Er wisse es ja auch nicht, sagte er ebenso leise, nur könne es so nicht weitergehen. Ich beschwor ihn noch einmal, mich das Anzeigenblatt machen zu lassen.
Jörg aber wiederholte, daß es nicht angehen könne, ausgerechnet in dieser kritischen Phase zu expandieren.
«Das Geld ist da!«rief ich und zeigte auf den Stapel Anzeigen.»Es ist da!«
«Gibst du mir den Anteil zurück?«fragte er.
«Und was bekomme ich dafür?«fragte ich.
«Also doch«, sagte er und stieß ein bitteres Lachen aus. Ich fragte, was» Also doch «bedeute. Aber da rannte er schon aus dem Zimmer. Kurz darauf stürzte Marion wie eine Furie herein. Sie siezte mich. Von jemandem wie mir (»wie Ihnen«) geduzt zu werden sei eine Beleidigung. Dann ging es erst richtig los. Sogar einen Dieb hat sie mich genannt, und einen Schatten! Ich sei ein Schatten, nichts weiter, ein Schatten! Keine Ahnung, wie sie das meinte. Alles würde sie geben, nur um mich loszuwerden!
«Diese Äußerungen wirst du noch mal bereuen«, sagte ich. Meine Antwort bezog sich auf die Zerstörung der Zeitung! Ich hatte es voll Trauer gesagt! Marion aber kreischte:»Er droht!«Und zeigte mit dem Finger auf mich:»Er droht!«Jörg kam herbeigesprungen und verbat sich derartige Angriffe. So ging es endlos weiter. Widerlich! Jörg und Ilona versuchten Marion zu besänftigen, indem sie über mich herzogen. So viel verlogene Theatralik habe ich noch auf keiner Bühne gesehen. Frau Schorba saß wie ein Eisblock neben mir. Astrid, der Wolf, bellte vor lauter Aufregung. Selbst der stumme Kurt erträgt die Streiterei nicht mehr und will die Zeitung verlassen.
Nun bin ich mit dem Baron übereingekommen, ihm meinen Anteil am» Wochenblatt «abzutreten. Den berechnet er mit dreißigtausend D-Mark — sollte Jörg das Geld aufbringen, hat er natürlich Vorkaufsrecht. Das heißt, wir fangen wieder ganz von vorne an, werden für die Dreißigtausend Computer, Drucker, Leuchttische, Klebemaschine, Photoapparat und einen Wagen kaufen — Andy macht dem Baron bessere Preise als uns, die anderen Dreißigtausend zahlt der Baron auf ein Konto ein, damit wir liquid bleiben. Bis wir eine GmbH werden können, wird wiederum Michaela meine offizielle Partnerin sein, was ja nicht ohne Pointe ist.
Das ist insofern eine ideale Lösung, weil der Baron nicht nur die Verhandlungen führt, sondern an beiden Zeitungen ein starkes Interesse haben muß, und das verpflichtet uns alle zur Ko-operation. Bis auf weiteres werden wir die Räume gemeinsam nutzen. Auch die Akquisiteure arbeiten vorläufig für beide Zeitungen, weshalb es, auf Drängen des Barons, Kombinationspreise geben wird. Im Prinzip machen wir beinah alles, wie ich es vorhatte, nur mit doppelter Buchhaltung und fast doppeltem Personal.
Frau Schorba ist natürlich mit bei uns. Auf alle anderen kann ich verzichten. Du wirst der Redakteur für Altenburg, Pringel hat sich mir für Borna/Geithain angedient, wo ihn kaum jemand als» roten Schreiberknecht «kennt. Aber das sollten wir gemeinsam entscheiden.
Das größte Problem ist der Vertrieb. Wir müssen ja in jeden Haushalt.
Der Baron freut sich, Dich kennenzulernen. An manchen Tagen sehe ich ihn gar nicht. Wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, seinen Leuten hier neue Filialen zu verschaffen, hat er mit seinem» Bonifatius-Spiel «zu tun. Er plant nämlich ein Spektakel, eine Freiluftaufführung, die ihm offensichtlich mehr als alles andere am Herzen liegt. Olimpia, Andys Frau, ist in dieser Sache seine Vertraute. Wir anderen erfahren außer vagen Andeutungen nichts. Mit seinem Reliquiar luchst er zudem den Katholiken die Madonna ab. Darüber reißt er unentwegt Witze, um nicht zu sagen Zoten.
Wegen des Alten über uns habe ich nun immer eine Taschenlampe dabei. Jedenfalls will ich ihm nicht im Dunkeln begegnen. Am Montag hat er uns alle Sicherungen herausgeschraubt.
Einen anderen Nachbarschaftsfeind jedoch haben wir heute verloren! Als ich am Haushaltswarenladen vorbei zum Auto ging, kam die gesamte Familie heraus. Ich grüßte und sah gleich wieder geradeaus. Da hörte ich meinen Namen. Die Haushaltswarenfrau kam auf mich zu. Ihr Händedruck war kräftig. Um sich zu verabschieden, sei es zu früh, und ihr tue es auch ein bißchen leid, weil man sich ja schon aneinander gewöhnt habe, doch die Gelegenheit sei eben günstig. Ihr Mann reichte mir ebenfalls die Hand.»Nu scho«, sagte er.»Nu is bold Schluß.«—»Sie wollen doch nicht aufgeben?«fragte ich. Alle drei nickten.
«Doch, doch«, sagte sie. Im Frühjahr seien sie Rentner geworden, und mit so einem Laden sei sowieso kein Blumentopf mehr zu gewinnen, was sollten sie sich also noch weiter abrackern.315 Sie sahen mich an, als hätten sie das nur gesagt, um meine Reaktion zu testen. Bevor ich mir eine Antwort überlegt hatte, erinnerte sie mich an die kostenlose Annonce, die ich ihnen einmal versprochen hätte. Ich erneuerte mein Angebot. Je schneller sie draußen sind, desto eher haben wir unsere Anzeigenannahme in ihrem Geschäft.
Ach, Jo, mein Lieber, es passiert jeden Tag so viel. Als ich auf den Parkplatz kam, lehnte eine Frau an meinem Wagen. Ihr war es peinlich, daß ich sie eher gesehen hatte als sie mich. Es war die Frau von Ralf, dem Braunauge, mit dem zusammen ich im Januar bei der Sitzung des Neuen Forums an einem Tisch gesessen hatte. Ralf verliert am ersten Juli seine Arbeit als Fahrzeugschlosser.»Er spricht nicht, er schläft nicht, er ißt nicht«, sagte sie. Und jetzt soll ich helfen! Wir verabredeten einen Termin, an dem Ralf und sie kommen sollten. Dann beging ich den Fehler, sie nach Hause zu fahren.»Dort sitzt er, dort hinterm Fenster«, sagte sie beim Aussteigen und bat mich, doch gleich mitzukommen.
Ich habe so etwas noch nie erlebt. Er sah kurz auf, grüßte aber nicht zurück, wandte sich ab und ließ mich reden. Was sollte ich sagen? Ich kann ihn ja schlecht als Akquisiteur einstellen! Es war völlig sinnlos. Mein Auftritt nahm seiner Frau wohl den letzten Rest Hoffnung. Als ich versprach, in ein paar Wochen wiederzukommen, heulte sie los.
Ich fuhr danach in die» Schiedsrichterklause«, allerdings in einem großen Bogen über die Felder, das Dach zurückgeklappt, um mich so richtig durchlüften zu lassen.
Zum Schluß noch etwas Erfreulicheres: Ich soll Dich von Nikolai grüßen, dem schönen Armenier. Der ist inzwischen mit einer Jugoslawin verheiratet. Wir haben Wetten auf das Spiel abgeschlossen.316 Wer verliert, kommt den anderen besuchen …
Sei umarmt, Dein E.
Sonnabend, 9. 6. 90
Liebe Nicoletta!
Mit der Kirchenrede hatte ich mein Pulver verschossen, was in meiner Macht stand, war getan. Ich wußte nicht weiter. Ich empfand eine große Leere. Michaela sprach von Depression und ließ sich diesen Begriff auch nicht mehr nehmen. Verdenken konnte ich es ihr nicht. Schließlich hatte sie am meisten unter mir zu leiden.
«Die verstehen doch nur, wenn du ihnen die Faust unter die Nase reibst!«kommentierte Mutter meine» Brandrede«. Damit war die Sache für sie erledigt. Robert war unschlüssig, ob er stolz auf mich sein sollte oder ob es sich bei meinem Kirchenauftritt nur um eine weitere Peinlichkeit handelte.
Michaela hatte man am nächsten Tag aus der Probe gerufen. Zusammen mit Anna (die Frau mit der Narbe), dem Langhaarigen, dem Pfarrer Bodin, dem Forum-Mann und noch ein paar Frauen, die wir am Vorabend kennengelernt hatten, wurde sie vom ersten Sekretär der SED-Kreisleitung zu einem Gespräch ins Rathaus geladen. Michaela erzählte von dem alten Rathaussaal mit seiner Holzdecke, dem Sitzungszimmer mit den alten Möbeln und wie erschrocken sie beim Anblick Naumanns, des 1. Sekretärs, gewesen sei. Aus solcher Nähe habe sie ihn noch nie gesehen.
Der zerquetscht einen, ohne mit der Wimper zu zucken, habe sie gedacht. Die Chefs der Blockparteien hätten mit gesenkten Köpfen dagesessen und wären regelrecht zusammengezuckt, wenn Naumann das Wort an sie gerichtet habe. Nur der CDU-Mann, dessen Namen sie sich nicht hatte merken können (Piatkowski), habe sie unverhohlen gemustert. Der Bürgermeister dagegen habe vor Aufregung viel zu laut geredet. Naumann habe mehrmals wiederholt, wie sehr ihn die erste Demonstration in unserer Stadt bewege, was ihr, Michaela, etwas von der Angst genommen habe. Sie habe die ganze Zeit an Robert denken müssen. Piatkowski hingegen habe darauf beharrt, daß sie hier über eine illegale, ungenehmigte Demonstration sprächen, die Menschenleben gefährdet habe, was er als Christ mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könne. Er meinte die fehlende Verkehrssicherheit. Sie sollten froh sein, habe darauf der blaulippige Pfarrer Bodin geantwortet, überhaupt Gesprächspartner zu finden. Es gebe da einige, die wären gar nicht mehr bereit zu reden, die wollten Taten sprechen lassen. Erst draußen auf dem Marktplatz sei ihr klargeworden, was Bodin, der Pfarrer, da eigentlich gesagt habe. Das sei eine Distanzierung von mir gewesen, wen sonst sollte er denn gemeint haben.