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«Und warum«, fragte Michaela,»sagst du es nicht?«

«Ich werde es sagen«, erwiderte ich.»Darauf kannst du dich verlassen!«

Ich muß ergänzen, daß wir nicht alleine waren. Wir standen vor dem kleinen runden Tisch in der Dramaturgie und hatten in denen, die dort saßen oder an den Schreibtischen lehnten, ein Publikum. Seit ihrem gestrigen Auftritt und unserer Rückkehr aus Leipzig war Michaela die Bärbel Bohley des Theaters und ich ihr Mann, dessen Mutter von Polizisten geschlagen, ja gefoltert worden war. Nach und nach waren die anderen verstummt. Die letzten Sätze hatten wir wie auf einer Bühne gesprochen.

Michaela machte einen mit Aufmerksamkeit verfolgten Gang zu ihrer Handtasche auf meinem Schreibtisch.»Es ist eben ein Unterschied«, sagte sie, zur Ausgangsposition zurückkehrend,»ob man im Theater etwas sagt oder auf der Straße. Im Theater ist man nicht anonym …«

«Das heißt nichts anderes«, unterbrach ich sie,»als daß die Straße das Theater aufklären muß! Keiner von denen, die verhaftet worden sind, war anonym, weiß Gott nicht. Die haben alle ihren Personalausweis vorlegen müssen!«

Für sie wäre es ein Erfolg, wenn es im Theater überhaupt so weit käme, daß die Resolution verlesen würde. Damit verließ Michaela die Dramaturgie. Von meinem Platz am Fenster aus sah ich sie zur Haltestelle gehen. Wieder war eine» Krähwinkel«-Probe ausgefallen.

Die Schlüssigkeit meiner Argumente versetzte mich in Euphorie. Ich hatte meinem Widerwillen nachgegeben, ich war ihm gefolgt wie einer Wünschelrute und hatte dabei eine Logik entdeckt, die funktionierte. Verstehen Sie mich? Plötzlich konnte ich begründen, warum ich nicht mitmachen wollte.

Mit meiner Sichtweise glaubte ich eine Verteidigungslinie bezogen zu haben, die so schnell keiner überrennen würde und die es mir erlaubte, dem Theaterkleinklein mit einem abschätzigen Lächeln zu folgen. Natürlich gab man mir recht, schlug sich aber auf Michaelas Seite und sprach von Etappen, List und Geduld.

Punkt 14 Uhr fuhr ich nach Hause. Mutter hatte gekocht. Sie hatte Robert in das, was ihr widerfahren war, eingeweiht. Er genoß die» Großfamilie «und das Sonntagsessen. Je länger sie darüber nachdenke, sagte Mutter, desto klarer werde ihr, daß sie alle hinter Gitter gehörten, nicht nur die Prügelknaben und ihre Offiziere, sondern alle, Modrow, Berghofer, Honecker, Mielke, Hager und das ganze Gesocks.»Und wenn sie nichts davon gewußt haben, um so schlimmer!«Michaela sah nicht auf. Wäre ich nicht später gekommen, hätte sie glauben können, Mutter wäre von mir instruiert worden. Zum Kaffeetrinken fuhren wir nach Kohren-Sahlis. Es gab Mohnkuchen mit Schlagsahne. Mutter bestellte eine doppelte Portion und sagte, das habe sie sich verdient. Danach brachte ich Michaela ins Theater.»Die Csárdásfürstin «hatte als Rentnervorstellung bereits um 15 Uhr begonnen.

Während die Vorstellung lief, war hinter der Bühne der Kampf um die Resolution erneut entbrannt.

Orchester und Ballett hatten zugestimmt, auch die Solisten mit Ausnahme von einem, der Chor aber hatte sich zerstritten. Die Csárdásfürstin war nicht zu überreden gewesen, die Erklärung zu verlesen. Kleindienst, der Dirigent, weigerte sich ebenfalls. Schließlich meldete sich Oliver Jambo, der schwule Heldentenor (ich erwähne das, weil Jambo den schwulen Heldentenor auf Schritt und Tritt zelebriert). Für ihn sei es eine Ehre, das Schreiben zu verlesen. Danach fuhr ich nach Hause.

Abends erzählte Michaela, daß alles an Jonas gescheitert sei. Jonas habe in der Raucherecke gesessen und gelächelt. Wer immer sich in seine Nähe verlaufen habe, den habe er gebeten, mit» dieser Aktion «zu warten. Er habe nur um einen Tag gebeten. Einen Tag sollten sie noch warten. Auch sie, Michaela, habe er angesprochen. Selbst ihr sei es schwergefallen, sich gegen ihn zu behaupten. Ein Tag, habe er wieder und wieder gesagt, nur einen Tag. Gefragt, was das denn ändere, habe er von der Tagung des Politbüros gesprochen.

An dieser Stelle von Michaelas Erzählung mußte ich lachen. Ja, sagte sie, sie schäme sich dafür, aber schließlich habe sie nichts machen können. Die Sänger seien plötzlich auch dafür gewesen, es um einen Tag zu verschieben. Das Orchester, das nicht informiert worden sei, habe in der Kulisse gewartet. Schließlich waren sie von Kleindienst auf die Bühne gebeten worden, um, wie er gesagt habe, ihren verdienten Applaus in Empfang zu nehmen. Die Musiker seien so wütend abgezogen, daß man wohl mit ihnen nicht mehr rechnen könne.

Am Mittwoch jedoch kam Michaelas großer Tag. Mutter, Robert und ich setzten uns in die Vorstellung,»Emilia Galotti«. Michaela war nicht bei der Sache. Als Emilia zu ihrem Bericht ansetzte, wußte sie nicht weiter.

Nach der Pause verzog ich mich in die Dramaturgie. Die Intendanz war hell erleuchtet. Der technische Direktor, die Verwaltungschefin, die zugleich Parteisekretärin war (und nun In tendantin ist), saßen mit drei oder vier anderen zusammen, deren Stimmen ich nicht erkannte.

Ich hörte auch immer wieder Schritte und das Klappen der Eingangstür. Trotzdem war ich dann überrascht, wie viele gekommen waren. Jambo, der auf der untersten Stufe der kleinen Treppe stand, die zur Bühne führte, spielte gedankenverloren mit der Kordel seiner Brille. Eine Frauenstimme flüsterte:»Der Intendant!«

Ich hatte ihn nicht bemerkt. Er saß am Tisch, den Kopf auf den verschränkten Armen, als würde er schlafen, seine Schultern zuckten. Ich dachte zuerst an ein Unglück, einen Todesfall.

Nach dem Knacken des Lautsprechers bat Olaf, der Inspizient, den Darsteller des Odoardo auf die Bühne. Er ließ den Lautsprecher eingeschaltet, so daß wir von da an die Vorstellung mitverfolgen konnten.»Noch niemand hier? Gut, ich soll noch kälter werden«, schnarrte es aus dem Lautsprecher.

«Habt ihr denn nicht Radio gehört?«fragte Jonas mitten in den Satz hinein.»Wer kein Gesetz achtet, ist doch genauso mächtig wie der, der keins hat!«305

Jonas’ Augen, von Tränen schlierig, sahen in die Runde, ein Blick, der sich auf der Suche nach Barmherzigkeit von einem zum anderen schleppte.»Habt ihr denn nicht Radio gehört? Kriegt ihr denn nichts mehr mit? Könnt ihr nur noch in eine Richtung denken?«Er schüttelte den Kopf.»Sie wissen es nicht«, rief er,»sie wissen nichts von der wichtigsten Veränderung seit Jahrzehnten! Hat denn keiner gehört, was das Politbüro heute abend erklärt hat?«

«Huch!«rief Jambo.»Ist die Mauer weg?«

Jonas brüllte; seine Stimme explodierte in dem kahlen Raum. Michaela behauptete später, selbst durch die Stahltür habe man ihn gehört. Sein Kopf wurde derart rot, daß ich ihn bereits mit starren Augen und offenem Mund auf den Tisch fallen sah.

Die Bügel von Oliver Jambos Brille hatten sich in der Kordel verwickelt, so daß er eine Bewegung machte, als schüttelte er ein Fieberthermometer.»Könnten Sie das noch mal wiederholen?«fragte er leise.

Statt sich wie erwartet auf Jambo zu stürzen, begann Jonas zu predigen. Seine ganze Erklärung war so läppisch, daß ich mich an nichts erinnere, außer an zwei Formulierungen, die Jonas mehrmals wiederholte:»Es wird keine chinesische Lösung geben «und» Das Politbüro steht mit dem Gesicht zum Volk«.

Aus dem Lautsprecher kam der Schlußapplaus. Jonas redete weiter. Er setzte gerade wieder zu seinem» mit dem Gesicht zum Volk «an, als Michaela etwas atemlos aus dem Lautsprecher zu vernehmen war:»Los, es geht los!«»Meine Damen!«sagte Jambo und hielt die Stahltür auf. Ich folgte als letzter. Als ich mich noch einmal umdrehte, sah ich Jonas mit halb erhobenem Arm dastehen, ins Leere weisend.306