«Das zweitletzte Heft ist das seltsamste«, sagte die Frau.»Das schwarze. «Sie hatte das Bett frisch bezogen, nahm die alte Wäsche vom Boden und ging zur Tür.»Sei ihm nicht böse. In seinem Kopf ist ein Trümmerhaufen. «Sie öffnete die Tür.»Ich sag deinen Eltern, du seist noch eine Weile beschäftigt, okay?«
Wilbur nickte. Die Frau lächelte und verließ das Zimmer. Wilbur nahm das schwarze Heft vom Stapel und schlug es auf.
Eine Stunde später fuhren sie zurück nach Portsalon. Die Straße tauchte aus der Landschaft auf wie ein Tau aus schmutzigem Wasser. Der Regen schlug auf das Blech des Wagens und strömte über die Windschutzscheibe, er floss durch Wilburs Spiegelbild und rauschte unter ihnen hindurch. Henry fuhr so langsam, dass ein Traktor sie überholte. Ab und zu hielt er an und wartete, aber es wurde nicht besser. Wenn eine Böe das Auto erfasste, duckte er sich und murmelte leise, als wolle er die Elemente beschwichtigen. Am Rückspiegel pendelten ein Rosenkranz und ein silbernes Kreuz.
Pauline ließ sich vom Wetter die gute Laune nicht verderben. Sie war stolz auf Wilbur, der seinem Großvater so lange Gesellschaft geleistet hatte. Jetzt habe der alte Mann seinen Seelenfrieden gefunden, sagte sie. Jetzt konnte er in Ruhe sterben, dachte sie. Ihr Haar war beim Gang zum Auto zerzaust worden, der Wind hatte ihr fast den Schirm aus der Hand gerissen. Sie richtete ihre Frisur im Spiegel und lächelte Wilbur zu.
Wilbur presste die Lippen zusammen und hob die Mundwinkel ein wenig. Die vier Hefte, die er sich unter den Pullover geschoben hatte, ließen ihn mit geradem Rücken sitzen. Er gähnte laut, damit er für den Rest der Fahrt die Augen schließen konnte. Er legte den Kopf ans Polster und verdrängte die Vorstellung, in einem U-Boot durch ein dunkles Meer zu gleiten.
Colm Finnerty wurde krank. Die Frauen des Ortes sagten, er leide an der Schwermut, bald würde er das Trinken beginnen. Die Wahrheit war, dass Colm von einer Müdigkeit ergriffen wurde, die ihm an manchen Tagen alle Kraft aus dem Körper nahm. Dann lag er da und hörte die Tiere im Stall, schlug sich mit den Fäusten auf die tauben Beine und humpelte Stunden später zum Vieh, um es zu füttern und auf die Weide zu lassen. Der Arzt kam und untersuchte ihn, und es war nicht Schwermut, die er feststellte, sondern beginnender Muskelschwund.
Nur Wochen später hatte Colm seinen Hof verlassen und war plötzlich einer der Senioren, um die sich Pauline und Henry ehrenamtlich kümmerten. Das Vieh und der Traktor wurden verkauft, nach einem Testament wollte man Colm noch nicht fragen. Henry und zwei weitere Männer des Vereins fuhren in einem Lieferwagen hinaus, um die paar Habseligkeiten, die man Colm zugestand, ins Heim zu schaffen. Wilbur hatte darauf bestanden, beim Umzug zu helfen, und obwohl Pauline dagegen war, nahm Henry ihn mit. Der Lieferwagen war mit DEMPSEY BUTCHERS beschriftet, und Wilbur wurde während der Fahrt so elend, dass der Fahrer zweimal anhalten musste.
Als sie leise wie Diebe das Haus betraten und wortlos durch die Räume streiften, fühlte Wilbur sich noch schrecklicher. Er folgte den Männern, unfähig, etwas zu tun, und sah ihnen zu, wie sie Schranktüren öffneten, Schubladen aufzogen und Gegenstände in die Hand nahmen und abwogen, ob sich ihre Aufbewahrung lohne, wie sie Möbel und Matratzen in den Hof trugen und ein Feuer machten, Bilder abhängten und Teppiche aufrollten und Vorhänge herunternahmen. Während die Männer ihr Unbehagen bald abgelegt hatten und angesichts der Fülle an angesammelten Dingen immer unzimperlicher wurden, kam Wilbur sich schuldig vor, wie ein Mittäter bei der Zerstörung von etwas, dessen Wert übersehen oder missachtet wird. Ein Teil von Colms Leben war zu Plunder geworden, zu lästigem Ballast, der bald als Asche über den leeren Hof wehen würde. Er stellte sich Colm vor, wie er in seinem neuen Zimmer saß und darauf wartete, keine Angst mehr zu haben vor den vier Wänden und dem Geruch nach Reinigungsmitteln und den fremden Geräuschen. Wie er Dinge aus dem Koffer nahm, sie ansah und zurücklegte, statt sie in den Einbauschrank zu räumen. Und wie er sich aufraffte und ans Fenster trat, um auf das gemähte Stück Rasen zu starren, wo keine Kälber Bocksprünge machten und keine Schafe grasten und den Kopf hoben, wenn er mit sanfter Stimme nach ihnen rief.
Während das Feuer loderte, ging Wilbur durch die Scheune und überzeugte sich davon, dass kein Tier darin vergessen worden war. Er nahm eine Handvoll Stroh und steckte es in die Hosentasche. Danach ging er ins Haus, und obwohl Henry meinte, es würde zu lange dauern, wickelte er jede Tonfigur in Zeitungspapier und verstaute sie ebenso in Kisten wie die Bücher.
Stunden später fand er in der Kommode neben dem Bett einen Artikel aus dem Donegal Democrat, der Orlas Streit mit der Erziehungsbehörde zum Inhalt hatte. Ein Schwarzweißfoto zeigte Orla vor der Schule stehend. Sie hatte eine Hand erhoben und war im Begriff, sich abzuwenden, was den vom Reporter beabsichtigten Effekt erzielte, sie unfreundlich und schuldbewusst aussehen zu lassen. Die Artikelüberschrift lautete: SELBSTERNANNTE LEHRERIN GIBT NICHT NACH, und unter dem Bild stand:»Starrköpfig bis in die letzte Instanz: Orla McDermott«.
Wilbur saß auf dem Bettgestell und las den Artikel zweimal hintereinander. Dass er weinte, merkte er erst, als Henry ins Zimmer trat und fragte, was passiert sei. Henry sah den Zeitungsausschnitt, seufzte und setzte sich neben Wilbur. Zuerst wusste er nicht, was er sagen sollte, zupfte Staubflusen von den Ärmeln seiner Strickjacke und sammelte sie in der Faust. Er überlegte lange, wie er den Jungen trösten könnte, dann sagte er, er habe Orla nicht persönlich gekannt, aber sie sei bestimmt eine außergewöhnliche Frau gewesen, auch wenn sie es bei ihrem Feldzug gegen die öffentliche Schule vielleicht ein wenig übertrieben habe. Er klopfte Wilbur auf die Schulter, erst zaghaft, dann fester, und schließlich erhob er sich, meinte, es gebe noch viel zu tun und verließ das Zimmer.
Wilbur wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Er saß da und stellte sich vor, wie er mit Colm auf dem Hof leben würde, wie er, statt zur Schule zu gehen, den alten Mann pflegen, für ihn kochen und ihm aus Büchern vorlesen würde. Er malte sich aus, wie er seinen Freund im Wohnzimmer einquartierte, von wo aus man auf eine der Weiden sehen konnte, wie er lernte, Traktor zu fahren und Kühe zu melken und Zäune zu flicken. Die Augen geschlossen, sah er sich mit Colm in der Sonne sitzen und Schafe zählen, sah die Jahre vergehen und hatte eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn er in weiter Zukunft neben Colm liegen und ihn so fest umarmen und festhalten würde, dass der ihn mit in den Himmel nähme wie ein Schiff einen blinden Passagier.
In einem Nebenzimmer ließ einer der Männer etwas fallen, das zerbrach. Wilbur schreckte aus seinem Traum hoch, holte ein paar Mal tief Luft, faltete den Artikel zusammen und legte ihn zu den anderen Dingen, die er für Colm vor dem Feuer bewahrte.
Sie brachten Colm einen Sessel, eine kleine Kommode, zwei gerahmte Bilder und die Kisten mit den Büchern und den Tonfiguren. Die Leiterin des Altersheims, eine dünne Frau um die vierzig, die freundlich, aber ständig leicht überfordert wirkte, hielt es für keine gute Idee, die Tiere auf sämtlichen verfügbaren Flächen aufzustellen, aber nachdem Colm versprochen hatte, sie eigenhändig abzustauben, gab sie nach. Während die Männer mit dem Lieferwagen nach Hause fuhren, halfen Henry und Wilbur beim Auspacken von Colms Sachen.
Danach gingen sie zu dritt in den Garten und fütterten die Goldfische, die in einem künstlichen Teich ihre Kreise zogen. Der Verputz des Hauses und der Himmel hatten dieselbe Farbe, ein Blau, das sich nicht entscheiden konnte, zu leuchten oder zu erlöschen. Wilbur und Henry rochen nach dem Rauch des Feuers, das längst Asche war. Von sehr weit her bellte ein Hund. Colm ging in die Hocke, und sein Spiegelbild verschwamm im dunklen Wasser.