.

Dann gab es auf einmal einen Ruck, und ich fiel in einen anderen Bewusstseinszustand, wie bei einer schlampig geklebten Filmrolle. Ich war am Tisch eingeschlafen.

»Was ist denn mit dir los?«, hörte ich Feely fragen.

»Ein lähmender Schlummer hat sich ihrer bemächtigt, so geschwächt ist sie von ihren gestrigen Ausschweifungen«, warf Daffy ein.

Daffy las nämlich gerade Bulwer-Lyttons Pelham, immer ein paar Seiten als Abendlektüre, und bis sie damit durch war, wurden wir tagtäglich mit absurden Kostproben eines Prosastils gequält, der steif wie ein Ladestock war.

Zumindest das mit dem »gestrig« stimmte, darum nickte ich bestätigend. Plötzlich sprang Feely erschrocken auf.

»Großer Gott!«, rief sie und schlug ihren Morgenmantel wie ein Leichentuch um sich. »Wer in aller Welt ist das?«

Jemand, von dem nur der Umriss zu erkennen war, hatte die gewölbten Hände an die Terrassentür gelegt und spähte zu uns herein.

»Ach, das ist der Schriftsteller«, sagte ich. »Der mit den englischen Landsitzen. Mr Pemberton.«

Feely entfloh quietschend treppauf, wo sie in ihr enges blaues Twinset schlüpfen, ihre frühmorgendlichen Verunstaltungen mit pfundweise Puder bestäuben und die Treppe anschließend als eine andere wieder herunterschweben würde - als Olivia de Havilland zum Beispiel. So verhielt sie sich immer, wenn ein fremder Mann unser Anwesen betrat. Daffy dagegen schaute nur flüchtig auf und las weiter. Wie immer blieb alles an mir hängen.

Ich ging auf die Terrasse hinaus und machte die Tür hinter mir zu.

»Guten Morgen, Flavia!«, begrüßte mich Pemberton schmunzelnd. »Hast du gut geschlafen?«

Ob ich gut geschlafen hatte? Blöde Frage! Ich stand ihm direkt gegenüber, den Schlaf noch in den Augen, die Haare Beeton’s Benimmbuch für Damen konnte nicht schaden. Feely hatte mir das Buch zum letzten Geburtstag geschenkt, aber es diente immer noch als Unterlage für das zu kurze Bein meines Bettes.

»Geht so«, erwiderte ich. »Ich bin erkältet.«

»Das tut mir aber leid. Ich hatte gehofft, mich mit deinem Vater über Buckshaw unterhalten zu können. Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen, aber mein Aufenthalt hier in der Gegend ist leider nur von begrenzter Dauer. Seit Kriegsende sind die Preise für eine Unterkunft selbst in einem so bescheidenen Gasthaus wie dem Dreizehn Erpel schlicht erschütternd. Nicht, dass ich Mitleid schinden wollte, aber wir armen Gelehrten nagen eben doch am Hungertuch.«

»Haben Sie schon gefrühstückt, Mister Pemberton?«, erkundigte ich mich. »Mrs Mullet bringt Ihnen bestimmt noch etwas.«

»Sehr nett von dir, Flavia, aber der Wirt vom Dreizehn Erpel hat mir ein wahres Festmahl, bestehend aus zwei Würstchen und einem Ei, vorgesetzt, und ich muss auf meine Westenk nöpfe aufpassen.«

Was ich mit letzterer Mitteilung anfangen sollte, war mir nicht ganz klar, und meine Erkältung raubte mir die Lust, näher nachzufragen.

»Vielleicht kann ich Ihnen ja etwas über Buckshaw erzählen«, schlug ich vor. »Mein Vater sitzt im …«

Großartig! Das hast du mal wieder schlau angestellt, Flavia!

»Mein Vater sitzt bei einer Besprechung mit der Bank in der Stadt.«

»Danke für das Angebot, aber ich will dich nicht langweilen. Ich habe ein paar knifflige Fragen über Entwässerungsgräben,

»Dass man einen Appendix herausnimmt, habe ich ja schon mal gehört«, entfuhr es mir, »aber noch nie, dass man einen anfügt.«

Noch mit Triefnase war ich in der Lage, meine Klinge mit den Allerbesten kreuzen. Ein prustender Nieser verdarb leider ein wenig die Wirkung.

»Vielleicht darf ich kurz hereinkommen, mich ein wenig umsehen und mir ein paar Notizen machen? Ich störe auch nicht.«

Ich dachte noch über Synonyme für »Nein« nach, als ich einen Motor tuckern hörte und Dogger hinter dem Lenker unseres alten Traktors am Ende der Allee auftauchte, wo er eine Ladung Kompost in den Garten fuhr. Mr Pemberton, der sofort gemerkt hatte, dass ich über seine Schulter spähte, drehte sich neugierig um. Als er Dogger heranrumpeln sah, winkte er ihm zu.

»Das ist doch der alte Dogger, nicht wahr? Der getreue Gefolgsmann eurer Familie.«

Dogger hatte angehalten und drehte sich seinerseits um, weil er wissen wollte, wem Pemberton winkte. Als er niemanden erblickte, lupfte er den Hut wie zum Gruß, kratzte sich den Kopf, stieg vom Traktor und kam quer über den Rasen auf uns zu.

»Wie schon gesagt, Flavia«, sagte Pemberton und schaute auf seine Armbanduhr, »ich kann mich nicht allzu lange hier aufhalten. Ich bin drüben in Nether Eaton mit meinem Verleger verabredet. Wir wollen uns ein Grabmal ansehen, ein ausgesprochen seltenes Stück, bei dem beide Hände deutlich zu erkennen sind. Auch die Schmiedearbeit ringsherum soll au ßerordentlich sein. Der gute Quarrington hat ein Faible für Pembertons Grüfte und Grabmäler die Schublade des Autors nie verlässt.«

Er warf sich den Künstlerrucksack über die Schulter und ging die Treppe hinunter. Unten angekommen blieb er kurz stehen, schloss die Augen und labte sich mit einem tiefen Atemzug an der frischen Morgenluft.

»Schönen Gruß an Colonel de Luce«, rief er noch, dann war er weg.

Dogger kam die Treppe hochgeschlurft, als hätte er in der Nacht kein Auge zugetan.

»Besuch, Miss Flavia?«, fragte er, nahm den Hut ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.

»Das war Mister Pemberton. Er schreibt ein Buch über Landhäuser oder Grabmäler oder irgend so was. Er wollte sich mit Vater über Buckshaw unterhalten.«

»Glaube nicht, dass ich schon mal von ihm gehört hab. Aber ich bin ja auch kein großer Leser vor dem Herrn. Trotzdem, Miss Flavia …«

Jetzt würde er mir gleich eine Moralpredigt halten, gespickt mit Gleichnissen und grauenerregenden Geschichten, die alle darauf hinausliefen, dass man sich nicht mit Fremden einlassen soll. Irrtum! Er begnügte sich damit, den Finger an die Hutkrempe zu legen, und wir beide standen einfach da und glotzten wie zwei Kühe über die Wiese. Botschaft abgeschickt, Botschaft erhalten. Guter alter Dogger. Das war seine Lehrmethode.