Als die drei gegangen waren, öffnete ich das Fenster, und Michaela sagte, daß sie nun nicht mehr ins Theater fahren müsse. Zusammen mit Jörg, dem kleinen Bärtigen mit der Baskenmütze, werde sie die Medien- und Kulturgruppe des Neuen Forums leiten. Ich fragte, ob Leute wie Schmidtbauer es wert seien, sich ihretwegen zu gefährden. Michaela sagte, Schmidtbauers Frau habe ihn mit zwei kleinen Kindern sitzengelassen. Wie würde ich denn reagieren, wenn an unserem Auto morgens plötzlich alle Radmuttern locker wären?
Wieso bemerkte Michaela Schmidtbauers Kleinkariertheit nicht, seine Geltungssucht und Empfindungslosigkeit? Doch je mehr ich mich über ihn aufregte, desto lächerlicher schien ich in ihren Augen zu werden.
Am nächsten Morgen ging es genauso weiter. Da Michaela abends Probe hatte, sollte ich sie vertreten und in der Kirche über das Berliner Treffen und die angemeldete Demonstration sprechen. Ich weigerte mich.»Und warum?«fragte Michaela. Sie klang so hart, so kalt, als hätte ich sie betrogen.»Darf ich das wissen?«
«Weil ich mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben will«, sagte ich und äffte das wichtigtuerische Kopfnicken des Bassisten nach.
In der Art, wie Michaela die Luft durch die Nase blies, lag so viel Verachtung, daß ich ahnte, was uns bevorstand. Fünf Minuten später sagte sie:»Ich verstehe dich nicht, Enrico. Ich kann dich einfach nicht mehr verstehen. «Ich schwieg und ging abends in die Kirche.
Eigentlich war alles so, wie ich mir früher den zukünftigen Ruhm ausgemalt hatte. Ich lief durch ein regelrechtes Spalier nach vorn, die Leute erkannten mich wieder, und manche riefen mir sogar etwas zu. Jemand forderte, ich solle die Sache hier in die Hand nehmen. In der ersten Reihe rechts war für mich der Platz am Mittelgang reserviert. Es war mir unangenehm, Michaelas Namen und unsere Adresse auf einem gut sichtbar aufgehängten A1-Blatt zu lesen, das zur Mitarbeit in der Medienund Kulturgruppe einlud.
Sie begannen mit einiger Verspätung. Reden, Musik, Reden. Nach einer Dreiviertelstunde war ich endlich dran. Es war so still, als hielten die Leute tatsächlich den Atem an. Ich berichtete von dem Treffen in Berlin. Dafür brauchte ich eine Minute. So beiläufig wie möglich fügte ich hinzu, daß wir für den 4. November eine Demonstration angemeldet hätten. Wieder gab es Jubel, wieder zogen die Leute auf die Straße, wieder kam Pfarrer Bodin nicht mehr zu Wort. Und als ich aus der Kirche kam, standen auch wieder die beiden Polizisten da. Der Blonde lächelte. Der Schwarze drehte sich vor Aufregung um die eigene Achse. Wir gaben uns die Hand. Dieselbe Strecke wie letztes Mal, sagte ich. Daraufhin stiegen sie in ihren Lada. Ich redete mich auf Robert heraus und fuhr gleich nach Hause.
Von da an fällt es mir schwer, die Tage zu unterscheiden. Ich beteiligte mich an nichts mehr, und Michaela war zu stolz, mich um etwas zu bitten.
Wenn ich allein war, lag ich in meinem Zimmer, einen Unterarm über den Augen, und versuchte, meine Gedanken möglichst weit weg von mir und der Gegenwart zu halten. Meistens dachte ich an Fußball.
Vielleicht haben Sie von dem legendären Viertelfinalspiel im Europapokal der Pokalsieger gehört, zwischen Dynamo Dresden (der Mannschaft meines Herzens) und Bayer 05 Uerdingen, am 9. März 86, einen Tag nach dem Internationalen Frauentag. Ich weiß bis heute nicht, wo Uerdingen liegt. Dresden hatte zu Hause mit 2: 0 gewonnen und spielte in Uerdingen groß auf, der» Dresdner Kreisel «lief. Ich erinnere mich noch an Klaus Sammer, unseren Trainer, wie es ihn von seiner Bank hochriß, als das 3: 1, ein Eigentor der Uerdinger, fiel und er über eine Werbebande sprang und abwinkte.»Das war’s «sollte diese Geste wohl heißen. Vor dem Fernseher wunderte ich mich, daß die Zuschauer weiter im Stadion ausharrten.
Dresden hätte sich in den verbleibenden fünfundvierzig Minuten vier Gegentore leisten können und wäre trotzdem im Halbfinale gewesen. In der 58. Minute fiel dann ein Tor für Uerdingen. In der Verfassung, in der ich mich befand, schien mir dieses Tor seine Entsprechung im Verbot des» Sputniks «und der Verleihung des Karl-Marx-Ordens an Ceausçescu zu haben. Das 3: 3 wenig später setzte ich dem Wahlbetrug vom 7. Mai gleich. Das 4:3 für Uerdingen bedeutete soviel wie die ungarische Grenzöffnung, dem 5: 3 entsprachen die Montagsdemonstrationen. Niemand zweifelte zu diesem Zeitpunkt noch am 6: 3, das dann auch fiel und Dresden ausscheiden ließ. Was aber würde das 6: 3 im Herbst 89 sein? Reisefreiheit für alle? Und das 7:3? Das 7:3 — so das Endresultat — interessierte mich schon nicht mehr.
Sechs Gegentore in einer Halbzeit! Das war die unwahrscheinlichste und schlimmste aller möglichen Wendungen. Zugleich waren die Tore mit scheinbar zwingender Notwendigkeit gefallen, als sei es ganz natürlich, wenn alle sieben Minuten der Ball im Netz zappelt.
Ich werde nicht der einzige gewesen sein, der in diesem Spiel ein Menetekel erkannte.
Am Montag, dem 23., kam ein Brief von meiner Mutter. Nachdem Michaela und Robert nach Leipzig gefahren waren — Robert sollte erleben, wie Geschichte gemacht wird —, las ich die engbeschriebenen Seiten. Es ging ausschließlich um die Klinik und die Reaktionen auf ihre Krankschreibung. Man hatte kontrolliert, ob sie auch tatsächlich das Bett hüte, und sie zu Hause nicht angetroffen. Die Krankschreibung war daraufhin nicht anerkannt worden, und ihr sollte die Woche vom Urlaub abgezogen werden. Auch die Äußerungen ihrer Kolleginnen, die sie minutiös wiedergab, waren unangenehm (wenn man seine Nase in alles steckt, muß man sich nicht wundern, wenn man eins draufbekommt). Was mich allerdings mehr beunruhigte, war ihr eigener Tonfall und die Zwanghaftigkeit, mit der sie das alles zitierte. Natürlich war mir klar, daß ihre Verhaftung und die Folter (wie sollte ich es anders nennen?) nicht spurlos an ihr vorübergehen würden. Und natürlich war sie mir bei ihrem Besuch bereits verändert vorgekommen. Aber dieser Brief verhieß nichts Gutes.
Ich schickte Mutters Protokoll, statt es zu beantworten, weiter an Vera. Von Vera erhielt ich bis zum Mauerfall regelmäßig Post, Geronimos tagebuchähnliche Episteln wurden von Woche zu Woche weitschweifiger, als müßte er mir irgendwas beweisen. Offenbar wußte allein ich nicht mehr, was ich schreiben sollte. In Berlin hatte ich nicht einmal gewagt, Vera anzurufen,320 so unsicher war ich bereits geworden.
Ich hätte von Michaela erzählen können, von ihrer schier unendlichen Kraft. In Zeiten, als noch Magie und Beschwörung zum Alltag gehörten, wäre wohl die Vermutung aufgekommen, ich hätte meine Kräfte ganz auf sie übertragen. Nach dem Streit wegen Schmidtbauer waren wir schweigsamer geworden. Ich versuchte, Michaela so oft wie möglich zu fahren, und wartete im Auto auf sie. Wenn nicht gerade jemand vom Theater gegen die Scheibe klopfte, war das Warten ein geradezu behaglicher Zustand.
Einmal zu Hause, rührte ich mich nicht mehr aus unseren vier Wänden heraus. Am liebsten blieb ich allein. Auch Robert war mir zuviel. Ich erschrak regelmäßig, wenn ich ihn kommen hörte.
Es gab Kleinigkeiten, die ich gern tat. So erinnere ich mich, regelrecht stolz auf die Idee gewesen zu sein, unseren Kühlschrank auszuwischen. Allein die Vorstellung, mit dem Ausmisten eine ganze Stunde oder mehr verbringen zu können, erfreute mich. Ich drang bis in die hintersten Ecken vor, spürte halbleere verschimmelte Marmeladengläser auf, entfernte einen eingetrockneten Senfbecher von seinem ewigen Platz und leerte eine Wodkaflasche, die seit Monaten wegen eines winzigen Schlucks aufbewahrt wurde.