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So verbrachte ich eine heitere Stunde im Kreise seiner Familie. Georg erzählte von einer merkwürdigen Begegnung. Vor ein paar Tagen, es schüttete wie aus Eimern, klingelte es spätabends bei ihnen. Vor ihm stand eine kleine, völlig durchnäßte Frau, der die Haare am Kopf klebten. Sie trat ein und fragte, ob sie bei ihnen übernachten dürfe, ihr Auto sei kaputt und im» Wenzel «gebe es für alles Geld dieser Welt kein Bett mehr. Im selben Augenblick, da er sie fragen wollte, warum sie ausgerechnet bei ihnen klingele, erkannte er sie: Die Zeitungszarin aus Offenburg. Franka und Georg übernachteten selbst auf Luftmatratzen, damit ihr Gast in einem richtigen Bett schlafen konnte. Am nächsten Morgen aber saß die Zeitungszarin bleich und mit Augenringen in der Küche und behauptete, keine Minute geschlafen zu haben, das Bett sei eine Katastrophe.

In Frankas Sachen, die ihr zu groß waren, machte sie sich dann bald auf den Weg. Das Bad duftet angeblich immer noch nach ihr.»Eine richtige Millionärin«, sagte Franka zum Schluß.

Später stieg ich mit Georg den Hang hinauf. Während wir über die Stadt bis hin zu den Pyramiden sahen und die Augen mit den Händen vor der Sonne beschirmten, erzählte ich ihm von meinen Nöten.

«Ihr müßt es machen, wie du es sagst, genau so, sonst habt ihr keine Chance!«pflichtete mir Georg bei. Ich hatte Zurückhaltung und Bedenken, wenn nicht gar Widerspruch erwartet. Nun aber sprach ich wie befreit.

Wäre doch Jörg dabeigewesen! Dort oben auf dem Berg hätte ich ihn überzeugt! Nie zuvor hatte ich mir selbst die Notwendigkeit eines Anzeigenblattes so deutlich vor Augen geführt.

Laut Georg ist es beschlossene Sache, daß die großen Konzerne die Parteizeitungen unter sich aufteilen, allerdings nach Ländern geordnet. Da Altenburg Thüringen zugeschlagen werde, blieben wir die einzigen Grenzgänger und könnten eines nicht allzu fernen Tages von Ronneburg bis Rochlitz, von Meerane bis vor die Tore Leipzigs jeden Haushalt beliefern, wir würden nicht nur die Region zusammenhalten, wir wären auch ein kleines Imperium mit Altenburg als Zentrum.

Wir ergingen uns in Schätzungen über die Auflage — ich rechne mit hundert- bis hundertzwanzigtausend —, und ich begriff, daß der Baron unrecht hat. Denn es ist vollkommen belanglos, ob man reich werden will oder nicht! Ganz gleich, zwischen wie vielen Möglichkeiten man zu wählen glaubt, es gilt immer nur eine Entscheidung zu treffen, nämlich die, die das Überleben sichert. Ja, am Ende gibt es immer nur das Richtige oder das Falsche. Und letztlich ist es viel schöner, selbst etwas zu tun, als über das, was andere getan haben, zu schreiben.304

Noch auf dem Rückweg gab ich die Stempel für unser SONNTAGSBLATT in Auftrag.

In der Redaktion empfing mich Frau Schorba mit einer Hiobsbotschaft. Das Käferchen ist gestorben, der Alte sinnt auf Rache. Wenn er zurückkommt, schützt mich niemand vor ihm, denn weder darf er von der Polizei in Gewahrsam genommen noch in die Psychiatrie gesperrt werden, bevor er nicht irgend etwas angerichtet hat. Zumindest Marion wir sich darüber freuen.

Die morgendliche Stunde, in der mir Frau Schorba Nachhilfe am Computer gibt, ist wie das Atemholen für den ganzen Tag. Komme ich nicht weiter, sagt sie mir vor, doch so, als wäre ich sowieso im nächsten Augenblick selbst draufgekommen. Ihre Ungeduld verrät nur die Oberlippe, die wie eine rosa Raupe auf dem scharfen Strich ihrer Unterlippe hin und her kriecht. Meine erste selbstgesetzte Anzeige waren Cornelias» Italienische Wochen für Fußballfans«. Das WM-Signet haben wir aus der LVZ ausgeschnitten und einfach aufgeklebt.

Während ich auf Fred wartete, lähmten mich die Gedanken an die bevorstehende Auseinandersetzung am Nachmittag. Vor mir lagen Freds Listen von den Landtouren. Ich verglich die Zahlen der letzten beiden Wochen auf dem obersten Zettel miteinander. Mal war ein Exemplar weniger verkauft, mal drei. Im besten Fall stagnierte es. Die Summe jedoch wies ein Plus von dreißig verkauften Zeitungen aus!

Von den zehn Listen, die ich bis zu Freds verspätetem Eintreffen überprüft hatte, stimmten zwei. Die Rechenfehler brandmarkte ich mit rotem Filzstift und Ausrufezeichen. Eigenartigerweise wogen die Fehler einander mehr oder minder auf.

Als er hereinkam, war gerade Manuela, unsere Wunderwaffe, bei mir (sie bringt mehr Anzeigen als die drei anderen Akquisiteure zusammen). Fred, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände über dem Bauch gefaltet, verdrehte die Augen, um kundzutun, für wie überflüssig er es hielt, daß ich mir Manuelas Tratsch anhörte. Als er auch noch den Kopf schüttelte, reichte ich ihm wortlos seine Listen. Würde ich ihn nicht kennen, sagte ich, müßte ich Betrug unterstellen. Dann verabschiedete ich Manuela und bat sie, mir Ilona nach hinten zu schicken.

«Kannst du mir das erklären?«fragte ich Fred nach einer langen Pause.»Kannst du mir sagen, wie du abgerechnet hast?«

Er hätte immer alles Geld abgeliefert, nie etwas zurückbehalten, und Ilona hätte es ihm quittiert.

«Und dir sind«, fragte ich und ordnete die Blätter wieder der Reihenfolge nach,»nie Unstimmigkeiten aufgefallen?«

Fred zuckte mit den Schultern. Ich schwieg. Ob er gehen könne, fragte Fred.»Nein«, sagte ich,»wir warten auf Ilona.«

Dieser Satz blieb für einige Zeit der letzte, bis Fred von sich aus fragte, ob er Ilona holen dürfe.

«Ach du Schreck«, sagte sie, als ich die Listen vor ihr ausbreitete.

«Und du hast ihm das Geld abgenommen und quittiert?«

«Ich hab’s gerollt und zur Bank geschafft, heij«, sagte sie, als erwarte sie dafür Lob. Sie schien nicht einmal zu ahnen, was das mit ihr zu tun haben sollte.

«Und nichts nachgerechnet?«

Sie habe das Geld genommen und zur Bank geschafft, wiederholte sie.

Die beiden schnieften um die Wette, als ich sagte, daß sie alles stehen- und liegenlassen und die Listen nachrechnen sollten. Heute nachmittag brauchten wir die Zahlen.»Vielleicht«, sagte ich zum Schluß,»sind wir ja schon längst pleite.«

Als es kurz nach fünf losging, war die Stimmung unerträglich. Ilona und Fred saßen mir gegenüber und redeten über etwas, was sie ständig zum Lachen reizte. Anstatt nachzurechnen, hätten sie andere Aufträge erledigen müssen. Ich sei doch ihr Kontrolleur, eigentlich sei das meine Aufgabe.

Pringel saß für sich und starrte auf das leere Blatt vor ihm. Er wußte bereits, was ihn erwartete, nur ich hatte keine Ahnung. Kurt fehlte, die Akquisiteure waren nicht geladen. Allein Jörg schien von alter Herzlichkeit.

Er stellte als erstes Ilona und Fred zur Rede, warum sie meiner Anordnung nicht gefolgt seien, sich um die Abrechnung zu kümmern. Sie waren völlig verblüfft.

Frau Schorba gab die Werbeeinnahmen bekannt. Wir brauchten gar kein Anzeigenblatt mehr zu werden, sagte Jörg, wir seien bereits eins. Ab der letzten Juniwoche solle das» Wochenblatt «in Gera gedruckt werden, um vier oder acht Seiten verstärkt. Dann gebe es auch wieder Platz für Artikel, was unseren Verkaufszahlen wesentlich besser bekommen werde als diese Anzeigenschwemme, mit der wir uns selbst das Wasser abgrüben. Damit war Jörgs Ausblick in die Zukunft beendet. Er stellte seinen neuen Aufmacher vor, den ihm die» Kommission gegen Korruption und Amtsmißbrauch «frei Haus geliefert hatte (nun mußten sie schon den dritten Vorsitzenden wählen, weil die beiden ersten selbst der Korruption verdächtigt wurden).

Dann zog Jörg ein Papier hervor und sagte:»Wir müssen darüber reden, Gotthold, da mußt du jetzt durch. «Pringels Kindergesicht wurde noch kleiner. Jörg referierte den Inhalt eines Briefes, unterzeichnet von mehr als dreißig Leuten vom Anlagenbau. Darin wurde Pringel als» roter Schreiberknecht «bezeichnet.»Was hat ein roter Schreiberknecht in Eurer Zeitung zu suchen?«Beigelegt hatten sie einen Artikel aus Pringels Betriebszeitung vom Oktober 89.