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Sie schwieg.

«Dieser verdammte Photoapparat«, begann sie, nachdem ich mich auf die Luftmatratze zurückgezogen hatte.»Dieser verdammte Photoapparat.«

Ich wagte kaum zu atmen, als belauschte ich sie heimlich.

Mamus war am 6. Oktober, einem Freitag, nach der Klinik zum Hauptbahnhof gefahren. Sie war neugierig, sie wollte sehen, was wirklich passierte. Und sie hatte ihren alten Photoapparat dabei. Sie hatte ihn eingesteckt, ohne groß zu überlegen. In der Bahn traf sie C., die Kinderärztin, ihre Sitznachbarin beim Staatskapellenanrecht. C. fuhr mit ihr zum Hauptbahnhof. Zunächst schien alles harmlos. Dann aber begannen die Demonstranten Steine zu werfen. Mamus hielt ihren Photoapparat hoch und drückte ab. Die Polizei ging auf die Demonstranten los, und C. rief:»Jetzt!«,»Dort!«,»Da!«,»Jetzt!«und riß Mamus am Arm. Mamus erzählte von Kampfgruppen, die sich, angetrieben von einem Megaphon, gegen die Demonstranten wandten. Auf einmal verschwamm alles um sie her. Tränengas, rief C., sie solle die Augen fest schließen und sich die Hände vors Gesicht halten. Sie hakten sich unter. Ohne zu sehen, wohin, gingen sie hundert oder zweihundert Meter, bis sie glaubten, aus der Wolke rauszusein.

Danach verabschiedete sich Mamus von C. und stieg in die erste Straßenbahn, die kam. Der Fahrer aber weigerte sich abzuklingeln, weil die Demonstranten die Straßenbahn angriffen. In der Bahn wurden Sprüche geklopft. Nun könne man nicht mal mehr abends ins Kino fahren. Ein paar grölende Demonstranten stiegen in die Bahn, und einer rief:»Scheißbullen!«Dann ging alles» ruck, zuck«. Mamus wußte gar nicht, wie ihr geschah. Der hintere Wagen wurde geleert. Sie sah die Leute aussteigen, sah, wie sie auf die Knie gingen, wie sie sich auf die Steine vor dem Hauptbahnhof legten, das Gesicht nach unten, über ihnen die Polizisten mit Schlagstöcken und Hunden.»Chile eben«, sagte sie und machte eine Pause, in der ich sie atmen hörte.

«Saudumm bin ich gewesen«, fuhr sie fort,»saudumm, weil ich dachte, das geht mich nichts an. Ein dicker Uniformierter stieg vorn in den Wagen ein und rief: ›Steigen Sie bitte aus und legen Sie sich hin!‹ Das sagte er ganz höflich, als handelte es sich um einen Unfall. Von hinten aber kam ein drahtiger Typ und schrie: ›Raus! Hinlegen!‹ Und ich blödes Schaf mache auch noch, was der sagt! Ich hab es einfach gemacht. Verstehst du? Deine Mutter steht auf, steigt aus und legt sich draußen auf die dreckige Straße, verstehst du das?«

Mit tränenerstickter Stimme sagte sie:»Ich habe völlig versagt, völlig …«Ich wagte nicht, sie zu berühren. Ich sagte, daß sie sich nichts vorzuwerfen habe. Was habe das denn mit Versagen zu tun?

«Doch, doch!«flüsterte sie, um mich kurz darauf anzufahren:»Natürlich habe ich versagt!«

Mamus bat mich um ein Taschentuch und schneuzte sich.

«Neben mir«, begann sie wieder,»lag eine Frau, die wimmerte und heulte wie ein Kind, völlig hemmungslos. Als ich den Kopf hob, sah ich die Bahn, und mitten in der leeren Bahn saß eine ältere, sehr gut gekleidete Dame. Sie erschien mir unglaublich vornehm. Zwanzig, dreißig Leute liegen auf dem Boden, nur die eine sitzt dort und schaut zur anderen Seite aus dem Fenster. Plötzlich zieht eine Frau die Heulende neben mir hoch, hakt sie unter und geht an dem Bitte-Polizisten vorbei in die Bahn. Und ich, ich kann nur Blödsinn denken, keinen vernünftigen Gedanken fassen. Ich denke, jetzt ist das Kontingent erschöpft, mehr Ausnahmen können die nicht machen. Ich denke, daß sie den Photoapparat nicht sehen dürfen, wenn sie den finden, verhaften sie mich. Und dabei hab ich immer auf die vornehme Dame geschaut, und dann klingelt die Bahn und fährt mit den drei Frauen im ersten Wagen ab.«

Mamus lachte auf.»Wäre die Vornehme nicht gewesen, würde ich mir nicht mal jetzt Vorwürfe machen. So kaputt haben sie uns gemacht, Enrico, so kaputt!«

Mamus zu trösten war sinnlos. Sie ließ keine Entschuldigung gelten. Sie habe vorher genug gesehen, wie die auf die Leute los sind und wie die zugeschlagen haben. Aber das spiele eigentlich gar keine Rolle, das müsse ich doch verstehen.»Ohne Gegenwehr habe ich mich in mein Schicksal gefügt, willfährig bin ich gewesen, einfach nur willfährig!«

Alles, was danach passiert sei, was ihr die jungen Burschen zugefügt haben, daß sie auf ihren Händen habe knien müssen, wegen dieses verdammten Photoapparates, das erscheine ihr jetzt wie die Strafe für ihr Versagen.

Die letzten Worte hatte sie geflüstert, weil Cornelia und Massimo nach Hause gekommen waren. Als ich etwas sagte, zischte Mamus, ich solle still sein. Die Dielen knarrten. Wir hörten auf das helle Kichern von Cornelia und Massimos ewig heisere Stimme. Ich hörte, wie sie eine Flasche entkorkten und wie sie anstießen. Und dann hörte ich plötzlich das Schnarchen von Mamus.

Sie schlief bis acht, angeblich so lange wie seit Jahren nicht mehr. Beim Frühstück sagte sie: Die Photos waren sowieso alle verwackelt!

Den ganzen Sonntag verbrachte Robert mit uns. Und als wir Mamus zum Bahnhof begleiteten, sagte sie, daß sie sich darauf freue, die Familie bald wieder zusammen zu wissen.

Soll ich Dich eifersüchtig machen? Weißt Du, wer mich am Freitag besucht hat? Mein schöner Nikolai!313 Er stand plötzlich vor mir, mitten in der Redaktion, und lächelte, er zerfloß förmlich vor Lächeln. Aber keine Angst, auch er hat sich mit einer Familie umgeben — Marica,»ein Bild von einer Frau«, wie Mamus sagen würde, eine Jugoslawin, die, wenn sie nicht gerade ihre beiden Mädchen kommandierte, mir berichtete, was Nikolai ihr alles von mir erzählt hat. Manchmal habe sie den Eindruck, sie wisse von mir mehr als von ihm. Nikolai ist schon 84 in den Westen, nach Bielefeld, wo sich sein Vater niedergelassen hat. Er hat eine Fachschule besucht, irgend etwas mit Elektrotechnik, und verdient» gutes Geld«, wie Marica sagte. Jedenfalls fahren sie einen riesigen Mercedes, eine Staatskarosse, der gegenüber sich mein LeBaron wie ein Spielzeug ausnimmt. Sieben Jahre hatten wir nichts voneinander gehört.

Johann wird im August bei uns anfangen. Franziska hat endlich eingewilligt, eine Entziehungskur zu machen, im September wird ihre Wohnung hier fertig, es soll für sie ein Neubeginn werden.

In Liebe, Dein Heinrich

Freitag, 8. 6. 90

Lieber Jo!

Entschuldige, falls ich Dich mit meinem letzten Brief beunruhigt haben sollte. Glaub mir, Deine Stelle war nie gefährdet. Aber ich hielt es für das beste, Dir reinen Wein einzuschenken.

Du kannst Dir die unglaubliche Hysterie und den Haß nicht vorstellen. Ich hatte gar keine Wahl mehr, ich mußte die Notbremse ziehen. Noch jetzt, nach all dem Unrat, den sie über mir ausgeschüttet haben, empfinde ich weit mehr Trauer als Genugtuung über unsere Trennung. Wir hätten es so gut haben können! Wir wären unschlagbar gewesen! Zum Schluß sah auch Jörg, daß er sich verrannt hatte, aber da fehlten ihm bereits Kraft und Mut, seine Entscheidung zurückzunehmen. Nun leidet er. Kein Wunder bei so vielen vergebenen Chancen!

Da ich nicht bereit gewesen war, mich seinem Diktat zu beugen, blieb mir nichts anderes übrig, als genau das zu tun, was Jörg mir als Ausweg vorgeschlagen hat, nämlich gemeinsam mit dem Baron ein Anzeigenblatt ins Leben zu rufen.314

Weißt Du, was passierte, als ich Jörg und Marion meinen Entschluß mitteilte? Sie forderten» ihren Anteil «zurück. Ich begriff erst gar nicht, was sie meinten. Ich saß neben Frau Schorba am Computer und hörte Marion und Co. nebenan keifen (statt meines Namens verwendeten sie nur den bestimmten Artikel). Ich ahnte schon nichts Gutes, als Jörg hereinkam.

«Ich habe nur eine Frage«, sagte er. Ob ich bereit sei, meinen Anteil, den er mir ja geschenkt habe, wieder zurückzugeben.

«Das heißt«, sagte ich so leise wie möglich,»ich soll meine Sachen packen und verschwinden?«So habe er es nicht gemeint, sagte Jörg und fuhr sich mit der Hand in den Nacken. Ich ließ ihm Zeit. Doch als er immer nur weiter seinen Nacken massierte, fragte ich, wie er sich das vorstelle.