Um der Nation seinen guten Willen zu zeigen, richtet er daher folgendes Rundschreiben an die Könige von Europa:
«Mein Herr Bruder!
«Sie werden im Laufe des letzten Monats meine Rückkehr an die Küsten von Frankreich, meinen Einzug in Paris und die Abreise der bourbonischen Familie erfahren haben. Was diese Ereignisse in Wahrheit bedeuten, muß Eurer Majestät nunmehr bekannt sein. Sie sind das Werk einer unwiderstehlichen Macht, das Werk und der einstimmige Wille einer großen Nation, die ihre Pflichten und Rechte kennt. Die Erwartung, die mich zum größten aller Opfer bewog, war getäuscht worden, darum eben bin ich zurückgekommen, und von dem Punkte an, wo ich den Strand betrat, hat mich die Liebe meiner Untertanen bis in die Hauptstadt getragen. Das erste Bedürfnis meines Herzens ist, so große Zuneigung mit einem ehrenvollen Frieden zu belohnen. Da die Wiederherstellung des Kaiserthrons für das Glück der Franzosen nötig war, so ist es mein süßester Gedanke, sie zugleich der Befestigung der Ruhe Europas dienstbar zu machen. Des Kriegsruhms, der der Reihe nach die Fahnen der verschiedenen Nationen umstrahlt hat, ist's genug; genug auch des Schicksalswechsels, der große Unglücksschläge große Erfolge ablösen ließ, auf große Erfolge sind große Unfälle nachgefolgt, so ist's des wechselnden Glücks genug. Ein schönerer Schauplatz eröffnet sich heute den Souveränen, und ich will der erste sein, der ihn betritt.
«Nachdem wir der Welt das Schauspiel großer Kämpfe gegeben, wird es weit süßer sein, fortan keinen andern Wettstreit mehr zu kennen als den in der Verbreitung von Friedenswohltaten, keinen andern Kampf als den heiligen Kampf zur Beglückung der Völker: Frankreich will mit Freimut diesen edlen Endzweck aller seiner Wünsche verkünden. Eifersüchtig auf seine Selbständigkeit, wird es sich zum unabänderlichen Grundsatz seiner Politik die vollkommenste Achtung der Unabhängigkeit anderer Nationen machen. Sind dies, wie ich das glückliche Vertrauen hege, die persönlichen Gesinnungen Eurer Majestät, so ist die allgemeine Ruhe auf lange hin gesichert, und die innerhalb der Staaten thronende Gerechtigkeit reicht allein hin, ihr Gebiet zu schirmen.«
Dieses Schreiben, das einen Frieden, vorschlägt, dem die uneingeschränkteste Achtung von der Unabhängigkeit anderer Nationen zugrunde liegt, trifft die verbündeten Herrscher im besten Zug, Europa unter sich zu teilen. Bei diesem großen Menschenschacher, bei diesem öffentlichen Seelenhandel nimmt Rußland das Großherzogtum Warschau, Preußen verschlingt einen Teil des Königreichs Sachsen, einen Teil Polens, Westfalens, Frankens und hofft wie eine unermeßliche Schlange, deren Schwanz Memel berührt, seinen Kopf am linken Rheinufer hin bis Thionville zu verlängern. Österreich will wieder sein Italien haben, das es vor dem Vertrag von Campo-Formio hatte, sowie alles, was sein doppelköpfiger Adler auf Grund der Verträge von Luneville, Preßburg und Wien allmählich hat aus seinen Klauen fallen lassen. Der Statthalter von Holland, zum Königsrang erhoben, verlangt, daß man ihm die Einverleibung Belgiens, des Gebietes von Lüttich und des Großherzogtums Luxemburg in seine Erbstaaten bestätige. Der König von Sardinien endlich dringt auf die Vereinigung Genuas mit seinem Festlandstaate, von dem er seit 15 Jahren abwesend ist. Jede Großmacht will, wie ein marmorner Löwe die Kugel unter seiner Tatze, ein kleines Königreich für sich haben. Rußland fordert Polen, Preußen Sachsen, Spanien Portugal, Österreich, Italien. Und England, das die Kosten aller dieser Umwälzungen auslegt, soll wie der brave Schweppermann statt eines Eies zwei haben — Holland und Hannover.
Der Moment war, wie man sieht, übel gewählt. Indes hätte diese Eröffnung des Kaisers vielleicht einen Erfolg haben können, wäre der Kongreß nicht mehr versammelt gewesen, so daß die Unterhandlungen nacheinander mit einem Herrscher um den andern stattfinden konnten. Aber da sie noch beieinander saßen und einander ins Gesicht sehen konnten, übernahm sich ihre Selbstliebe, und Napoleon erhielt keine Antwort auf seinen Brief.
Der Kaiser war keineswegs erstaunt über dieses Stillschweigen; er hatte es vorausgesehen und verlor keine Stunde, sich zum Kriege zu rüsten. Je schärfer er aber seine Angriffsmittel prüfte, um so mehr beglückwünschte er sich, daß er seinem ersten Triebe nicht gefolgt war. Alles war außer Rand und Band in Frankreich: kaum blieb der Kern einer Armee übrig. Was das Kriegsmaterial, Pulver, Gewehre, Kanonen betrifft, so schien alles verschwunden.
Seit drei Monaten arbeitete Napoleon täglich sechzehn Stunden. Auf seinen Ruf bedeckte sich Frankreich mit Fabriken, Werkstätten. Gießereien, und die Waffenschmiede der Hauptstadt allein lieferten bis an 3000 Gewehre in 24 Stunden, während die Schneider in demselben Zeitraum 15 bis 1800 Uniformen fertigten. Desgleichen wurden die Stämme der Linienregimenter von 2 Bataillonen auf 5 gebracht, die der Reiterei um 2 Schwadronen verstärkt, 200 Bataillone Nationalgardisten organisiert, 20 Marine-Regimenter und 40 Regimenter junger Garden zum aktiven Dienst verwendet und die beurlaubten Veteranen wieder unter die Fahnen gerufen, der Jahrgang 1814–15 ausgehoben, die verabschiedeten Soldaten und Offiziere zum Wiedereintritt in die Linie aufgefordert. Sechs Armeen, Nord-, Mosel-, Rhein-, Jura-, Alpen- und Pyrenäen-Armee genannt, werden gebildet, während eine siebente als Reservearmee sich unter den Mauern von Paris und Lyon, die man befestigen will, sammelt.
In der Tat sollte jede große Hauptstadt vor einem Handstreich gesichert sein, und mehr als einmal verdankte die alte Lutetia den Mauern ihre Rettung. Wäre Wien im Jahre 1805 verteidigt worden, so hätte die Schlacht von Ulm den Krieg nicht entschieden. Wäre im Jahr 1806 Berlin befestigt gewesen, so hätte sich die bei Jena geschlagene Armee dort wieder gesammelt und sich ebendaselbst mit der russischen Armee vereinigt. Wäre im Jahr 1808 Madrid im Verteidigungsstand gewesen, so hätte die französische Armee, selbst nach den Siegen von Espinosa, Tudela, Burgos und Somosierra, es nicht gewagt, auf diese Hauptstadt zu marschieren; während sie die englische und spanische Armee in der Richtung von Salamanca und Valladolid hinter sich stehen ließ. Hätte sich endlich Paris im Jahre 1814 auch nur acht Tage gehalten, so wäre die verbündete Armee zwischen seinen Mauern und den 80 000 Mann, die Napoleon bei Fontainebleau sammelte, erstickt worden.
Der Ingenieurgeneral Haxo wird mit diesem großen Werke beauftragt; er soll Paris befestigen und General Léry Lyon.
Wenn uns daher die Verbündeten nur bis zum 1. Juni Zeit lassen, so steigt der Effektivstand unserer Armee von 200 000 auf 414 000 Mann. Bis zum 1. September wird dieser Stand nicht allein verdoppelt, sondern es wird auch aus jeder Stadt bis zum Zentrum Frankreichs eine Festung gemacht, die allesamt der Hauptstadt gleichsam als vorgeschobene Werke dienen sollen. So macht das Jahr 1815 dem von 1793 den Rang streitig, und Napoleon hat ebensoviel erreicht wie der öffentliche Wohlfahrtsausschuß, ohne daß er genötigt gewesen wäre, mit einem Dutzend Guillotinen nachzuhelfen.
Auch ist kein Augenblick zu verlieren; die Verbündeten. die sich um Sachsen und Krakau zanken, sind, Gewehr im Arm, mit brennender Lunte stehengeblieben. Vier Befehle werden erlassen, und Europa marschiert von neuem gegen Frankreich.
Wellington und Blücher versammelten 220 000 Mann, Engländer, Preußen, Hannoveraner, Belgier und Braunschweiger, zwischen Lüttich und Courtrai; die Bayern, Badenser und Württemberger eilen nach der Pfalz und dem Schwarzwald: die Österreicher nahen in Eilmärschen, um sich mit ihnen zu vereinigen; die Russen ziehen durch Franken und Sachsen und werden spätestens in zwei Monaten von Polen aus an den Ufern des Rheins stehen. 900 000 Mann sind auf den Beinen, 300 000 werden ihnen folgen. [Fußnote] Die Koalition besitzt das Geheimnis des Kadmus, auf ihren Ruf steigen Soldaten aus der Erde.