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Wir lernten, von diesem Land zu reden, ohne das Wort Mauer zu benutzen.

Wir ließen uns als lebende Girlanden an den Straßenrand stellen.

Wir gingen zur Jugendweihe und gelobten dem Staat Treue.

Wir übten Handgranatenwurf und Luftgewehrschießen, während die besten Schriftsteller, Schauspieler und Musiker das Land verlassen mußten.

Wir ließen uns zur Neubauwohnung beglückwünschen, während die alten Stadtkerne abgerissen wurden.

Wir zählten die olympischen Goldmedaillen, aber der Zahnarzt wußte nicht, womit er unsere Zähne sanieren sollte.

Wir hängten Fahnen aus dem Fenster, obwohl wir uns in Prag und Budapest schämten, als DDR-Bürger erkannt zu werden. Wir erhoben uns zur Nationalhymne, obwohl wir am liebsten im Boden versunken wären.«

Ich richtete meinen Blick in die Ferne.

«Wir wollen nicht länger Schuld auf uns laden! Unsere Geduld ist zu Ende! Man wird uns sehen können, auf den Straßen, auf den Marktplätzen, in Kirchen und Theatern, im Rathaus, vor den Häusern der Kreisleitung, vor den Villen der Staatssicherheit. Wir haben nichts zu verbergen, wir zeigen unsere Gesichter! Wir haben nichts zu verschweigen, wir nennen unsere Namen! Die Zeit der Bitten ist vorbei! Weg mit der Mauer, weg mit der Staatssicherheit, weg mit der SED! Her mit freien Wahlen, freien Medien, her mit der Demokratie! Wir brauchen keine Genehmigungen! Wir gehen jetzt auf die Straße! Das ist unser Land!«

Die Stille zerbarst. Der ganze Raum war in Aufruhr, Poltern, Klatschen, Pfiffe. Wenn es nicht zu unsinnig klingt: Ich starrte auf den Lärm und klammerte mich an die Kanzel, weil mir von meinen Worten schwindelte. Die Leute drängten hinaus.»Klasse«, rief die Frau mit der Narbe,»echt klasse!«Michaela hielt die Arme verschränkt, die Hände um die Ellbogen gelegt. Später sagte sie, der Pfarrer habe mich beiseite geschoben, um ans Mikrophon zu gelangen. Aber die Orgel habe ihn übertönt.

Je näher wir dem Ausgang kamen, desto deutlicher hörten wir die Sprechchöre.

Die Demonstration zog sich vorbei an der Polizei, vorbei am Rathaus über den gesamten Markt und bog am anderen Ende links in die Sporenstraße. Wir folgten als Nachhut. Plötzlich öffnete sich die Tür des Polizeigebäudes, zwei Uniformierte eilten auf uns zu und fragten, wo es denn langgehe. Woher wir das wissen sollten, rief der Langhaarige, der gerade sein Transparent (Freie Wahlen!) entrollte. Die Frau mit der Narbe beschrieb ihnen die wahrscheinliche Route, vorbei an der Staatssicherheit und dem Rat des Kreises und hinauf zur Kreisleitung. Sie sollten die Zeitzer Straße sperren und die Puschkinstraße.

Als wir über die Ebertstraße liefen, hörten wir das Pfeifkonzert, das nur der Stasivilla gelten konnte.»Hoffentlich machen sie keine Dummheiten! Hoffentlich, hoffentlich«, flüsterte Michaela.

Nachts gegen halb zwei wurden unmittelbar vor unserem Fenster Autotüren zugeschlagen, ich lauschte auf die Schritte, ich glaubte bereits, das Klingeln zu hören. Aber wieder geschah nichts. Und das beunruhigte mich fast noch mehr.

Ihr Enrico T.

Pfingstmontag, 4. 6. 90

Verotschka,

jetzt muß ich Dir doch schreiben:310 Mamus war zwei Tage hier.

Am ersten Abend waren wir bei Michaela eingeladen.

Plötzlich war alles wie früher, jeder saß auf seinem Platz, und wenn Freund Barrista nicht in Hausschuhen herumgelaufen wäre, hätte man auch ihn für den Gast halten können. Mamus benahm sich, als sei nichts geschehen, und ignorierte die neue Konstellation. Robert ist ihr Enkelkind und Michaela ihre Schwiegertochter, und nun ist erfreulicherweise noch der Baron hinzugekommen. Bei allem, was er sagte, war Mamus stets seiner Meinung und lobte mehrmals die Sachlichkeit des Herrn von Barrista. Er sprach immer wieder von Dresden, und wie herrlich doch die Fahrten mit der Straßenbahn und die Stadtführung gewesen seien und wie herzlich ihre Gastfreundschaft. Das ist erst drei Wochen her!311

Neu war für Mamus, daß Michaela im Theater gekündigt hat.»Warum denn das?«rief sie. Michaela aß weiter, als hätte sie die Frage nicht gehört. Statt dessen begann ihr Baron umgehend zu dozieren. Zuerst sprach er über den Zustand der Welt und erklärte unser Heute kurzerhand zur besten Gegenwart, die es je auf dieser Erde gegeben habe (konkurrenzlos starke Demokratien und ein technologischer Fortschritt, der den Menschen mehr und mehr entlaste und ihm die Freiheit schenke, seiner eigentlichen Berufung nachzugehen). Vor uns, so der Baron, liege jetzt, da der Eiserne Vorhang gefallen sei, die Zeit der Bewegung, der Tat, hinter uns die der Kontemplation und Grübelei. Gerade nun, da sich in einer Woche mehr verändere als früher in Jahren, stehe die Kunst, egal ob in Ost oder in West, auf verlorenem Posten. Die Erfahrungen von heute werden nicht im Theater gemacht, sondern im Geschäft, auf dem Markt. Der tägliche Wandel sei in unseren Tagen nicht nur aufregender als Shakespeare, sondern auch mit Shakespeare nicht mehr zu fassen.

Im Grunde sagte er nichts anderes als das, was ich sinngemäß bereits im Januar vorgebracht hatte. Mitunter verwendete er sogar dieselben Worte. Jetzt aber nickte Michaela geradezu eifrig, und Mamus stimmte dem Baron zu und wiederholte, daß wir die Dinge jetzt sachlich sehen müßten.

Nach Tisch ließ Freund Barrista etwas in einem Schächtelchen mit Glasdeckel herumgehen. Der Anblick verhieß nichts Gutes, irgendein vertrocknetes Etwas in einer Art Mausefalle. Ahnst Du es? Unsere arme Mamus erschrak so sehr, daß sie sich gegen die Stuhllehne preßte — ein paar Knöchelchen des Bonifatius.

«Sachlich «vollzog sich dann auch unser Abschied, obwohl jeder von uns verlegen war. Robert brachte uns zum Auto. (Freund Barrista hat ein so schlechtes Gewissen, daß er mir nicht nur den Wagen überschrieben hat, sondern auch noch die Versicherung bezahlt.)

Auf der Fahrt erzählte ich Mamus von der neuen Wohnung, beschrieb ihr den Blick hinüber zum Schloß und die Weitläufigkeit unserer Räume. Ich erwähnte dies, um ihr das öde Zimmer, in dem sie mit mir übernachten sollte, erträglich zu machen.312 Außerdem schien es mir besser, mit ihr zu reden, als sie ihrem Schweigen zu überlassen.

«Ich ziehe nicht allein ein«, sagte ich plötzlich, es war mir so herausgerutscht. Mamus zeigte keine Reaktion. Erst als wir hielten, verkündete sie das Ergebnis ihrer Überlegung:»Vera!«

«Ja«, sagte ich,»Vera!«Ich fragte Mamus, ob sie noch einen Spaziergang mit mir machen wolle, denn im Zimmer gebe es außer den beiden Luftmatratzen nur einen Stuhl. Sie schüttelte den Kopf. Ich erschrak richtig, als ich sah, wie langsam sie die Treppen hinaufstieg.

Cornelia und Massimo waren nicht da. Wir hätten uns in die Küche setzen können, aber Mamus wollte sich gleich» bettfertig «machen. Als ich nach ihr ins Badezimmer ging, entdeckte ich in ihrem Kulturbeutel ein ganzes Sammelsurium von Medikamenten und Salben.

Mamus hatte schon das Licht ausgemacht und sich statt auf die Luftmatratze mit dem frischen Bettzeug auf meine Matte gelegt.

Ich fragte, wozu sie solche Mengen an Medikamenten brauche.»Alles mögliche«, sagte sie. Ich wollte wissen, ob» alles mögliche «auch bedeute, daß sie noch Schmerzen von den Mißhandlungen habe.

«Das geschieht mir ganz recht«, sagte sie.

«Wer sagt denn so was?«fragte ich.»Deine Kolleginnen?«

«Nein«, antwortete Mamus,»ich sage das, ich selbst.«

Sie hatte die Bettdecke bis zum Kinn hochgezogen, ihre Nase ragte spitz auf. Am liebsten hätte ich das Licht wieder angemacht.

Plötzlich sagte sie:»Ich schäme mich so «und drehte sich von mir weg.

Ich stand auf und kniete mich neben sie. Ich bat sie, mit mir zu sprechen, ich versuchte, ihre Wange zu berühren, ich beugte mich hinab, um ihr in die Augen zu sehen. Aber das war alles falsch, ich solle mich hinlegen, ich solle mich bitte hinlegen. Nein, sagte ich, sie solle mir endlich sagen, was los sei.