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Michaela trat vor und begann. Ein Paar stand eilig auf und stürzte hinaus. Im halben Saallicht sah ich Mutter und Robert, die beide kerzengerade dasaßen und lauschten, als wäre die Galotti wiederauferstanden, um Rache an Marinelli zu nehmen. Auch der Tonfall, in dem sie sagte» Wir treten aus unseren Rollen heraus«, war derselbe wie der, mit dem sie gesagt hatte:»Aber alle solche Taten sind von ehedem!«

Mir war es unangenehm, einfach nur dazustehen, reduziert auf meine körperliche Präsenz.307

Das Publikum applaudierte, die meisten erhoben sich, auch Mutter und Robert. An Michaela sah ich den Reflex, sich bei Applaus zu verbeugen. Sie bekam ihn gerade noch unter Kontrolle, breitete aber die Arme aus, als wollte sie sagen, wir alle hier denken so, und trat zurück. Die Leute klatschten weiter und schienen auf etwas zu warten, ein Lied oder ein Nachspiel. Ein paar folgten Michaelas Beispiel und spendeten mit ausgestreckten Armen den Zuschauern Beifall. Statt eines geordneten Abgangs begannen wir einzeln von der Bühne zu bröckeln. Die letzten, unter ihnen die Galotti, flohen dann regelrecht. Das Publikum, 124 verkaufte Karten, klatschte, wie um eine Zugabe zu erzwingen.

Als wir am nächsten Tag ins Theater kamen, wartete bereits ein Emissär der Umweltbibliothek an der Pforte.»Die ganze Stadt spricht von eurer Aktion«, sagte er, nickte ernst und lud uns für den Abend in die Martin-Luther-Kirche ein, um über unseren Aufruf zu informieren. Da ich von keiner Umweltbibliothek in Altenburg wußte, glaubte ich zuerst, er sei aus Berlin gekommen.

Die Einladung an uns galt einer» Fürbittandacht«.

Über Mittag residierte Michaela in der Kantine und empfing die Huldigungen selbst von Orchester und Chor. So war es ihr noch nach keiner Premiere ergangen. Michaela bestimmte, wer abends die Resolution im Theater vorlesen solle, weil sie selbst beabsichtigte, in der Kirche aufzutreten.

Die Martin-Luther-Kirche, jener neogotische Zeigefinger an der Stirnseite des Marktes, war überfüllt. Ich folgte Michaela durch den Mittelgang nach vorn, wo uns der Emissär empfing. Wie lange hatte ich keine Kirche mehr betreten!

«Schrecklich, ganz schrecklich«, sagte immer wieder eine Frau mit kurzen Haaren und einer langen schmalen Narbe, die ihre rechte Augenbraue kreuzte.»Ganz, ganz schrecklich!«Sie meinte Bodin, den Pfarrer der Kirche, der sie aufgefordert hatte, statt weiter große Reden zu schwingen, lieber einen Dankgottesdienst zu veranstalten. Gedankt werden sollte Gott für die um Verständnis bemühte Erklärung des Politbüros. Im übrigen gebe es starke Kräfte in seiner Gemeinde, die überhaupt kein Verständnis für diese Veranstaltung hätten. Wenn sie und ihre Freundinnen das nicht begriffen, sehe er keine andere Möglichkeit, als jenen Gemeindemitgliedern nachzugeben und seine Kirche für diese Krawallveranstaltung zu schließen.

Irgendwie verstand ich den Pfarrer Bodin, diesen älteren, vollkommen kahlköpfigen Mann, der sich im Talar auf einen Stuhl an der Wand gesetzt hatte und in Gedanken oder in ein Gebet vertieft war.

Michaela und ich wurden mehrfach begrüßt. Der Gründer des» Neuen Forums Altenburg«(jede Stadt hatte ihr eigenes Neues Forum) schnappte nach Luft, als er uns erzählte, daß heute früh die Radmuttern an seinem Trabi locker gewesen seien. Ein dürrer Langhaariger mit einem Chinesenlächeln trug ein zusammengerolltes Transparent wie eine große Puppe im Arm. Immer wieder stellten sich junge Frauen als Mitglieder oder Sprecherinnen von Umwelt- und Friedensgruppen vor.

Auch bei denen, die sich in den Gängen und auf den Emporen drängten, waren mehr Frauen als Männer.»Heute muß was passieren!«sagte die Frau mit der Narbe und hockte sich vor uns hin.

«Was soll denn passieren?«fragte ich.

«Na, Demonstration!«rief sie.»Es muß doch hier mal losgehen! Einer muß heute mal den Mund aufmachen!«

Der Langhaarige kam dazu und mischte sich ein:»Es ist besser, wenn jemand redet, den sie hier noch nicht so kennen. «Merkwürdigerweise leuchtete mir das damals ein. Ich spürte zu spät, wie prekär die Situation durch mein Nicken für mich geworden war. Der vom Neuen Forum kam wieder mit seiner Radgeschichte und daß er seiner Familie sowieso schon viel zuviel zumute. Michaela rührte sich nicht.»Kannst du das nicht machen?«fragte die Frau mit der Narbe und sah mich an. Ich saß in der Falle.

«Und was soll ich sagen?«fragte ich.»Klasse«, rief sie,»das ist echt klasse!«Der mit den langen Haaren beugte sich über mich und berührte meine Schulter.»Gut, Enrico, sehr gut!«Ich war so verunsichert, daß ich ihn fragte, woher er denn meinen Namen kenne308. In diesem Moment begann die Kirchenband zu spielen. Der Bassist, der den Einsatz gegeben hatte, nickte wie einer dieser Plastedackel, die eine Zeitlang hinter jeder Heckscheibe zu sehen gewesen waren.

Nach den ersten Takten bereute ich alles, nach der ersten Strophe war ich verzweifelt. Hatte ich mich nicht bislang wohlweislich von solchen Kreisen ferngehalten? Ich verstand immer mehr den Pfarrer Bodin, der schwer atmend dasaß. Seine vorgestülpte Unterlippe hing herab, eine zitternde rotblaue Tülle, über die schon viel zu viele Worte geflossen waren.

Während jemand von der Menschenrechtsgruppe sprach, wurde mir ein Zettelchen gereicht.»Stelle Dich bitte kurz vor. Danke!«

Michaela, die anfangs mit viel Applaus begrüßt worden war, beging den Fehler, die Dresdner Resolution mit dem gleichen Gestus vorzutragen wie im Theater. Ich hörte die Galotti. Sie spürte selbst, wie sie von Zeile zu Zeile an Kraft verlor und wie schließlich nur das Gekünstelte und die Theaterpose übrigblieben. Zum Ende wurde sie immer schneller, eine Todsünde für eine Schauspielerin.

«Ich war nicht gut«, flüsterte sie, ich nahm ihre kalte Hand und hielt sie eine Weile fest.»Macht nichts«, sagte ich, während das Kopfnicken des Bassisten der unseligen Band den Einsatz gab.

Hundertmal, tausendmal hatte ich mir vorgestellt, eine Revolutionsrede zu halten, als liefe mein Leben auf diesen Augenblick hinaus, mein Wunschtraum, zu dessen Erfüllung ich nun verdammt war.

Mit der Linken zerknüllte ich das Zettelchen, mit der Rechten umfaßte ich den Rand der kleinen Kanzel309 und kämpfte gegen einen Lachreiz an.

Ich sah auf. Kein Hüsteln, kein Räuspern, kein Scharren. In diese vollkommene Stille hinein sagte ich:»Ich heiße Enrico Türmer, wohne seit anderthalb Jahren mit Frau und Sohn in der Georg-Schumann-Str. 104, arbeite am Theater und bin parteilos.«

Ich sah über die Köpfe der Leute hinweg den Mittelgang entlang und begann.

«Wir haben Fehler gemacht, wir legen ein Geständnis ab, wir klagen uns an.

Wir haben uns das Pionierhalstuch umgebunden und das Lied von der Friedenstaube gesungen, als Panzer durch Budapest fuhren.

Wir haben geweint und die Hände in den Schoß gelegt, als man uns einmauerte.

Wir haben geschwiegen, als der Prager Frühling von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde.

Wir bezahlten den Solidaritätsbeitrag, während in Danzig Arbeiter erschossen wurden.«

Die atemlose Stille verlieh meinen Worten eine Kraft, die nichts mit mir zu tun hatte, es waren nicht mehr meine Worte.

«Wir demonstrierten am 1. Mai die unverbrüchliche Treue zur Sowjetunion, als ihre Truppen in Afghanistan mordeten.

Wir rissen Witze über faule Polacken, während die Polen für freie Gewerkschaften stritten, und schworen den Fahneneid, als die NVA an Oder und Neiße in Stellung ging.

In der Friedhofsruhe, die seit Monaten auf dem Platz des Himmlischen Friedens herrscht, hören wir noch immer, wie Honecker und Krenz den Mördern Beifall klatschen.«

Ich spürte, wie die Worte um mich wirbelten, ich spürte, wie sie mich losrissen, ich spürte, wie sie mich mit sich fortschwemmten.

«Wir zogen unsere besten Sachen an, wenn wir ins Wahllokal gingen.