Napoleon aber fühlt, je dichter er die feindlichen Armeen sich scharen sieht, um so mehr das Bedürfnis, sich auf dieses Volk zu stützen, das ihn im Jahre 1814 im Stich gelassen hat. — Einen Augenblick schwankt er, ob er nicht die Kaiserkrone beiseitelassen soll, um den Degen des Ersten Konsuls wieder zu ergreifen. Aber er, der im Schoß der Revolution geboren ist, hat Furcht vor ihnen; es graut ihm vor der Volksaufregung, weil er weiß, daß sie sich durch nichts mehr bändigen läßt. Die Nation hat sich über den Mangel an Freiheit beklagt: er will ihr daher die Zusatzakte zur Verfassung des Kaiserreichs verleihen. Das Jahr 1790 hat die Föderation gehabt, das Jahr 1815 soll das» Maifeld «haben; vielleicht läßt sich Frankreichs Freiheitsdrang dadurch beruhigen. Napoleon hält Heerschau über die Föderierten und schwört am 1. Juni auf dem Altar des Märzfeldes den Eid der Treue auf die neue Konstitution. An demselben Tage eröffnet er die Kammern.
Gleich darauf nimmt er, von dieser politischen Komödie, die er mit Widerwillen spielt, befreit, seine wahre Rolle wieder an und wird General. Er hat 180 000 Mann zur Verfügung, um den Feldzug zu eröffnen. Was soll er tun? Soll er den Anglopreußen entgegengehen, um sie bei Brüssel oder Namur zu treffen? Soll er die Verbündeten unter den Mauern von Paris oder Lyon erwarten? Soll er Hannibal oder Fabius sein?
Erwartet er die Verbündeten, so gewinnt er Zeit bis zum August, und dann hat er seine Aushebungen vollzählig gemacht, seine Rüstungen beendigt, sein ganzes Material in Bereitschaft gestellt. Er kann dann mit allen seinen Hilfsmitteln eine Armee bekämpfen, die sich durch die Beobachtungskorps, die sie notgedrungen in ihrem Rücken stehen ließ, geschwächt hat.
Aber das halbe Frankreich, das dann in Feindes Hand wäre, würde die Klugheit dieses Schrittes nicht begreifen. Man kann wohl den Fabius spielen, wenn man, wie Alexander, den siebenten Teil der Weltkugel besitzt, oder wenn man, wie Wellington, auf dem Boden eines andern Reiches sich bewegt. Zudem liegt ein derartiges Zaudern nicht in dem Genie des Kaisers.
Auf der andern Seite hofft er, durch einen sofortigen Angriff auf Belgien den Feind zu verblüffen, der uns außerstand wähnt, ins Feld zu rücken; Wellington und Blücher können geschlagen, auseinander gesprengt, vernichtet werden, bevor noch der Rest der verbündeten Truppen Zeit gefunden hat, zu ihnen zu stoßen. Damit fällt ihm Brüssel zu, die Rheinufer greifen wieder zu den Waffen, Italien, Polen und Sachsen stehen auf, und so kann gleich beim Anfang des Feldzugs der erste Schlag, wenn er recht getan wird, die Koalition auflösen.
Wahr ist freilich auch, daß im Unglücksfall der Feind schon Anfang Juli nach Frankreich gezogen wird, das heißt gegen zwei Monate früher, als er von selbst dahin kommen würde. Aber darf Napoleon nach seinem Triumphzuge vom Golf Juan bis Paris an seiner Armee zweifeln und eine Niederlage voraussetzen?
Von seinen 180 000 Mann muß der Kaiser ein Vierteil verzetteln, um Bordeaux, Toulouse, Chambéry, Belfort, Straßburg zu besetzen und die Vendée, diesen alten, durch Hoche und Kleber schlecht ausgeschnittenen politischen Krebs, im Zaum zu halten. Es verbleiben ihm daher nur 125 000 Mann, die er von Philippeville bis Maubeuge zusammenzieht. Freilich hat er 200 000 Feinde vor sich, aber wenn er nur noch sechs Wochen wartet, so hat er auf einmal ganz Europa auf dem Leibe. Am 12. Juni reist er von Paris ab, am 14. verlegt er sein Hauptquartier nach Beaumont, wo er inmitten von 60 000 Mann lagert, indem er 16 000 Mann auf seinem rechten Flügel gegen Philippeville und 40 000 Mann auf seinem linken gegen Solre an der Sambre wirft. In dieser Stellung hat Napoleon vor sich die Sambre, rechts die Maas, links und im Rücken die Wälder von Avesne, Chimay und Gedine.
Der Feind seinerseits steht zwischen der Sambre und Schelde und verbreitet sich staffelartig auf einem Raum von ungefähr 20 Stunden.
Die preußisch-sächsische Armee unter dem Oberbefehl Blüchers bildet die Vorhut. Sie zählt 120 000 Mann und 300 Feuerschlünde. Sie teilt sich in vier Korps; das erste, kommandiert von dem General Zieten, hat sein Hauptquartier zu Charleroi und Fleurus und bildet zugleich den Mittelpunkt; das zweite, unter dem General Pirsch, lagert in der Umgegend von Namur, das dritte, kommandiert von General Thielemann, steht an den Ufern der Maas in der Umgegend von Dinant; das vierte, kommandiert von dem General Bülow, hinter den drei ersten aufgestellt, hat sein Hauptquartier in Lüttich. So gestellt, hat die preußisch-sächsische Armee die Form eines Hufeisens, dessen beide Enden, wie wir sagten, auf der einen Seite bis Charleroi und auf der anderen bis Dinant reichen und von unsern Vorposten, eines 3, das andere nur 1 ½ Stunden, entfernt sind.
Die englisch-holländische Armee [Fußnote] steht unter dem Oberbefehl Wellingtons: sie zählt 104 200 Mann in 10 Divisionen, die in zwei große Infanterie- und ein Kavalleriekorps geteilt sind. Das erste Infanteriekorps befehligt der Prinz von Oranien, der sein Hauptquartier zu Braine-le-Comte hat, das zweite der Generalleutnant Hill, dessen Hauptquartier in Brüssel ist, die Reiterei endlich, die ihr Standquartier rings um Grammont hat, wird von Lord Uxbridge kommandiert. Der große Artilleriepark steht in Gent.
Die zweite Armee bietet die gleiche Stellung dar, wie die erste; nur ist das Hufeisen umgekehrt, und statt der Enden ist ihr Zentrum unserer Schlachtfront am nächsten, von der sie indes durch die preußisch-sächsische Armee vollständig getrennt wird.
Napoleon ist am Abend des 14. nur zwei Stunden von den Feinden angelangt, ohne daß sie noch die entfernteste Kenntnis von seinem Marsche haben. Über eine große Karte der Umgegend gebeugt und von Spionen, die ihm sichere Aufschlüsse über die verschiedenen Stellungen des Feindes bringen, umgeben, durchwacht er die Nacht. Nach genauer Einsicht in ihre Aufstellung berechnet er mit gewohntem Scharfsinn, daß sie bei der übergroßen Ausdehnung ihrer Linien drei Tage nötig haben, um sich zu vereinigen. Überfällt er sie unversehens, so kann er die beiden Armeen trennen und sie vereinzelt schlagen. Allererst zieht er 20 000 Pferde in ein Korps zusammen, der Säbel dieser Kavallerie soll die Schlangen mitten entzweischneiden, deren getrennte Stücke er dann sofort zertreten will.
Der Schlachtplan ist entworfen, Napoleon entsendet seine verschiedenen Befehle und fährt mit der Prüfung des Terrains und der Ausfragung der Spione fort. — Alles bestärkt ihn in dem Gedanken, daß er die Stellung des Feindes vollkommen kennt, und der Feind dagegen in gänzlicher Unwissenheit über die seinige schwebt, als plötzlich ein Adjutant des Generals Gérard im Galopp herbeisprengt. Dieser überbringt die Nachricht, daß der Generalleutnant Bourmont und die Obersten Clouet und Willoutrey vom vierten Korps zum Feinde übergegangen sind. Napoleon hört es mit der Ruhe eines an Verrat gewohnten Mannes: dann sagt er zu Ney, der vor ihm steht, gewendet:
«Nun! Marschall, hören Sie es? Ihr Schützling ist es, von dem ich nichts wollte, für den Sie mir bürgten, und den ich nur aus Rücksicht auf Sie angenommen habe; nun ist er zum Feinde übergegangen!«
«Sire«, antwortete der Marschall,»verzeihen Sie mir, aber ich glaubte ihn so ergeben, daß ich für ihn gut gesagt hätte, wie für mich selber«.
«Herr Marschall, «erwidert Napoleon, sich erhebend und ihm die Hand auf die Schulter legend,»wer blau ist, bleibt blau, und wer weiß ist, bleibt weiß.«
Dann setzt er sich wieder und nimmt augenblicklich mit seinem Angriffsplan die Veränderungen vor, die dieser Abfall nötig macht.
Mit Tagesanbruch sollen sich seine Kolonnen in Bewegung sehen. Die Vorhut seines linken Flügels, aus der Infanterie-Division des Generals Jérôme Bonaparte, ehem. Königs von Westfalen, gebildet, soll die Vorhut des preußischen Korps unter General Zieten werfen und sich der Brücke von Marchiennes bemächtigen; der rechte, von General Gerard kommandierte Flügel soll zur rechten Zeit die Brücke von Châtelet überrumpeln, während die leichte Reiterei des Generals Pajol, die die Vorhut des Zentrums bildet, von dem dritten Infanteriekorps unterstützt, vorzurücken und die Brücke von Charleroi zu nehmen hat. Um zehn Uhr soll die französische Armee über die Sambre gegangen und auf feindlichem Grund und Boden sein.