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Wir schwiegen während der gesamten Rückfahrt.

Als ich die Wohnungstür aufschloß, glaubte ich erst, Tante Trockel sei gekommen, aber es war meine Mutter, die mit Robert Abendbrot aß. Ich dachte, sie würde uns Vorwürfe machen wegen unseres Leichtsinns und weil wir Robert allein gelassen hatten. Aber das schien sie nicht zu interessieren. Sie habe mal wieder vorbeischauen wollen, sagte sie und hörte Michaela mit schiefgelegtem Kopf zu, als berichtete sie von ihrer letzten Premiere. Tante Trockel hingegen, von der ich den Schlüssel holte, verlangte einen vollständigen Bericht. Den sei ich ihr schuldig, schließlich habe sie bereits ihre Sachen gepackt. Sie klang vorwurfsvoll, als hätte ich sie um eine Reise, um ein Abenteuer gebracht.

Ihr Enrico T.

Freitag, 1. 6. 90

Lieber Jo!

Ich habe Dir die Stelle versprochen, und ich werde mein Versprechen halten, schon aus Eigennutz! Aber ich brauche noch ein paar Tage, vielleicht sogar ein oder zwei Wochen, um Klarheit zu schaffen. Ich weiß nicht, was in den letzten Tagen hinter meinem Rücken passiert ist. Von einem Augenblick auf den anderen hat alles die schlimmstmögliche Wendung genommen. Die Atmosphäre ist völlig verändert und läßt mich kaum mehr atmen.

Morgens beginne ich mit allen guten Vorsätzen, um dann, mit jedem unerwiderten Gruß, jedem mir ausweichenden Blick, jedem ins Leere gesprochenen Satz mehr und mehr zu jenem tückischen Wesen zu werden, für das man mich hält.

Vielleicht bin ich mit zuwenig Geschick zu Werke gegangen. Aber das Taktieren widerstrebt mir. Vielleicht hätte ich warten und Jörg allein abpassen sollen. Doch gerade das wußte er zu verhindern. Marion und er spielen glückliches, unzertrennliches Paar.

Ich habe sie gefragt, was sie von meinem Papier hielten, der Kalkulation für das Anzeigenblatt. Jörgs Unterkiefer senkte sich förmlich bei meinem Anblick.»Papier ist geduldig«, sagte er. Marion hatte sich mit meinem Eintritt in ihre Arbeit vertieft. Wegen eines Käseblattes, sagte Jörg, habe er nicht seine Arbeit als Diplomingenieur aufgegeben!

Du mußt wissen, Jo, ich will das Anzeigenblatt ja nicht als Selbstzweck, sondern als Schutz und Geldverdienmaschine, um das» Wochenblatt «von Anzeigen zu entlasten, ohne daß diese uns verlorengehen. Wir müssen das Möglichste aus unseren Ressourcen herausholen, die vorhandene Struktur nutzen, wie mit den Stadtplänen oder den Leserreisen, die ich gemeinsam mit Cornelia plane. Zu Jörg sagte ich:»Wir wollen doch das gleiche!«

«Jede ordentliche Zeitung hat ihre Chance«, erwiderte er,»wenn sie sich auf das Eigentliche konzentriert. «Sobald wir in Gera druckten, könne die Zeitung genügend Anzeigen aufnehmen, ohne den Text zu vernachlässigen. Dann hätten wir alles, was wir brauchten.

Ich versuchte ihm klarzumachen, daß das eine das andere nicht ausschließe, daß wir aber Positionen besetzen müßten, bevor andere sie einnähmen. Ich halte es mit Barrista, der sich bückt, wenn Geld auf der Straße liegt.

Ich könne doch selbst ein Anzeigenblatt machen, sagte Jörg, denn was ich bisher geschrieben habe, eigne sich sowieso besser dafür. Marion lachte, sah aber nicht auf, als hätte sie gerade etwas Lustiges gelesen.

Ich steckte auch das weg. Wir seien verpflichtet, sagte ich, alles nur Mögliche zu versuchen, um die Zeitung zu schützen, im eigenen Interesse, aber auch in dem unserer Angestellten. Ich wolle nichts weiter als sein Einverständnis, es wenigstens zu versuchen.»Und wenn es schiefgeht, was dann?«fragte er.

In diesem Moment wandte sich Marion um und sagte zu Jörg, sie verstehe gar nicht, warum er überhaupt mit mir diskutiere. Er und sie wollten es nicht, das sei ja wohl ein ausreichender Grund.»Und wenn ihm das nicht gefällt, kann er uns ja seinen Anteil wieder zurückgeben.«303

Ach, Jo, ich stand da wie ein dummer Junge. Jörg hatte mich bei seinen Ungeheuerlichkeiten wenigstens angesehen, Marion hielt nicht mal mehr das für nötig!

Um unsere Angestellten müsse ich mir keine Gedanken machen, sagte Jörg. Niemand von ihnen wolle ein Anzeigenblatt. Ich könne sie ja fragen. Und dann machte er eine Anspielung auf Frau Schorba, meine Busenfreundin, was er überdeutlich auf der ersten Silbe betonte. Die habe der neue Bürgermeister ja gleich am ersten Tag davongejagt, was im übrigen allgemein bekannt sei, was ich ihm jedoch aus so bedauerlichen wie unerklärlichen Gründen verschwiegen hätte. Aber glücklicherweise absolviere sie ja hier nur eine Probezeit.

Ich bat ihn, sich alles noch einmal zu überlegen, am Mittwoch, in der Redaktionssitzung, würde ich das Thema erneut zur Sprache bringen.

Das hoffe er nicht, sagte er, womit er mir den Rücken zukehrte. Vielleicht war es einfach Feigheit, die mich hinderte, sofort die Entscheidung zu suchen. Jedenfalls erschien mir gestern früh (wie lang ist das her!) die Erinnerung an dieses Gespräch wie ein böser Traum, der mit dem neuen Tag vorbei und vergessen sein sollte, so sehr vertraute ich meinen Argumenten.

Sie aber hielten meine Freundlichkeit für Schwäche. Ilona, der ich noch vor ein paar Tagen eine neue» Operntasche «verehrt hatte, war zu beschäftigt, um beim Grüßen von ihrer Arbeit aufzusehen, Jörg murmelte irgendwas im Vorbeigehen, Marion übersah mich völlig, Fred besprach, in den Türrahmen gelehnt, etwas mit Ilona (plötzlich verstehen sie sich, plötzlich hatte Ilona Zeit), was ihn so in Anspruch nahm, daß er mir nur wie einem zufälligen Kunden zunickte. Selbst Kurt huschte schnell in sein Zimmer. Pringel war ständig unterwegs. Allein Astrid, der Wolf, kam mir wie jeden Morgen freudig entgegengesprungen. Aber seit Ilona auf Astrids Spielball getreten ist und sich den Fuß verknackst hat, beargwöhnt sie sogar diese Begrüßung. Frau Schorba präsentierte mir die Ausbeute der Akquisiteure, ohne den ganzen Kladderadatsch auch nur mit einer Silbe zu erwähnen. Sie lächelte, das Geschäft läuft unglaublich gut.

Daß ich mich dann ausgerechnet zu Georg, meinem alten Chef, flüchten würde! Ich traf ihn auf dem Markt, bei den Fischbrötchen. Obwohl wir erst vor zwei Monaten bei ihm ausgezogen sind, habe ich Georg kaum wiedererkannt, so anders waren seine Bewegungen. Keine Spur mehr von dem steifen Ritter auf seinem Pferd. Auf seinen langen Beinen bewegt er sich jetzt geradezu geschmeidig. Verschwunden sind auch die Wurzelfalten zwischen den Augenbrauen und auf der Stirn. Zur Begrüßung hätte er mich fast umarmt. Ob ich einen Kaffee oder Tee bei ihm trinken wolle. Ich bejahte, allein schon um nicht gleich wieder in die Redaktion zu müssen.

Die Gartenpforte ist jetzt von Rosen überwuchert. Wie aber staunte ich, als ich beim Betreten der alten Redaktionsstube den gleichen Bildschirm wie bei uns und daneben den Apple erkannte. Sein Drucker ist etwas kleiner als unserer.

Der Baron hat zwei Bücher angeregt und jeweils tausend Exemplare im voraus bezahlt. Das Buch über den Erbprinzen wird das erste sein, dann ein Buch über die Juden in Altenburg und Umgebung und über ihre Vertreibung. Er selbst habe so viele Ideen, sagte Georg, die reichten für Jahre. Obwohl das Barometer, die Uhr und die Briefwaagen, überhaupt alles noch an seinem Platz war, schien ich mich in einem ganz anderen Raum zu befinden. Genauso erging es mir mit dem Garten, der nun grün und voller Blumen ist und an seinen Rändern nahezu undurchdringlich.

Franka umarmte mich, als wäre ich von einer langen Reise zurückgekehrt. Als ich die große Kaffeetafel im Garten sah, an der die drei Jungen mit ihren Großeltern auf uns warteten, gestand mir Georg, heute Geburtstag zu haben.