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Es muß dann schon in der Nähe der Oper gewesen sein, als wir auf eine ganze Reihe von diesen Mannschaftswagen stießen. Wir liefen an ihnen vorbei, und es war fast so, als würden wir sie besichtigen. Ein paar Uniformierte stapften hin und her, den Blick auf ihre Gerätschaften gerichtet. Sie hatten auch Hunde dabei und Wasserwerfer.

Am Gewandhaus blieben wir stehen. Von den Eingangsstufen aus konnte man den ganzen Platz übersehen.299

Liebe Nicoletta! Sie werden vielleicht annehmen, wir hätten in diesen Stunden irgendwelche gewichtigen Gespräche geführt, Gespräche über die Zukunft und über Robert, oder uns wenigstens versprochen, von nun an jeden Augenblick unseres Lebens zu genießen und einander zu lieben. Aber nichts von alldem.

Weil ich die Staatsmacht nie zuvor derart bedrohlich zu Gesicht bekommen hatte, war es gerade dieser Anblick, der alles so unwirklich machte. Jedesmal wenn eine Kolonne Mannschaftswagen aus Richtung Grassi-Museum auf den Ring einbog, hupten die Autos dagegen an, Pfiffe gellten. Waren die Wagen vorbei, wurde es wieder ein schöner Oktobernachmittag mit Leuten, die einander zulächelten, die Buchläden durchstreiften und auf die Straßenbahn warteten.

Ich erklärte Michaela, deren Einkäufe ich trug, aus welcher Richtung die Demonstranten kommen würden, falls man sie überhaupt bis auf den großen Platz ließe. Wären sie erst mal hier, könne sie nichts mehr aufhalten. Wir hatten einen geradezu idealen Standort gefunden. Von hier aus konnten wir flüchten oder teilnehmen oder einfach verharren. Wer wollte einem verbieten, mit einer Buchtüte unterm Arm vor dem Gewandhaus zu stehen?

Plötzlich drangen von allen Seiten Geräusche auf uns ein. Aus Lautsprechern tönte ein Aufruf zur Gewaltlosigkeit300, und zugleich hörte ich die Sprechchöre laut und nah. Unversehens war sie da, die Demonstration, wir hatten es gar nicht gemerkt. Von einer Sekunde auf die andere war der Opernplatz voller Leute, als hätten sie Tarnkappen abgeworfen. Wir selbst waren die Demonstration! Jetzt ist es zu spät, dachte ich. Michaela knetete meine Hand. Ich wollte ihr sagen, sie brauche nun keine Angst mehr zu haben, als sie mich wegzog. Michaela strebte auf einen Mann zu, der mit seinem Schnauzer und dem kahlen Kopf aussah wie eine Robbe. Sie umarmten sich. Er trug eine Brille aus dem Westen und tat so, als habe er mich gar nicht bemerkt. Mindestens eine halbe Minute lang wartete ich hinter Michaela und sah ihn über ihre Schulter hinweg an. Irgendwann sagte sie:»Das ist Enrico, der ist auch am Theater. «Ich fragte, was er denn mache, worauf Michaela» Das ist ***!«rief. *** nickte kurz wie in Gedanken und richtete seine Robbenaugen wieder auf Michaela. Und schon gingen wir drei nebeneinander in Richtung Post. Ich schob mich neben Michaela und winkelte meinen rechten Arm an, damit sie sich bei mir unterhakte. Sie aber tat nichts dergleichen und wandte kein Auge von der Robbe. Ich wußte nicht einmal, woher sie sich kannten.»Irre«, sagte die Robbe mehrmals,»irre!«

Ohne mich wären sie einander wohl noch öfter um den Hals gefallen. Michaela erzählte von Thea. Sah so der Regisseur aus, der Michaelas Träume erfüllen konnte?

Unerträglich war mir der Gedanke, daß er nun unauslöschlich mit diesem Tag verbunden sein würde. Wie eine Zecke würde er von nun an in unserer Erinnerung hängen. Genosse Robbe war dazu übergegangen, statt» irre«»schlimm «zu sagen. Jedem Satz von Michaela gab er mit» schlimm, schlimm «seinen Segen. Sie fühlte sich davon angespornt. Plötzlich zeigte er zu der Kamera hinauf und sagte:»Wenn das ein Maschinengewehr wäre!«Jemand hatte angefangen, der Kamera zuzuwinken, und nun winkten alle um mich herum hinauf. An der Fußgängerampel machten wir halt.

Sie kennen ja die dunklen Fernsehbilder. Haben Sie die Langsamkeit bemerkt, mit der die Leute einen Fuß vor den anderen setzten, und die großen Abstände zwischen ihnen? Ich kannte nur Maidemonstrationen, bei denen man sich ewig die Beine in den Bauch stand, ab und an ein paar Meter voranschlurfte, wartete und schließlich zum Laufschritt angetrieben wurde, damit vor der Tribüne keine Lücke im Demonstrationszug entstand. Hier aber schlenderte man zu zweit, zu dritt, in Grüppchen über den Platz, darauf bedacht, den anderen nicht zu nahe zu treten. Die Ampel wurde grün. Wir aber blieben stehen und warteten. Ein Mann fragte:»Beim nächsten Grün gehen wir los?«Und so betraten wir, als das grüne Männlein wieder aufleuchtete, endlich die Straße.

Wir wandten uns nach links, in Richtung Hauptbahnhof. Die Leute in den Autos, für sie war kein Durchkommen mehr, saßen wie festgefroren, angststarre Blicke. Von den Einsatzwagen, überhaupt von Polizei war nichts zu sehen. Nur ein einziger Polizist zeigte sich breitbeinig in einer Nebenstraße, als wollte er sich die Demonstration einmal persönlich anschauen. Nach zwei- oder dreihundert Metern drehten wir uns um. Sie erinnern sich vielleicht, die Straße fällt zum Hauptbahnhof hin leicht ab. Michaela jubelte und umarmte mich, die Robbe schrie:»Irre, irre!«Die ganze Stadt schien eine einzige Demonstration!

Auf einmal brüllte die Robbe los:»Reiht euch ein! Reiht euch ein!«Beim zweiten Mal hatte er sogar seinen Arm erhoben und skandierte es mit geballter Faust, als drohte er den Leuten in dem Restaurant, die an die Fenster gekommen waren und winkten.»Reiht euch ein!«brüllte er, und Michaela fiel beim vierten oder fünften Mal mit ein. Dann wechselten sie zu» Gorbi, Gorbi!«. Es war grausam. Die beiden machten ein solches Geschrei, daß alle Gespräche verstummten und den anderen nichts weiter übrigblieb, als einzustimmen.

Michaela wandte sich mir zu, als wollte sie sagen:»So wird’s gemacht!«

Wenn die Robbe pausierte, sprach Michaela weiter von Thea. Sie nahm es klaglos hin, daß die Robbe sie mitten im Satz unterbrach, um die» Internationale «anzustimmen.

Wir liefen unter der dichtbesetzten Fußgängerbrücke hindurch und betraten die riesige Kreuzung dahinter, die völlig leer war. Ich genoß es, mitten auf der Straße gehen zu können. Im selben Moment sah ich die Helme und Schilde, vielleicht dreihundert Meter von uns entfernt. Wir blieben stehen. Die Robbe klärte uns darüber auf, daß dort die» Runde Ecke «sei, das Gebäude der Staatssicherheit.

Wie schon an der Fußgängerampel warteten wir, daß die Leute aufrückten und der Demonstrationszug dichter wurde. Auf dieser Kreuzung hörte ich zum ersten Mal» Wir sind das Volk«(im Originalton:»Mihr sinn das Vouhlg«), was mir damals wie eine Antwort auf den Leserbrief der Kampfgruppe vorkam.301

An der» Runden Ecke«— kein einziges Fenster war in dem ganzen großen Haus erleuchtet — sah ich erst, wie klein der uniformierte Haufen war, der sich da vor dem Eingang Schild an Schild drängte. Ich glaubte zu erkennen, daß diese Hopliten wie Pferde zu scheuen und auf der Stelle zu tänzeln schienen.302 Um sie zu beruhigen, hatte sich eine Reihe von Demonstranten vor die Schildbewehrten gestellt. Sie hielten sich an den Händen und sahen den anderen Demonstranten zu, wie diese brennende Kerzen zu ihren Füßen auf das Pflaster stellten.

Plötzlich verschwand die Robbe von unserer Seite und zwängte sich in die Menschenkette vor den Uniformierten. Dabei sah er nach links und nach rechts, als ginge es darum, sich beim Schlußapplaus gleichzeitig mit den anderen zu verbeugen. Statt weiterzugehen und ihn dort stehen zu lassen, trat Michaela vor ihn hin. Er aber, ganz ergriffen von seiner neuen Rolle, ignorierte sie jetzt.

Schweigend trotteten Michaela und ich an der Thomaskirche vorbei, bis wir zum Neuen Rathaus kamen.

Ich wunderte mich über das Freudengeschrei um uns herum. Ich hatte eher das Gefühl, wir seien ins Leere gelaufen. Was sollte man tun? Noch einen Schwenk, zurück zum Gewandhaus?

Michaela wollte bleiben. Ich ging weiter geradeaus zum Auto. Notgedrungen folgte sie mir. Was ich gegen *** habe, rief sie, und warum in aller Welt ich den Beleidigten spiele. Von ihm, sagte ich, habe sie mir nie erzählt. Da gebe es auch nichts zu erzählen, sagte sie, sie hätten sich nur einmal in der Kantine des BE getroffen und Thea habe sie einander vorgestellt. Ich sagte, daß ich ihr das nicht glaubte … Ich wolle einfach nicht kapieren, unterbrach sie mich, wie es unter Theaterleuten zugehe; sie seien eben eine große Familie und so eine Begrüßung habe gar nichts zu bedeuten. Ganz egal wie es sei, sagte ich, auf jeden Fall habe sie mich verleugnet.