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Ich sagte, daß gerade jetzt, in diesem Herbst, so viel los gewesen sei. Wir seien, verteidigte mich Michaela, in den letzten Wochen kaum nach Hause gekommen.»Aaah, Herr Türmer!«rief Ruth.»Warum sind Sie denn nicht mal für ein Stündchen gekommen?! Neeeh!«Wie zur Strafe blieb meine Frage, wann ihre Mutter gestorben sei, unbeantwortet.

«Zur Beerdigung kommen Sie!«befahl Ruth. Sie nannte das Datum, machte kehrt, öffnete die Wohnungstür und ging davon, ohne sich zu verabschieden.

Nach Ruths Auftritt kehrten die Ängste zurück. Den ganzen Tag über verhörte ich mich selbst. So wie man sich an der Vorstellung der eigenen Beerdigung berauscht, ging ich ganz darin auf, detailliert und lückenlos aufzuzählen, was ich vor drei Tagen getan hatte oder wann ich am Abend vor zwei Wochen ins Bett gegangen war.

Dann wieder stand ich als Mörder von Markus Wolf vor Gericht. Panzer waren infolge meiner Tat über den Alex gerollt, in jeder Stadt standen sie jetzt, Seite an Seite mit den Russen, das Kriegsrecht war verhängt worden. Ich sollte in einem Schauprozeß verurteilt werden. Wie Dimitroff333 verteidigte ich mich selbst vor den Augen der Weltöffentlichkeit.

Am Abend fuhr ich ins Theater und versteckte die Pistole in der herrenlos gewordenen Requisite. Die Munition drückte ich in die Erde eines Blumentopfes, der auf dem Schreibtisch einer Kollegin stand.

Am Montag fuhr ich mit Michaela und Robert nach Leipzig. Es sollte meine Generalprobe sein. Aber Uniformierte bekam ich gar nicht mehr zu Gesicht. Die Demonstration löste sich nach dem Marsch um den Ring schnell auf. Man wollte rechtzeitig zurück sein, um sich in der Tagesschau zu sehen.

Am Dienstag wurde ich in die Intendanz gerufen. Dort saßen — ich hatte es erwartet — die beiden Polizisten, Blond und Schwarz. Jonas sagte, er stelle uns nur sein Zimmer zur Verfügung, mehr nicht.

Natürlich war es naheliegend, mich zu verdächtigen.»Warum sollte ich eine Pistole klauen?«wollte ich so amüsiert wie möglich sagen. Ihre Gesichter waren tiefernst, sie wirkten müde. Ihr Gerede von» Sicherheitspartnerschaft «für die Demonstration am 12. konnte nur ein Vorwand sein. Obwohl sich viel mehr freiwillige Ordner gemeldet hatten, als gebraucht wurden, ließen sich ihre Bedenken nicht zerstreuen. Sie gaben Sätze von sich wie:»Davon können wir nicht ausgehen «oder» Die Genossen müssen wissen, was passiert. «Ich schwieg, weil ich keinem harmlosen Gespräch Vorschub leisten wollte, aus dem heraus die eigentliche Frage mich überrumpeln konnte. Schließlich saßen wir ratlos da und blickten stumm auf den leeren Intendantenthron.

Später am Tag geschah etwas, das mich dann doch noch überrumpelte. Meine Gedanken, die unablässig um Tod und Töten kreisten, folgten offenbar einem alten Reflex: Plötzlich lag vor mir eine Idee, die Idee für eine Geschichte, ein Science-fiction-Stoff. In der Gesellschaft, die ich beschreiben wollte, werden Schwerverbrecher lebenslänglich auf einer gutbewachten Insel inhaftiert, der Insel der Sterblichen, auf der es ihnen an nichts mangelt, nicht mal an Vergnügungen. Jedoch, und das ist ihre eigentliche Strafe, sind sie dazu verurteilt, eines» natürlichen Todes «zu sterben. Alle anderen können infolge irgendwelcher genetischen Manipulationen oder Hirnverpflanzung mit einem wenn nicht ewigen, so doch tausend- oder zweitausendjährigen Leben rechnen.

Das Weitere ergab sich von selbst: Ein zur Normal-Sterblichkeit Verurteilter — man hat ihm das Jugend-Gen bereits entnommen, und er altert nun mit jedem Tag — entkommt der Insel der Sterblichen und versetzt die Hauptstadt in Angst und Schrecken. Er gilt als völlig skrupellos, weil er ja nichts mehr zu verlieren hat. Denn ob er jetzt erschossen wird oder in zwanzig oder vierzig Jahren eines natürlichen Todes stirbt, läuft in der Vorstellung der Ewigen auf dasselbe hinaus.

Plötzlich saß ich wieder an meinem Schreibtisch. Ich arbeitete an der Beschreibung, wie die Medien in der täglichen Berichterstattung einen fanatischen Ekel vor der Endlichkeit schüren. Wer kein ewiges Leben mehr hat, so das Fazit, ist a priori skrupellos.

Mein Held spricht über seine Todesangst und das Grauen, das der Gedanke an den Tod in ihm auslöst, weil er den anderen fremd ist. In immer neuen Ansätzen umkreiste ich den Augenblick des Todes, die Untröstlichkeit, wenn man eine Erfahrung allein machen muß.334

Was mich belebte, war auch die Hoffnung, wieder in die Deutsche Bücherei zurückkehren zu dürfen. Ich sah mich bereits die gesamte medizinische Fachliteratur durchpflügen. Waren nicht Körper und Tod die letzten Themen, die mir geblieben waren?

Michaela, die spät von der Hauptprobe kam, war überrascht, mich am Schreibtisch zu finden. Sie lächelte und ging gleich ins Bett.

Am Mittwoch weckte uns Robert frühmorgens. Er stand im Zimmer und rief etwas. Ich sah als erstes Michaelas Waden. Michaela rannte! Und dann hörte ich — viel zu laut — das Radio.

Roberts Stimme, das grelle Lampenlicht, der Wetterbericht — plötzlich schämte ich mich unendlich, der Versuchung zu schreiben nachgegeben zu haben. Jetzt verstand ich, was Robert rief.

Den Fall der Mauer empfand ich als harte, doch gerechte Strafe für meinen Rückfall. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf.

«Jetzt kommt keiner mehr zur Demo«, murrte Michaela. Später glaubte ich, ihre Absätze auf den Fußwegplatten zu hören. Allein gelassen, erlag ich dem Gefühl, persönlich für den Fall der Mauer verantwortlich zu sein, weil ich gezögert hatte, weil ich es nicht fertiggebracht hatte, einfach abzudrücken. Nicht mal in die Nähe einer Tat war ich gekommen. Das also war das 6:3, das unfaßbare fünfte Tor in der zweiten Halbzeit, das Aus, das K. o.

Beinah heiter kehrte Michaela zurück. Sie hatte ihre Mutter aus dem Bett geklingelt und erzählte, wie eigenartig ihr zumute gewesen sei, ES jemandem zu sagen, wie merkwürdig dieser Moment war, da der andere noch ahnungslos in der alten Welt lebe.

Auf der Generalprobe, an die ich sonst keine Erinnerung mehr habe, sagte ich in Anwesenheit von Jonas und Norbert Maria Richter, daß ich von einer Premiere abrate. Jonas stimmte mir zu, stellte es aber Norbert Maria Richter frei, ob er seine Inszenierung zur Aufführung bringe.

Michaela nannte mich daraufhin einen Verräter.»Ich lebe mit einem Verräter zusammen!«Ich suchte wohl Streit, ich wolle wohl nur noch zerstören, alles, alles mutwillig zerstören, Familie, Arbeit, alles.

Michaela und ich sprachen bis zum Sonntag kaum miteinander, und wenn, dann nur über die Demonstration. Ich bat sie, für meine Rede auf dem Markt höchstens zwei Minuten einzuplanen. Sie fragte, worüber ich denn sprechen würde.»Über die Zukunft«, sagte ich, eine Bemerkung, die mir selbst absurd vorkam, weil ich überhaupt keine Zukunft mehr sah.

Zur Demonstration kamen nur halb so viele wie am 4. November. Vor der Villa der Staatssicherheit und der SED-Kreisleitung gab es wieder Katzenmusik, aber niemand blieb stehen. Überall waren Ordner — Michaela hatte die weißen Armbinden verteilt, trug selbst eine und hatte auch Robert und mir eine angetragen. Ich sah den dicken Polizisten vom letzten Sonnabend wieder, Schwarz und Blond jedoch zeigten sich nicht.

Als der Demonstrationszug auf den Markt schwenkte, sah ich vor der Rednertribüne rote Fahnen und DDR-Fahnen in einer Gruppe von hundert oder zweihundert Leuten, fast ausschließlich Frauen. Sie trugen auch alte Transparente und Schilder:»Die DDR — mein Vaterland «oder» Sozialismus und Frieden«.

Ein kleiner Schnauzbart umkreiste den Haufen und rief:»Zusammenbleiben, zusammenbleiben«, obwohl sich niemand von ihnen bewegte. Der rote Haufen wurde umstellt, und ein nicht enden wollendes» Schämt euch was!«ging auf sie nieder. Sie schwenkten ihre Fahnen.

Vom Rednerpult aus bemerkte ich die wütenden, aber auch ängstlichen Blicke dieser Frauen. Eine von ihnen, ganz vorn, hatte ihre Stirn an die Schulter ihrer Nachbarin gelehnt und schluchzte. Ihnen, liebe Nicoletta, mag es merkwürdig erscheinen, wenn ich behaupte, in diesen Frauen zum ersten Mal Menschen begegnet zu sein, die aus freien Stücken für die DDR eintraten.