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«Den Brief habe ich dir geschrieben, bevor…«Ich rede nicht weiter. Weil der Zucker vor mir steht, kippe ich zwei Löffel in meine Tasse.

Eine Gruppe Leute betritt das Lokal, alte Männer und Frauen, die sich in der Nähe des Eingangs an einen Tisch setzen. Als sie ihre Hüte, Schals, Ohrenwärmer, Umhängetaschen, Mäntel und Handschuhe ablegen, kommen sie mir vor wie müde Jäger, die aus der Wildnis heimkehren. Wenn sie reden, tun sie das leise und in Sätzen aus weniger als fünf Wörtern.

«Ich weiß«, sagt Aimee. Sie tut Zucker in ihren Kaffee, drei Löffel voll, und rührt um.»Ich möchte es dir erklären.«

«Nicht nötig«, sage ich und mache eine Handbewegung. Dabei stoße ich gegen die Tasse, und Tee schwappt über den Rand.

«Die Männer dort sind alle so traurig. Wenn sie mich berühren, denken sie vielleicht an etwas anderes als daran, sich umzubringen.«

«Ich wollte mich nicht umbringen«, sage ich.

Aimee umschließt die Tasse mit beiden Händen, aber sie trinkt nicht. Das Ehepaar in Denim verlässt Hand in Hand das Lokal.

«Ich möchte nicht, dass du denkst…«Aimee hebt den Kopf und sieht mich an. Ich senke den Blick, es ist wie ein dummes Spiel. Drei Männer kommen herein, Müllmänner oder Straßenkehrer, vielleicht auch Bauarbeiter. In ihren leuchtend orangefarbenen Overalls mit den weißen fluoreszierenden Streifen sehen sie nützlich aus, wichtig, ihr Anblick weckt Vertrauen in ein funktionierendes System. Sie setzen sich an einen Tisch, und endlich erfüllt ein wenig Lärm den Raum. Vielleicht sind es Feuerwehrleute, denke ich, und sie haben gerade jemanden gerettet. Ich stelle mir vor, ihre Uniform zu tragen und einer von ihnen zu sein. Ich würde Wasser in gelöschte Häuser verwandeln, in dankbar weinende Familien und Hunde mit versengtem Fell, die mir das Gesicht ablecken.

«Ich schreibe einen Artikel über das Institut«, sagt Aimee. Dabei zupft sie Wollknoten vom Schal und lässt sie auf die Tischplatte fallen. Stücke von Teeblättern liegen auf dem Grund meiner Tasse, darüber, im braunen Wasser, schwebt mein Auge.

Ich sehe Aimee an. Jetzt ist sie es, die den Blick senkt. Sie presst die Wollflusen zu einer Kugel. Die Männer reden und lachen und husten. Einer kommt an den Tisch, und seine Stimme lässt mich zusammenzucken. Vermutlich gibt es keine Uniform in meiner Größe, keinen Helm. Aimee schiebt den Zuckerstreuer an den Tischrand. Der Mann nimmt ihn, bedankt sich und geht zurück zu den anderen.

«Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

«Du bist Journalistin«, sage ich. Dampf steigt aus meiner Tasse, trüge ich eine Brille, würden sich die Gläser beschlagen.

«Nein. Jedenfalls noch nicht. Vielleicht, wenn ich diesen Artikel geschrieben habe, ich weiß nicht. «Sie legt die Wollkugel in die Untertasse und trinkt einen Schluck Kaffee. Ein schmaler Streifen Milchschaum klebt an ihrer Oberlippe, bis sie ihn mit der Zungenspitze wegwischt.»Da drin nehmen Männer sich das Leben, weil Vermeer neue Behandlungsmethoden an ihnen testet. Ärzte bekommen Geld, damit sie falsche Totenscheine ausstellen. «Aimee macht eine Pause. Bestimmt erwartet sie, dass ich den Kopf hebe und sie erstaunt ansehe. Aber ich halte den Blick gesenkt.»James Foster schluckt Glasscherben und verblutet, stirbt aber offiziell an Darmkrebs. Edward Holbrook stülpt sich einen Plastikbeutel über den Kopf und erstickt, der Arzt macht ein Lungenversagen daraus. Roger Willett trinkt Chlor, und seiner Familie wird gesagt, es sei ein Herzinfarkt gewesen.«

«Roger mit den Zeitungsausschnitten?«Ich sehe Aimee an.

«Vor fünf Tagen«, sagt sie leise.»Er hat sich zur Arbeit im Schwimmbad gemeldet, nur um an das Gift ranzukommen.«

Ich bringe keinen Ton hervor. Roger hat sich umgebracht. Er und seine Familie gehörten zu den Bewohnern eines kleinen Ortes in Tennessee, deren Leben durch einen Chemiekonzern zerstört worden waren. Ihr elfjähriger Sohn starb an Leukämie, wenige Wochen nachdem ein Gericht den Betroffenen Wiedergutmachungsgeld zugesprochen hatte. Die Firma schloss die Niederlassung in Tennessee und ließ in dem Ort drei Todesopfer und mehr als zweihundert entlassene Arbeiter zurück. Ein paar Verantwortliche gingen für kurze Zeit ins Gefängnis. Roger benutzte das Geld, um die Umweltverbrechen anderer Firmen aufzudecken. Seine Frau nahm ihren Anteil und ließ sich von ihm scheiden. Roger verkaufte das Haus, reiste durch das Land und half beim Aufbau von Bürgerinitiativen, die gegen fahrlässig handelnde Konzerne prozessierten und meistens verloren. Er hielt Reden vor zwanzig und zweihundert Leuten und schrieb Artikel, er gab Lokalzeitungen Interviews und saß in winzigen Radiostudios, er bezahlte Rechtsanwälte und wohnte in billigen Motels, er vergaß zu schlafen und zu essen und begann zu trinken. Zwei Jahre lang schaffte er es, keine Zeit zum Trauern um seinen Sohn zu haben. Als das Geld und das Interesse der Medien an seiner Mission versiegt waren, hängte er sich mit seinem Gürtel an ein Wasserrohr in der Waschküche eines Motels. Er war bewusstlos, als die Halterungen des Rohrs aus der Decke brachen. Das Journey’s End Motel lag am Ortsrand von Bloomington, New York. Von dort war es nicht sehr weit bis zu Vermeers luxuriösem Auffanglager.

Das alles habe ich aus den Artikeln, die Roger mir stumm vor die Füße gestellt hatte, den Rest von Melvin.

«Der Artikel ist fast fertig«, sagt Aimee.»Ich dachte, vielleicht liest du ihn mal. Wir könnten darüber reden, und du sagst mir, ob noch was fehlt.«

«Ich glaube nicht«, sage ich nach einer Weile. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was Aimee gesagt hat. Ich habe mich gefragt, ob Roger jetzt bei seinem Sohn ist. Ob es tatsächlich einen Himmel gibt, wo alle einander wiedersehen. Und ob meine Mutter und Orla da oben auf mich warten, egal, wie lange es dauert. Als Kind lag ich nächtelang wach und stellte mir diese Fragen. Ob es ein Jenseits gibt, oder ob das bloß eine Erfindung der Kirche ist, ein falsches Versprechen, eine Lüge, damit wir das Diesseits ertragen. Aimee redet, ihre Stimme ist weit weg, und ich frage mich, ob Roger im Paradies ist oder einfach nur tot, zurück im Nichts, erlöst von allem Schmerz.

«Was Vermeer und die Ärzte da tun, ist illegal«, sagt Aimee. Sie spricht lauter, weil sie weiß, dass ich ihr nicht zuhören will.»Pingpong statt Psychopharmaka klingt schön, aber es ist unverantwortlich. Wir reden hier nicht von Männern mit kleinen Nervenzusammenbrüchen. Ihr habt versucht, euch umzubringen, Herrgott!«

Ich will ihr noch einmal sagen, dass ich mich nicht umbringen wollte, lasse es dann aber bleiben. Plötzlich bin ich sehr müde.»Man hat sich gut um mich gekümmert. Ich habe Medikamente bekommen.«

«Auf der Krankenstation, ja. Schlaftabletten. Beruhigungspillen.«»Ich konnte mich erholen.«

Die alten Leute bezahlen, verwandeln sich zurück in die Gruppe glückloser Jäger und gehen. Jemand dreht die Musik lauter, die Töne eines Klaviers vermischen sich mit dem gelben Licht. Aimee streift sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Eine Weile scheint es, als höre sie der Musik zu. Ich trinke meinen Tee, der inzwischen lauwarm ist.

«Es wäre schön, wenn du mir helfen würdest«, sagt Aimee leise.

«Ich habe nichts gegen Vermeer«, sage ich ruhig.»Dafür, dass er mich nicht mit irgendwelchem antidepressiven Mist vollgestopft hat, bin ich ihm sogar dankbar.«

«Du hast einen Spiegel zertrümmert, um dir die Pulsadern aufzuschlitzen, verdammt noch mal!«Aimee sagt das so laut, dass die drei Männer und die Kellnerin zu uns herübersehen.

Ich stehe auf und gehe. Mir ist ein wenig schwindlig, vielleicht weil ich heute noch nichts gegessen habe. Auf dem Weg zum Hotel werde ich Brot und Schokolade kaufen. Aimee ruft mir nicht nach und folgt mir nicht.

Heute habe ich fast die Hälfte meines Wochenlohns für einen gebrauchten Föhn und einen kleinen Elektroofen ausgegeben. Weil Winston mich mag, hat er noch einen tragbaren Schwarzweißfernseher und einen Bambusstab in die Kiste getan. Der Bambusstab ersetzt die Fernbedienung. Mit ihm drücke ich die Programmtaste und verschiebe den Lautstärkeregler. Das Gerät hat die Größe und technische Raffinesse eines Toasters. Das Bild ist entweder zu hell oder zu dunkel, und zittrige Linien wabern von oben nach unten, was aussieht, als würden Schlieren von Flüssigkeit über den Bildschirm laufen. Der Ton ist in Ordnung, und die meiste Zeit liege ich mit geschlossenen Augen da und höre einfach nur zu. Vom Ofen geht ein seltsamer, metallischer Geruch aus, aber er schafft es immerhin, den winzigen Raum zu erwärmen.