Während der ganzen Demonstration war ich voll teilnahmsloser Ruhe. Wäre jemandem etwas aufgefallen, hätte ich meine Beute vorgezeigt, als erlaubte ich mir einen Scherz, und die Pistole bei nächster Gelegenheit abgeliefert. Michaela hielt mich untergehakt an ihrer Seite und war ganz davon in Anspruch genommen, Grüße zu erwidern, egal ob sie die Leute kannte oder nicht. Sie flüsterte mir zu, wen von unseren Nachbarn sie gesehen hatte, und machte mich hin und wieder auf jemanden aufmerksam. Manchmal rätselten wir, woher wir sie kannten — eine Verkäuferin, eine Postangestellte, auch Roberts Unterstufenlehrerin lief mit. Ein paarmal begrüßten sich Leute, um dann, nach ein paar Worten, die unerwartete Gemeinsamkeit mit einer Umarmung zu krönen.
Vor der Villa der Staatssicherheit gab es die üblichen Pfeifkonzerte und Sprechchöre. Als auf dem Marktplatz die Sache zu erlahmen drohte, verschaffte sich eine Stimme Gehör, die ans Grölen gewöhnt zu sein schien. Er war auf eine Bank gestiegen und schleuderte von dort seine Haßtiraden in die Menge. Der SED verpaßte er immer üblere Adjektive: verdorben, verhurt, verfickt. Bei jeder betonten Silbe stieß seine Faust gen Himmel. Nach sechs oder sieben Sätzen fiel ihm nichts Neues mehr ein, und er begann von vorn, so daß sich während seiner kurzen Rede eine Art Refrain herausbildete. Vor allem die Forderung, alle, aber wirklich alle diese verfickten Funktionäre in den Tagebau zu schicken, wurde jedesmal bejubelt. Dann aber, als ich glaubte, er werde nun zum Sturm auf das Rathaus aufrufen, ließ er es mit einem» Wir kommen wieder! Wir kommen wieder!«bewenden und stieg von der Bank. Von diesem Revolutionsredner habe ich Ihnen schon mal berichtet. Da bot er mir an, einen Leserbrief gegen die Plastik von Wieland Förster zu schreiben.330
Auf der Rückfahrt war Michaela euphorisch. Zum Triumph aber wurde der Tag, als wir zu Hause den Fernseher anschalteten. Es lief die Übertragung der Berliner Demonstration. Noch nie, sagte Michaela, habe sie mit so gutem Gewissen ferngesehen, denn schließlich hätten wir unseren Beitrag bereits geleistet. Sie rührte sich den ganzen Nachmittag nicht vom Bildschirm und rückte immer näher heran, weil sie hoffte, Thea entdecken zu können.
Mir hingegen war von einem Moment auf den anderen so jämmerlich zumute geworden, daß ich am liebsten losgeheult und alles gebeichtet hätte, in der Hoffnung, Michaela werde sich meiner erbarmen und die Pistole wieder aus meinem Leben entfernen. Ich war davon überzeugt, daß es jeden Augenblick eine Hausdurchsuchung geben würde. Ich machte dem Schicksal ein Angebot, indem ich die Pistole auf meine Liege warf, die Tür angelehnt ließ und in die Küche ging. Tatsächlich rief mich Michaela, doch nur, weil gerade der Salzstangenknacker aus Theas Wohnung sprach. Der gab sich den Anschein großer Nachdenklichkeit und Sorge. Dazu wiegte er seinen schmalen Kopf hin und her, als sollte man ihn sich von allen Seiten einprägen. Ich streckte den Arm aus, zielte über meinen Zeigefinger und ließ meinen aufgestellten Daumen nach vorne kippen —»Paff!«. Michaela lachte.
Ich legte die Pistole in den Schrank auf die Manuskriptmappen und setzte mich zu Michaela. Mein Schwächeanfall schien überstanden. Als die Direktübertragung vorbei war, zeigten alle Sender in Ost und West Ausschnitte der Reden in ihren Nachrichten. Das gab mir Gelegenheit, der Frage nachzugehen, um die allein mein Denken kreiste: Auf wen sollte ich schießen?
Anfangs war mir jeder Redner recht. Dann wählte ich meine Opfer nach Sympathie und Antipathie aus. Schließlich begriff ich die Sinnlosigkeit, die Opposition zur Zielscheibe zu machen. Das beschränkte meine Wahl auf Schabowski und Markus Wolf, wobei ich mich für Wolf entschied, um die Truppen der Staatssicherheit zu mobilisieren. Immer wenn Wolf die Arme mit seinem Zettel sinken ließ, also die Pfiffe und Buhrufe am lautesten waren, drückte ich ab, mal aus der Menge, mal von hinten. Ich kroch fast in den Fernseher, um den besten Standort zu erkunden, und spürte in meinem rechten Handgelenk bereits den Schlag, mit dem der Schuß sich löste und die Waffe hochriß. Mir war klar, wie schwer es sein würde, unerkannt zu entkommen. Und vielleicht hatten sie auch irgendwo Scharfschützen postiert. Von der Polizei war weit und breit nichts zu sehen. Plötzlich wurde mir bewußt: Ich will ja gar nicht unerkannt bleiben! Warum soll ich nicht zu meiner Tat stehen?
Bei der nächsten Wiederholung befinde ich mich bereits auf dem Podium, nur zwei Schritte links hinter Wolf, und rufe, als das Pfeifkonzert seinen Höhepunkt erreicht:»Genosse General!«Wolf blickt herüber, ich ziehe meine Waffe und sage:»Verschwinde!«Ungläubig bis zur Dümmlichkeit ist sein Blick, während er sich herumdreht.»Verschwinde!«rufe ich erneut und deute mit dem Pistolenlauf in Richtung Treppe. Sekundenlang bewegt sich niemand. Dann, in ungeheuerlicher Verkennung der Lage, greift Wolf in seinen Mantel, die Napoleongeste, denke ich. Versteinert starren wir uns an. Wolf wird kleiner und kleiner. Die Bewegung, mit der er seine Pistole herauszieht, wischt wie ein Schatten über meine Augen. Dann bricht der Schuß, und die heiße Patronenhülse hoppelt übers Podium.
Ich sehe die kleine silberne Pistole in Wolfs rechter Hand, deren Lauf schräg nach unten zeigt, und denke noch, um wieviel moderner, leichter und treffsicherer sie sein mag, da schlägt er der Länge nach vor mir hin, seine Pistole schlittert an meinen Schuhspitzen vorbei unter einen Lautsprecher.
Ich nutze die Gelegenheit, um auf die Menge zu sehen, während das Pfeifkonzert abflaut. Unbehelligt verlasse ich das Podium. Lange muß ich gehen, bis ich den ersten Polizeiwagen sehe. Erleichtert und glücklich liefere ich meine Waffe ab, denn ich habe getan, was in meiner Macht stand.
Michaela hatte sich vor dem Fernseher unentwegt Notizen gemacht und an ihrem Redeentwurf für nächsten Sonntag gearbeitet. Im Bett schlief sie sofort ein.
Gegen halb eins stand ich auf, ging in mein Zimmer und setzte mich ans Fußende der Liege. Als gälte es, ein Tier zu wecken und aus seinem Käfig zu holen, scheute ich mich, die Schranktür zu öffnen.
Die Waffe war gut gepflegt und das Magazin voll. All die dazugehörigen Handgriffe stellten sich von allein ein.331 Selbst das Entnehmen der Munition gelang problemlos. Die linke Hand in die Hüfte gestützt, atmete ich ein, hob die Waffe übers Ziel und senkte sie am Fensterrahmen herab, bis die Unterkante des Fensterknaufs genau in jenem Moment auf Kimme und Korn saß, der zwischen Ausatmen und Luftholen liegt und in dem der Finger den Druckpunkt erreicht. Beim ersten Schuß verriß ich beträchtlich. Auch bei den nächsten Versuchen war es der übermäßig harte Druckpunkt, der mir Probleme bereitete und die Waffe aus ihrer idealen Lage trieb. Es würde kaum möglich sein, aus mehr als fünf Metern gezielt zu treffen. Ich trainierte eine Weile, stopfte die Patronen in eine Streichholzschachtel332 und wickelte die Waffe in das Unterhemd, das ich beim Ausziehen über die Stuhllehne geworfen hatte. Mehrmals wusch ich mir die Hände, doch sie rochen immer noch rauchig und nach Waffenöl, als hätte ich bereits das ganze Magazin abgefeuert.
Nach wenigen Stunden Schlaf war ich hochgeschreckt, weil ich, ganz wie einen Monat zuvor in Dresden, glaubte, die Türklingel gehört zu haben. Jede Minute rechnete ich damit, ein Streifenwagen werde vor unserem Haus halten. Kurz nach sieben klingelte es tatsächlich. Michaela ging in Roberts Zimmer. Ich öffnete.
Ruth, Emilie Paulinis Tochter, sah mich reglos und stumm an. Ich bat sie herein.»Sie ist tot, Herr Türmer«, sagte sie.»Jetzt ist sie tot!«
Ich bat sie erneut einzutreten.»Sie hat so darauf gewartet, daß Sie kommen, Herr Türmer, ach, hat sie darauf gewartet. «Ruth machte zwei Schritte in den Vorraum und blieb stehen.
Michaela begrüßte sie gleichermaßen erleichtert und verärgert. Doch Ruth überhörte ihr Beileid und übersah ihre ausgestreckte Hand. Ruths Blick suchte immer nur mich.»Warum sind Sie denn nicht gekommen?«jammerte sie.»Aaah, Herr Türmer! Unser Muttchen hat so auf Sie gewartet.«