Am nächsten Morgen hatten Thea und Thomas ein Frühstück vorbereitet, das auf mich wie eine Entschuldigung wirkte und zugleich der Vollzug jenes Rituals war, das Michaela so bewunderte. Über den Biedermeiertisch war eine blütenweiße gestärkte Decke gebreitet. Berührte man den Saum mit dem Schenkel, hob sich der Stoff an der Tischkante. Die Servietten unserer Gastgeber steckten in silbernen, mit Initialen verzierten Ringen, unsere Servietten waren zu einer Art Krone gefaltet. Michaelas Nachahmung scheiterte schon an der beiläufigen Geste, mit der selbst die Mädchen ihre Servietten entfalteten und sich zurücklehnten, als erwarteten sie, daß man ihnen serviere.
Gold- und rotumrandetes Geschirr, silbernes Besteck, sogar Vorlegegabeln, ja Messerbänkchen schmückten den Tisch. Zwei Sorten bitterer» Jam «leuchteten in Kristallschalen, neben denen der Plastebecher mit Senf und das Meerrettichglas wie die Harlekine im Hofstaat wirkten. Außer diesen hatte allein das kleine russische Metallgestell für das Salz eine Entsprechung in unserem Haushalt, obwohl uns das dazugehörige Löffelchen abhanden gekommen war.
Was bei Tisch gesprochen wurde, hatte nichts mit dem gestrigen Abend zu tun. Zumeist redeten die Mädchen. Robert ignorierte uns vollständig. Er hatte sich in eine von ihnen oder in beide, das habe ich nie herausgefunden, verliebt. Im Hintergrund lief ein Klavierkonzert von Chopin. Alles war dazu angetan, mich glauben zu machen, die Welt sei dieselbe wie bei unserem letzten Besuch im April.
Plötzlich trieb Thomas zur Eile. Zum ersten Mal hörte ich von dem Treffen der» Gewerkschaftsvertrauensleute der Theater«. Thea sollte dort das» Gedächtnisprotokoll «ihrer Verhaftung vortragen. Ich hoffte mich durch mein Versprechen, den Tag mit Robert zu verbringen, dieser Zumutung entziehen zu können. Doch Robert hatte jedes Interesse am Planetarium verloren. Also mußte ich mit ins Deutsche Theater.
Wir fanden nur im zweiten Rang Platz. Ich schwor mir, zum letzten Mal auf Michaela Rücksicht genommen zu haben. Von denen, die auf der Bühne saßen, kannte ich nur Gregor Gysi. Man müsse den psychischen Druck, der auf den Bereitschaftspolizisten laste, berücksichtigen, sagte er, die seien einfach strukturiert und auf Situationen wie diese gar nicht vorbereitet.
Es wurden Gedächtnisprotokolle verlesen, von Schlägen auf Rücken, Beine, Nieren und Kopf war die Rede. Thea las ohne Pathos, ihr Bericht war einer der kürzesten. Einmal sagte sie: Das möchte ich nicht wiedergeben. Zwei Frauen vor uns weinten.
Applaus, Gelächter, Buh- und Zwischenrufe wechselten einander fast gleichmäßig ab. Plötzlich wurde es lauter. Von überall her Hohngelächter, wie es gestern abend auch über mich niedergegangen war. Ich glaubte, vorher Gysis Stimme gehört zu haben.
«Er hat die Stirn, uns zu fragen, warum wir die Demonstration nicht angemeldet hätten!«rief Michaela mir ins Ohr.
Das hat dir der Teufel souffliert! schoß es mir durch den Kopf. Dabei lachte ich. Natürlich wurde weitergeredet, aber eben nur, um zu reden; man flüsterte, man räusperte sich, rutschte auf den Stühlen herum und unterhielt sich ungeniert. Doch die teuflische Saat ging auf.
Ich bin mir nicht sicher, denke aber, daß es der Intendant des Schwedter Theaters war, der da wie ein Besessener auf die Bühne stürmte. Mit bebender, fast erstickter Stimme schrie er, auch weil er das Mikro zu weit weghielt, daß, wenn hier schon davon die Rede gewesen sei, daß man Demonstrationen beantragen solle, daß er dann beantragen wolle, daß diese Beantragung jetzt hier und überall erfolgen solle, daß in allen Städten, daß überall dort, wo ein Theater sei, wo es Leute wie uns gebe, daß dort Demonstrationen beantragt werden sollten, überall, im ganzen Land!» Danke!«rief er in den Applaus und Jubel, der über ihn hereinbrach. Thea und Michaela waren aufgesprungen und klatschten.
Auf der Bühne wurde sofort das Procedere besprochen, welche Fristen eingehalten werden müßten und so weiter. Zum Schluß stand als Termin der 4. November fest.
Abends, auf der Rückfahrt, hielten wir in Leipzig und gingen ins» Astoria«, ich habe es Ihnen gezeigt, dieses noble Hotel direkt am Ring, unmittelbar neben dem Bahnhof. Man ließ uns ein, wir bekamen Plätze und aßen fürstlich.»Eigentlich geht es uns doch gut«, sagte ich. Daß die Straße vor dem» Astoria «dieselbe sein sollte wie die, auf der vor dreizehn Tagen ein Militärkordon gestanden hatte, über die vor sechs Tagen siebzigtausend Demonstranten gezogen waren, schien jetzt genauso unwirklich wie die Annahme, morgen könnte es hier zu einer Schlacht kommen.
Am Montag saß ich ab zehn auf meinem Platz in der Dramaturgie, las ein wenig, ging um zwölf in die Kantine und fuhr um zwei nach Hause. Ich kümmerte mich um den Haushalt, ich ging einkaufen, ich legte mich hin, später machte ich Abendbrot. Danach setzte ich mich mit Robert vor den Fernseher. In der Tagesschau hieß es, in Leipzig wären hundertfünfzigtausend auf die Straße gegangen. Kein Wort über Festnahmen oder Straßenschlachten.
Michaela, die kurz darauf eintraf,317 blieb mit offenem Mantel neben uns stehen.»Wirklich?«fragte sie.»Hundertfünfzigtausend!?«Sie sah unentwegt in den Fernseher, obwohl dort schon etwas ganz anderes lief.
Am Dienstag morgen warteten Michaela und ich um neun im Sekretariat, weil Jonas am Montag nicht im Haus gewesen war. Halb zehn bat er uns herein, bestellte bei seiner Sekretärin drei Kaffee und lehnte sich in seinem Thron, der dem Fundus entstammte, zurück. Sein Lächeln blieb nahezu unverändert, während Michaela ihn von dem» Berliner Beschluß«unterrichtete und ihn aufforderte, eine Demonstration für Presse- und Meinungsfreiheit anzumelden.
«War’s das?«fragte er. Ob uns klar sei, was wir da sagten, ob wir das ernst meinten und tatsächlich von ihm erwarteten, zur Polizei zu gehen und eine Demonstration zu beantragen? Solche» Be-schlüs-se«(er sprach, jede Silbe betonend, die Anführungszeichen mit) kümmerten ihn einen feuchten Dreck. Wir könnten uns gern weiter unglücklich machen und als Privatpersonen so viele Demonstrationen anmelden, wie wir für nötig hielten, sollten dann aber auch unseren eigenen Kopf hinhalten und ihn später nicht um Hilfe bitten, denn das sage er uns jetzt schon, dann könne er gar nichts mehr für uns machen, gar nichts mehr!
Michaela wollte, wie sie sagte, sich nur noch einmal vergewissern: Er sei also nicht bereit, die in Berlin von den Gewerkschaftsvertretern aller Theater beschlossene Demonstration hier in Altenburg zu beantragen?
Er wisse nichts von Beschlüssen der Gewerkschaft. Er könne ja mal die Gewerkschaft hier anrufen, wenn wir das wünschten, vielleicht wüßten die, wovon wir redeten.
«Das bedeutet also nein?«fragte sie.
«Es bedeutet ganz sicher nein«, sagte er. Wir lächelten uns an.»Na dann«, sagte Michaela und erhob sich, als gerade die Sekretärin mit drei Tassen Kaffee erschien.
Nach der Probe gingen wir zur Polizei,318 klingelten und standen im nächsten Moment vor zwei Diensthabenden, der eine schwarzhaarig, der andere blond und pausbäckig. Sie musterten uns von ihren Schreibtischen aus.
«Wir wollen eine Demonstration anmelden«, sagte Michaela, stellte uns vor und gebrauchte dieselben Sätze wie gegenüber Jonas. Der Schwarzhaarige griff zum Telephon, der Blonde sah aus dem Fenster und grinste.
Eine Minute später benutzte Michaela zum dritten Mal an diesem Tag die Formulierung» Berliner Beschluß«und» Treffen der Theaterschaffenden«.
Der Altenburger Polizeichef, ein langer hagerer Mann mit Rundrücken, wirkte, selbst wenn er sprach, abwesend und blickte, wenn er uns überhaupt ansah, allenfalls kurz auf. Nach einer längeren Pause sagte er etwas von Verkehrssicherheit, die er» mit seiner jetzigen Stärke «nicht gewährleisten könne, klagte über die Kurzfristigkeit unseres Anliegens. Danach herrschte Schweigen. Ich betrachtete die Spuren von rotem Bohnerwachs an der Fußleiste des hellen Wandschranks und die schwarzen Striemen der Bohnerkeule.