Am nächsten Tag nahm ich mir das Gewürzfach vor, dann die Schublade mit dem Besteck. Später ordnete ich auch das Geschirr neu und trennte unsere Teller von denen, die aus den Haushalten unserer Mütter stammten, die, weil sie kleiner als unsere waren, immer oben standen und hochgehoben werden mußten, wenn wir von unseren eigenen Tellern essen wollten.
Zwischen dem Saubermachen, Ausleeren und Wegschmeißen ging ich einkaufen. Eine angebrochene Flasche Bier trank ich nachmittags aus, um sie mit den anderen leeren Flaschen fortzuschaffen, achtete aber darauf, jedesmal mehr Flaschen einzukaufen, als ich weggebracht hatte.
Erst als ich den Toaster mit dem Staubsauger reinigte — eine Methode, die mir nach wie vor einleuchtet —, bemerkte ich an Robert einen gewissen Argwohn.
Da ich mich beobachtet fühlte, verschanzte ich mich in meinem Zimmer. Ich legte Schallplatten auf. Man sollte hören, daß ich hörte. Da aber die Platten, die ich besaß, mich mit Erinnerungen konfrontierten, denen ich mich nicht aussetzen wollte, kaufte ich neue Platten. Beinah wahllos griff ich zu, vor allem beim Jazz, denn Jazz hatte ich nie gehört.
Nach Michaelas Bemerkung, der deutsche Geist halte sich mal wieder an Musik, wurde mir klar, daß es nichts Unverfängliches mehr gab.
Im Theater hielt man mein Schweigen und meine Zurückhaltung für Radikalität. Michaela war bereit, mir eine Art Schonfrist einzuräumen, mir ein paar Wochen zu gewähren, in denen sie einfach durchhielt und weitermachte, ohne zu fragen. Anderen gegenüber sprach sie von Arbeitsteilung.
Abends im Bett war ich froh, wenn sie schnell einschlief. Manchmal drückte sie sich gleich mit dem Rücken an mich, zog meinen Arm über ihre Schulter und sagte:»Wie schön«, als brauchte ich nur Sicherheit und Bestätigung, um wieder zu mir zu kommen. Es gab aber auch andere Nächte.
Die Leute, die im Oktober bei uns klingelten und in der Mediengruppe mitarbeiten wollten, waren fast ausschließlich Männer, die selten ein zweites Mal auftauchten. Michaela und ich bekamen anonyme Briefe. Man drohte, uns die Masken vom Gesicht zu reißen, und beschuldigte uns der Demagogie und Volksverdummung.
Jeden Tag gab es irgend etwas Unerhörtes, und vielleicht sollte ich wenigstens das, woran ich mich erinnere, aufzählen, um Ihnen annähernd zu vermitteln, in welcher Situation wir uns befanden.
Aber ich muß endlich zum Schluß kommen und steuere deshalb schnell auf den 4. November zu.
Unser Antrag für die Demonstration war abgelehnt worden — wir hätten die Frist nicht eingehalten. Bewilligt wurde dafür eine Demonstration am Sonntag, dem 12. November. Der Haken war: Sie forderten von Michaela und mir die Unterzeichnung eines Schreibens, in dem wir versicherten, daß von uns am 4. November keine Demonstration» ausgehen «werde. Michaela reagierte, wie es wohl niemand erwartet hatte: Sie habe keine Probleme, sagte sie, das zu unterschreiben. Nur täten sich die staatlichen Stellen damit keinen Gefallen. Alle im Raum erstarrten und verfolgten dann, wie Michaela an den Schreibtisch herantrat, die Kappe von ihrem Füllfederhalter schraubte, sich über das Blatt beugte, unterschrieb und den Füller an mich weiterreichte, was dem Ganzen den Anschein eines diplomatischen Protokolls gab.
Zwei Tage später, als sie davon in der Kirche berichtete, habe es, erzählte sie triumphierend, Buhs und böse Zwischenrufe gegeben. Dann aber habe sie gesagt:»Entschuldigung, hier haben wohl einige nicht richtig hingehört. Ich habe gesagt: Von mir geht am 4. November um 13 Uhr vor dem Theater keine Demonstration aus. Seid ihr damit nicht einverstanden?«
Am Sonnabend, dem Vierten, fuhren wir gegen halb eins zum Theater.»Mein Gott, was haben wir angerichtet«, rief Michaela angesichts der Menschenmenge. Es war die größte Demonstration, die es je in Altenburg gegeben hat. Wer in Leipzig dabeigewesen ist, hätte von zwanzigtausend Leuten nicht sonderlich beeindruckt sein sollen. Doch Altenburg war das Vertraute, zudem ließ die Kleinstadt den Volkshaufen noch gewaltiger erscheinen. Obwohl Michaela sagte, sie und ich seien die einzigen, die heute nichts tun dürften, bahnte sie uns einen Weg zur Treppe des Theaters. Ganz oben hatten sich Schmidtbauer, der Prophet mit dem langen Bart und den großen Augen und Jörg wie drei Feldherren postiert.
Und einmal mehr spürte ich in all dieser Fröhlichkeit, Aufregung und Erwartung, wie sehr ich zu einem Fremdkörper geworden war.
Die Leute freuten sich an dem schönen Wetter, das ihnen der Herrgott wieder beschieden hatte. Mit dem Ein-Uhr-Schlag der Kirchenglocken wuchs die Unruhe, man sah zu uns herauf, man blickte sich um und wartete auf irgendein Zeichen. Rechts von uns begannen die Sprechchöre, und mit ihnen geriet die Menge in Bewegung. Die ersten zogen unter einem breiten Transparent los, doch nicht die Moskauer Straße hinauf, sondern links die Straße der Arbeitereinheit entlang. Ich wühlte mich — nur fort von Schmidtbauer! — quer durch die Menge zum Polizeiwagen, der die Straße zum Marstall sperrte. Neben Blond und Schwarz stand noch ein Dicker. Von ihrem Standort aus hatten sie gerade erst den Schwenk in die Arbeitereinheit bemerkt.
Ich riet ihnen, zum Großen Teich zu fahren, wo der Demonstrationszug nach rechts in die Teichstraße einbiegen würde. Die Teichstraße kennen Sie ja, eine Ruine neben der anderen, das Sinnbild des Verfalls. Die Teichstraße müsse auch von oben her gesperrt werden, sagte ich.
Die drei stimmten mir zu, und der Blonde fragte, ob ich mitfahren wolle.»Ja, bitte, kommen Sie mit«, rief der Dicke und quetschte sich nach hinten, während ich vorn Platz nehmen durfte. Mit Blaulicht bretterten wir durch die Frauengasse. Um am Brückchen abzubiegen, war es bereits zu spät. Erst zwischen Kleinem Teich und Kunstturm kamen wir wieder auf die Arbeitereinheit und rasten mit Tatütata auf die Kreuzung am Großen Teich. Ich versuchte, die drei zu beruhigen. Selbst wenn die Absperrung der Teichstraße von der anderen Seite her zu spät käme, sagte ich, könne der Wagen der Demonstration voranfahren. In Leipzig, belehrte ich sie, habe es nie Probleme gegeben. Der Blonde, der als Fahrer auch den Sprechfunk betätigte, blieb als einziger im Wagen, die anderen beiden sperrten die Kollwitzund die Zwickauer Straße, was Unsinn war, weil beide Straßen die einzige Umgehung für die lahmgelegte Innenstadt bildeten. Ich sagte es dem Blonden. Er nickte, griff nach seiner Mütze und eilte zu den anderen.
In der mittäglichen Sonnabendruhe lehnte ich am Wagen und hörte auf die Sprechchöre.
Und plötzlich lag sie da — eine Pistole. Genauer: ein weißer Ledergürtel mit Halfter und darin die Pistole, direkt vor der Fahrertür. Und genauso plötzlich wußte ich: Die ist für dich! Ich bückte mich, hob den Gürtel auf, nahm die Pistole heraus, schob sie ohne jede Eile in meinen Hosenbund und zog den Pullover darüber. Das leere Halfter beförderte ich mit einem Tritt unters Auto.
Ich glaube, ich habe gelächelt, als erlaubte ich mir einen Scherz. Der Blonde kam, warf sich auf den Fahrersitz und rief irgendeine Bezeichnung in die Funksprechanlage, sah dann zu mir auf und sagte:»Alles balleddi.«
Liebe Nicoletta, ich müßte längst in der Redaktion sein.321 Fortsetzung folgt. Sehr herzlich, wie immer,
Ihr Enrico T.
Montag, 11. 6. 90
Lieber Jo!
Es tut mir so leid, daß Du es auf diese Art und Weise erfahren mußtest. Natürlich hätte ich derjenige sein sollen, der Dir von unserer Trennung erzählt. Ich habe es aber einfach nicht aufs Papier gebracht, als würde der Verlust erst dadurch endgültig, als gäbe ich damit den letzten Rest Hoffnung auf. Ich wollte hier mit Dir darüber reden, es sollte das erste sein, was Du von mir zu hören bekommst. Und dann läufst Du dem neuen Paar in die Arme …322
Jo, mein Lieber, was soll ich sagen?
Letztes Jahr, in den Wochen, in denen ich lebendig beerdigt im Bett lag, mußte ich mit ansehen, wie Michaela an mir irre wurde. Obwohl ich leer und taub war, spürte ich doch mit jeder Faser, wie ihre Liebe zu mir aufgezehrt wurde, jeden Tag ein Stückchen mehr.