Der Baron versprach jedem tausend D-Mark für den Fall —»und wenn ich ›jedem‹ sage, dann meine ich wirklich jede und jeden von Ihnen«—, daß die Stadtplanaktion gelingt. Wir müssen nur die ersten sein!
Evi und Mona wissen nun, daß es auf der ganzen Welt keinen besseren, keinen moderneren, keinen effizienteren Arbeitsplatz in der Werbung gibt als ihren. Vielleicht seien sie überhaupt die ersten in Ostdeutschland, die jetzt schon an einem Apple-Macintosh arbeiten könnten.
Herrn Schorba und Kurt bezeichnete er als das Rückgrat des Unternehmens. Der Vertrieb werde von Woche zu Woche mehr Bedeutung erlangen. Ob ihnen klar sei, daß sich mit ihrer Arbeit Wohl und Wehe eines mittelständischen Betriebes entscheiden werde?
Pringel nannte er das Salz in der Suppe, Frau Schorba das Herz des Unternehmens und Manuela die Diva und den Star der Truppe. Denn ohne sie und ihre Kolleginnen könnten wir noch so gut sein und rackern, wir hätten schlichtweg nichts zu tun. (Er verschwieg, daß ihr Verdienst zu einem ernsthaften Problem wird. Manuela hat ihre Mutter bei sich einquartiert und zieht nun, da sie keine Rücksicht mehr auf ihre Kinder nehmen muß, Tag und Nacht durchs Land; ich fürchte, sie kann bald allein von ihren Verträgen leben.327)
Eine Zeit wie die kommenden Monate und Jahre würden wir alle —»wir alle, wie wir hier sitzen«— so schnell nicht wieder erleben.»Einhundertzwanzigtausend Exemplare!«Das sollten wir uns mal auf der Zunge zergehen lassen. Und das sei erst der Anfang.»Wissen Sie, welch geballte Macht das ist? Vom Völkerschlachtdenkmal bis an den Rand des Erzgebirges, von den Wehrkirchen Geithains bis zu den Pyramiden von Ronneburg — das ist Ihr Gebiet! Das sind Sie!«Sein Blick wanderte unablässig von einem zum anderen.
«Und dann denken Sie einmal daran, daß Sie als einzige gegen die Großen der Branche ankämpfen. Hier, diese Zeitung, Sie, die Sie hier versammelt sind, trotzen den internationalen Konzernen! In einer Nußschale ziehen Sie gegen eine ganze Armada zu Felde. Ob Sie es wollen oder nicht, aber Sie verteidigen damit etwas, was diese Welt lebenswert macht!«
Der Baron hielt die Blicke in seinem Bann wie ein Zauberer. Und wenn doch einmal ein Augenpaar abirrte und sich im Zimmer verlor, dann nur um sich zu vergewissern, daß das alles kein Traum war.
In naher Zukunft wird das Unternehmen wachsen müssen. Wir werden neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen. Doch jeder von uns hat das Glück, von Anfang an dabeizusein, und jeder von uns wird bald eine kleinere oder größere Abteilung leiten. Das ist enorm viel Verantwortung. Denn wenn einer versagt, werden das alle zu spüren bekommen.328 Mich ermahnte er, hart und unnachsichtig gegenüber Schlamperei zu sein und keine Ausnahmen zu dulden, das Steuerrad immer fest in Händen.
Erst als wir aufbrachen, dachte ich wieder an den Alten. Er hat auf den Holzdielen ein paar Blutflecken hinterlassen. Deshalb machte jeder von uns einen großen Schritt, fast so, als läge er noch immer dort.
Sei umarmt
Dein Enrico
Lieber Jo, ich vergaß heute früh, den Brief mitzunehmen. Schon jetzt kann ich Vollzug melden: Die Verhältnisse sind geklärt. Wir hatten einen Termin beim Notar. Ich saß Jörg und Michaela, die den Baron vertritt, gegenüber.
Mit Jörg kann ich ja reden. Wenn nur Marion nicht wäre! So wie sich Dreck immer an derselben Stelle sammelt, finde ich in ihren Augen jeden Morgen neuen Haß. […] Außerdem ist sie zu einem Zwirnsfaden abgemagert. Nur noch der Gürtel hält ihre Hose. Mich behandelt sie wie Luft, wenn ich ihr nicht ausweiche, rempelt sie mich an. Ließe ich mich von ihr provozieren, gäbe es hier täglich ein Handgemenge. Neuerdings behauptet sie, ich schriebe allein deshalb Artikel, um möglichst viel Platz zu blockieren, damit das Wesentliche nicht erscheinen kann. Das Wesentliche sind meine» Umtriebe«, mein schändliches Verhalten. Marion hat sogar eine Theorie entwickelt, der zufolge Journalisten gewählt werden sollten.
Wie schnell sich das Blatt gewendet hat! Nun könnt Ihr ganz beruhigt Euren Umzug nach Altenburg planen.
Sei umarmt, Dein Enrico
[Mittwoch, 20. 6. 90]
Verotschka, ich habe es schon hundertmal probiert, ich erreiche Dich nicht! Wo steckst Du?
Wir müssen uns keine Vorwürfe machen.329 Nicht wegen Michaela. Ich hatte es schon immer geahnt, aber jetzt weiß ich es sicher. Die Sache mit Barrista war kein Zufall. Michaela hat es geplant, kaltblütig geplant.
Nein, ich bilde mir das nicht bloß ein. Es geht um die Fehlgeburt. Es war alles so unwirklich, in der Welt, aus der Welt. Ich hatte es nicht vergessen, natürlich nicht, aber darüber reden?
Heute war ich bei Michaela, ich mußte Barrista sprechen (seine dämliche Rolex-Idee erweist sich als Fluch!), ich dachte, er sei zu Hause. Michaela hörte die Klingel nicht. Ich klopfte gegen die Scheibe meines alten Zimmers. Das ist jetzt ihr» Studio«, ein» Sportstudio«!
Wie sie da vor mir stand, nur in Unterwäsche, völlig verschwitzt, und etwas von» zwei Kilo weniger «erzählte, von» zwei Kilo weniger in vier Tagen!«. Ich mußte mir anschauen, wie sie in roten Turnschuhen auf einem Förderband rannte, Hanteln in den Händen.»Noch fünfhundert Meter«, keuchte sie.
Ich wartete in der Küche. Wie schnell alles fremd wird! Unmengen an Zwieback, Knäckebrot und H-Milch. Die Kühltruhe bemerkte ich erst nicht. Neben ihrem strahlenden Weiß wirkte alles andere schäbig.
Michaela klatschte sich auf den Bauch und sagte, sie ziehe ihn nicht ein, der Speck sei weg, das müsse ich zugeben. Sie sprach von Willenskraft und wieviel man damit erreichen könne, allein mit täglichem Training. Sie redete immer wieder von ihrem Bauch, während sie halbnackt herumhantierte. Und da sagte ich:»Eigentlich traurig, daß dein Bauch so flach ist. «Verotschka, versteh mich nicht falsch, Du und ich, wir hätten ja das Kind nehmen können, ich hätte es gewollt. Zuerst dachte ich, Michaela kapiere die Anspielung nicht oder wolle mich nicht verstehen. Dann aber sah sie mich an und nannte mich einen Träumer und Egoisten und noch einiges mehr. Plötzlich sagte sie:»Du glaubst aber auch alles«— und erschrak über die eigenen Worte. Ich fragte, was sie damit meine. Sie schwieg. So schnell fiel selbst ihr keine Ausrede ein. DU GLAUBST ABER AUCH ALLES!
Damals, im Krankenhaus, hatte ich die Stationsschwester zur Rede gestellt, wie sie denn so etwas dulden könne, so eine Brutalität, eine» Fehlgeburt «zu den» Abbrüchen «zu legen … Lieber auf den Gang! habe ich gesagt, ja, lieber auf den Gang, das wäre menschlicher. Alle haben geschwiegen, auch die Schwester. DU GLAUBST ABER AUCH ALLES!
Ich habe Michaela schwören lassen, daß es wirklich eine Fehlgeburt gewesen ist, und sie hat es auch geschworen. Aber das war Lüge. Lüge und Meineid. Ich hielt es nicht mehr aus, ich bin weg, ohne Abschied.
Das ist alles, Verotschka. Wir hätten es doch genommen, nicht wahr?
Dein Heinrich
Donnerstag, 21. 6. 90
Ach, Nicoletta,
mir scheint, als würden ungeahnte Reichtümer am Ende dieses Monats auf mich, auf uns warten. Alles wird sehr, sehr schön sein müssen! Seien Sie mir nicht böse, daß ich so lange nicht geschrieben habe, hier war so viel zu tun! Am liebsten würde ich fragen: Wie geht es Ihnen? Was machen Sie? Hätten Sie eine Stunde Zeit für mich, wenn ich nach Bamberg komme? Ich würde lieber in der Gegenwart mit Ihnen sprechen, als immer nur von der Vergangenheit schreiben. Aber wie es scheint, habe ich keine Wahl.
Zurück also nach Altenburg und der Pistole unter meinem Pullover.