Jörg begann daraus zu zitieren und brach nach Formulierungen wie» mit der geballten Härte des Gesetzes«,»Wohl und Gesundheit unserer Kinder sind bedroht «mit einem Undsoweiterundsofort ab.
Als Pringel aufsah, erkannte ich ihn kaum wieder. Seine Lippen bebten. Er versuchte zu lächeln, sein Blick huschte über uns hinweg.
Er verstehe eigentlich nicht, sagte Jörg, warum er so überrascht von diesem Brief sei. Vor allem aber wolle er ihn fragen, warum er uns gegenüber nicht mit offenen Karten gespielt habe. Das sei für ihn das eigentliche Delikt. Pringel nickte. Im Oktober habe wirklich niemand mehr solche Sachen schreiben müssen, murmelte Fred und verhinderte damit eine Antwort Pringels, der gerade Luft geholt hatte.
Es sei nach den Dresdner Ausschreitungen gewesen, stammelte Pringel schließlich. Aber der Text sei ihm vorgegeben worden, er habe gar keine andere Wahl gehabt, als das zu veröffentlichen, es sei gar nicht sein Artikel, er habe ihn aber zeichnen müssen, als verantwortlicher Redakteur habe er seinen Namen hergegeben. Sein Blick irrte herum.»Was hätte ich denn tun sollen?«
«Uns mal die Zeitung zeigen«, sagte Marion, worauf Pringel wieder stammelte, es sei doch gar nicht sein Artikel.
Ich fragte ihn, wovor er denn Angst gehabt habe? Ich meinte natürlich seine damalige Situation im Herbst. Er mißverstand mich.
«Daß Sie mich nicht mehr schreiben lassen«, sagte er. Nie zuvor habe ihm Zeitungmachen so viel Freude bereitet, ihn so erfüllt. Jeden Morgen sei er froh, daß er hierherkommen könne …
Was sollten wir ihn weiterquälen? Er war einverstanden damit, daß sein Name bis auf weiteres nicht in der Zeitung erscheint. Pringel ist ein freundlicher Mensch und intelligent. Ihm muß man nur sagen, was man braucht, und bekommt es am nächsten Tag. Seine kleinen Firmengeschichten sind beim» Gallus «der Renner. Möbel-Hausmann schaltet seither eine halbe Seite pro Woche.
Ob es Fragen gebe, wollte Jörg wissen.
Ja, sagte ich, über das Wichtigste hätten wir gar nicht gesprochen.
Das sei eine Redaktionssitzung, unterbrach er mich, das Grundsätzliche müßten wir zu zweit klären. Wann ich das endlich begreifen würde. Außerdem sei die Sache vom Tisch.
Für mich, sagte ich, ist die Sache noch nicht mal auf dem Tisch, und wenigstens meine Argumente sollten die anderen hören. Doch» die anderen «waren bereits aufgestanden. Selbst Frau Schorba griff schon nach ihrer Handtasche. Nur Pringel war sitzen geblieben. Uns beiden war offenbar die Entschlußkraft abhanden gekommen. Da spürte ich die Schnauze von Astrid, dem Wolf, auf meinem Knie. Mit seinem einen Auge sah er mich an. Du kannst mich auslachen, aber ich bin mir sicher, daß der Wolf die Situation genau verstand. Mir wird nichts anderes übrigbleiben, als den Einsatz zu verdoppeln. Ich glaube an den Sieg.
Sei umarmt, Dein E.
PS: Vielleicht ist es besser, wenn Du Anton Larschen bei Georg herausbringst. Ich glaube, Georg würde sich freuen, und das Buch hätte dann einen richtigen Verlag.
Sonntag, 3. 6. 90
Liebe Nicoletta!
Ich hatte mich nicht weiter darüber gewundert, daß meine Mutter an jenem 9. Oktober bei uns aufgetaucht war. Nachdem Robert im Bett war, sagte sie:»Ich muß euch was erzählen. «Und nach einer kurzen Pause:»Ich bin verhaftet worden!«
Der Bericht meiner Mutter war weit weniger ausführlich als der von Michael. Auch sie war am Freitag abend, also am 6., vor dem Dresdner Hauptbahnhof festgenommen worden. Sie habe sich mit eigenen Augen von dem überzeugen wollen, was sie in der Klinik und im Radio gehört hatte; doch kaum aus der Straßenbahn gestiegen, noch bevor sie sich zwischen Demonstranten und Uniformierten so recht habe orientieren können, sei sie gepackt und auf einen LKW geworfen worden. Man habe sich geschlagen und beschimpft. Nach ihrer Entlassung am Sonntag morgen sei sie zu Gunda Lapin, ihrer Freundin, der Malerin, nach Laubegast gefahren. Bei ihr habe sie sich bis Montag morgen erholt. In der Poliklinik habe sie sich dann untersuchen und für eine Woche krank schreiben lassen. Wäre sie noch inhaftiert, sagte sie, wüßte niemand, wo sie sei.
Ihr zuzuhören war eine Qual. Michaela kämpfte mit den Tränen und versuchte, Mutters Hände in ihre zu nehmen. Ich fand das unpassend, weil es Mutter hemmte, und war froh, als Michaela zur Telephonzelle ging, um Thea anzurufen. Doch das Alleinsein mit meiner Mutter ertrug ich noch weniger. Ich schaltete den Fernseher an. Aber weder sie noch ich sahen hin. Wortlos räumten wir den Tisch ab und brachen unser Schweigen auch beim Beziehen ihres Bettes nicht. Mutter ging ins Bad, und ich hörte sie gurgeln und das Wasser ins Becken spucken. Ich saß vor dem ausgeschalteten Fernseher und betrachtete meine Silhouette auf dem Bildschirm. Ich atmete immer tiefer ein, bis das Heben und Senken der Schultern auch bei meinem Spiegelbild deutlich zu sehen war.
Plötzlich stand meine Mutter in Unterwäsche vor mir und bat mich, sie einzureiben. Ihr Rücken war voller Blutergüsse, sogar auf Schenkel und Waden hatte man sie geschlagen. Sie stützte sich auf den Tisch und krümmte ihren Rücken. Sie roch ein bißchen nach Schweiß. Die wenigsten Ärzte dächten, wenn sie solches Zeug verschrieben, daran, daß alte Menschen meist allein seien und sich gar nicht einreiben könnten, sagte sie. Wir gaben uns einen Gutenachtkuß. Meine Mutter hatte im Bad weder das Licht ausgemacht noch die Zahnpastatube zugeschraubt. Ihr Handtuch lag auf dem Klodeckel.
Michaela fragte, wonach es rieche, und sagte dann, Thomas habe Thea auch gerade mit Franzbranntwein eingerieben. Das klang irgendwie gemütlich, als sei nun alles überstanden.
Am Dienstag war das Verlesen der Dresdner Resolution von der Bühne herab nicht mehr zu verhindern. Bis auf Beate Sebastian, die nur mit Zustimmung der Partei an einer solchen Aktion teilnehmen wollte, war das ganze Schauspiel dafür.
Was die Resolution betraf, teilte ich die Begeisterung der anderen nicht. Als ich vorschlug, eine eigene Resolution zu schreiben, hieß es, das Orchester, die meisten Sänger und das Ballett hätten schon ihr Einverständnis erklärt, sie könnten jetzt nicht wieder von vorn beginnen.
Der ganze Tonfall war dem Ritual von Kritik und Selbstkritik entlehnt. Hinter jeder Zeile schaue ein besorgter Funktionär hervor, sagte ich. Michaela schüttelte den Kopf, ich täuschte mich. Wir gingen es Zeile für Zeile durch, und ich war selbst überrascht, wie leicht diese pseudorevolutionäre Rhetorik auszuhebeln war. Allein schon der Satz:»Eine Staatsführung, die mit ihrem Volk nicht spricht, ist unglaubwürdig.«
«Hörst du darin nicht das Winseln des enttäuschten Speichelleckers?«fragte ich.»Wer sagt denn, daß ich mit denen dort überhaupt noch reden will? Wieso denn Staatsführung, wenn sie durch Wahlbetrug an die Macht gekommen sind? Und was bedeutet: mit ihrem Volk? Warum zitieren sie nicht Brecht: Sollen sie doch ihr Volk auflösen und sich ein neues wählen …«
Michaela gab zu, daß man diese Zeile streichen könne, meinte aber, die Formulierung» Ein Volk, das zur Sprachlosigkeit gezwungen wurde, fängt an, gewalttätig zu werden «sei nicht nur mutig, sondern auch jetzt noch richtig. Warum, fragte ich, schreiben sie nicht: Ein Volk, das seit 28 Jahren eingesperrt und als Staatseigentum behandelt wird, das beim leisesten Widerspruch bestraft und eingeschüchtert wurde, erobert endlich die Straße! Weg mit der Verbrecherbande, die auf wehrlose Menschen einschlägt, sie verhöhnt und foltert?
Michaela schwieg.»Warum«, fragte ich,»sagen sie nicht einfach: Die Mauer muß weg, weg mit der SED, her mit den Menschenrechten, geht auf die Straßen, habt Mut, laßt euch nicht mehr einschüchtern!«
«Das geht zu weit«, sagte Michaela,»das stellt ja alles in Frage.«
«Natürlich«, rief ich,»stellt das alles in Frage! Leipzig stellt alles in Frage, was mit meiner Mutter, was mit Thea passiert ist, stellt alles in Frage. Wir müssen alles in Frage stellen!«Warum sie sich mit dem alten Käse aus der Feder von Apparatschiks zufriedengebe.»›Wir haben die Pflicht‹«, zitierte ich höhnisch,»›von unserer Staats- und Parteiführung zu verlangen, das Vertrauen zur Bevölkerung wiederherzustellen.‹ Ist das nicht widerwärtig? So ein Schlußsatz? Heißt das, bitte schlagt uns nicht, wir sind doch für den Sozialismus!? Das ist doch noch armseliger als der Wunsch nach Fürstenerziehung! Du kennst doch die Dresdner!«