Er wisse, sagte er, was man über ihn tratschen, wie man über ihn herfallen werde, aber zu bereuen habe er nichts. Wenn er auch nur die geringste Chance sähe, hier noch etwas Sinnvolles zu tun, würde er bleiben. Aber davon könne ja keine Rede mehr sein. Ich nickte. Und dann sagte er, daß die Sluminski vorerst die Geschäfte weiterführen werde, die daraufhin aufsah und sagte, daß ihr dabei jede Unterstützung willkommen sei. Ich nickte wieder.»Oder willst du das machen?«fragte Jonas und grinste wie früher.»Willst du?«Ich schüttelte den Kopf, und dann gaben wir uns wieder die Hand.
Als ich in die Kantine kam, wurde Jonas’ Weggang bereits als Sieg gefeiert. Ich saß abseits wie einer vom alten Regime und war froh, daß man mich in Ruhe ließ.
«Jonas geht«, sagte ich zu Michaela, die nicht im Theater gewesen war. Und weil sie mich ansah, als wolle sie sich keinen Bären aufbinden lassen, fügte ich hinzu:»Das hat er mir selbst gesagt.«
Ich konnte ihr nicht erklären, warum ausgerechnet mir diese Aufmerksamkeit zuteil geworden war. Michaela vermutete dahinter einen Trick von Jonas, irgend etwas ganz Durchtriebenes. Da ich schwieg, fragte sie, ob ich denn tatsächlich so eitel sei zu glauben, ihm sei es um mich persönlich gegangen. Ich zuckte mit den Schultern.»Nein, mein Lieber«, sagte sie,»dahinter stecken Strategie und Taktik. Ist vielleicht jemand kurz ins Zimmer gekommen und hat euch gesehen?«
Ich verneinte, erwähnte nun aber die Sluminski. Bei diesem Namen sprang Michaela auf.»Was hatte denn die dabei zu suchen?«rief sie.
Schon als ich Jonas’ Worte wiederholte, trat Michaelas Stirnader hervor.»Vorerst die Geschäfte weiterführen? Die? Die Parteisekretärin?«
«Als Verwaltungsdirektorin«, sagte ich.
«Und du?«rief sie.»Was hast du getan?«
Ich versuchte mich an meine Worte zu erinnern.»Nichts hast du getan«, rief sie, bevor ich antworten konnte,»nichts, gar nichts!«Michaela sah mich an, ihr Kopf schien zu zittern, sie wollte weiterreden, schwieg jedoch, als wagte sie nicht auszusprechen, was sie dachte, und verließ das Zimmer.
Mir war bereits jenes Empfinden abhanden gekommen, das Michaela in solchem Übermaß besaß. Ich war taub, stumm und gefühllos geworden. Ich spürte die Verletzungen nicht mehr.
Als ich am Ende der Woche nichtsahnend Mutter anrief, war das erste, was sie fragte:»Hast du es gewußt? Hast du?«
«Was?«fragte ich. Und als sie nichts sagte, fragte ich:»Was soll ich gewußt haben?«Statt zu antworten, legte meine Mutter auf.
Ich rief wieder an. Ich wußte, daß sie das nicht überleben würde! Ich hatte keine Hoffnung, aber sie nahm ab.
«Mutter!«rief ich. Wahrscheinlich habe ich niemals so flehentlich geklungen.
«Von wegen Schauspielerei! In einem Stoffladen arbeitet Vera! Eine Verkäuferin! Und du hast es gewußt! Stimmt’s?«
Ich war glücklich, diesen Vorwurf von ihr zu hören.336
«Du wolltest es doch glauben!«rief ich.»Warum hast du dich denn nie gewundert, daß Vera dir keine Kritiken schickt?!«
Sie habe immer gedacht, sagte meine Mutter, die seien von der Staatssicherheit aus den Kuverts genommen worden.
Zum Schluß sagte sie:»Ich verlange nur eins, nicht von meinen Kindern betrogen zu werden. Das hält man doch nicht aus, Enrico, in der eigenen Familie. Wer soll denn das aushalten?«Dann legte sie auf.
Ich ging nach Hause. Auf dem Weg dachte ich zum ersten Mal wieder an Emilie Paulini, die wohl an einem der vergangenen Tage beerdigt worden war.
Ihr
Enrico T.
Donnerstag, 28. 6. 90
Liebe Nicoletta!
Warum, Nicoletta, sind Sie mir so gegenwärtig geblieben, so sehr, daß es mich manchmal erschauern läßt? Wie oft male ich in Gedanken Ihr Porträt, an das ich mich so gut erinnere! Fieberhaft, mit ungesundem Eifer, rufe ich Ihre Gegenwart wach. Mir gelingt das erschreckend gut, und danach, wenn ich mich alleine wiederfinde, erscheint mir meine eigene Gesellschaft unerträglich. Und dann schreibe ich Ihnen.
Zwei Wochen nach Maueröffnung gab es außer uns niemanden mehr, der noch nicht im Westen gewesen war. In Roberts Klasse hatten schon alle» Batman «gesehen. Michaela redete sich jedesmal heraus.»Der Westen läuft uns schon nicht weg«, sagte sie, hier aber gebe es Arbeit in Hülle und Fülle, womit sie Sitzungen meinte, von denen sie beinah täglich eine besuchte oder bei uns zu Hause abhielt. Ihre Idee war es, ein Mitteilungsblatt herauszugeben, das allen Arbeitsgruppen des Neuen Forums Veröffentlichungen ermöglichen sollte. In Michaelas Augen hieß das: Ungerechtigkeiten und Mißstände, wie den Fall Sluminski, publik zu machen, weil es ja sonst keiner tun würde.
Als mir die Chefdramaturgin den Auftrag erteilte, mehrere Kartons mit Textbüchern zum Henschel Verlag nach Berlin zu bringen, willigte ich vor allem deshalb ein, weil ich mir Sorgen um Vera machte. Ich ahnte, was die Maueröffnung für sie bedeutete. Ihre kleinen und großen Lügen würden nun platzen.337
Als ich Robert einlud mitzukommen, umarmte er mich zum ersten Mal. Nun wollte auch Michaela nach Berlin.
Zuvor jedoch sollte meine Selbstbeherrschung auf die Probe gestellt werden.
Im November brauchte man noch einen Stempel, um über die Grenze zu kommen. Robert begleitete mich zu einer provisorischen Polizeistelle, die in dem Flachbau hinter der Kaufhalle eingerichtet worden war (Michaela hatte es abgelehnt, vor diesen Leuten je wieder als Bittstellerin zu erscheinen).
Da alles tot aussah, hatte ich die Tür für verschlossen gehalten und nur an ihr rütteln wollen, sie dabei aber aufgerissen. Es roch nach Mittagessen. Der Raum, den wir durch eine Flügeltür betraten, war dunkel wie eine Kirche. Nur in der Mitte, über den zusammengeschobenen Schreibtischen, hing eine Lampe, unter der sich die Uniformierten nach vorn beugten, als wollten sie ihre Gesichter verbergen. Tresen und Küchentür waren mit übereinandergestellten Tischen und Stühlen verbarrikadiert.
Ich lief einen Halbkreis, weil mir nicht klar war, von welcher Seite ich mich ihnen nähern sollte. Immer hatte ich einen Rücken vor mir, sah in eine Schublade mit Stempeln, Schlüsselbund und Petschaft. Neben einer Aktentasche glänzte eine metallene Brotkapsel, im Papierkorb lagen zwei Apfelgriebse. Im nächsten Augenblick fürchtete ich, in einen Hinterhalt geraten zu sein. Blond erkannte mich nicht oder tat wenigstens so. Er hob den Arm, seine Hand öffnete sich, ich reichte ihm die Ausweise.
Es war, als erinnerte ich mich an einen Traum. In diesem Moment sahen die beiden anderen Uniformierten von ihrem Blatt auf, und im Schein der Lampe stellte ich fest, daß es sich um Schwarz und den Dicken handelte. Das Trio, zu dem ich mich am 4. November ins Auto gesetzt hatte, war also komplett.
Ich dachte nicht ernsthaft an Flucht. Ich sah nur zur Tür, als müßte dort jemand stehen, der uns den Rückweg versperrt. Ich rief Robert heran.
«Sind Sie schon drüben gewesen?«fragte ich und sah Blond dabei zu, wie er das in meinen Ausweis geklebte Leporello338 bis zur letzten Seite durchsah, als interessierte ihn jeder einzelne Stempel der Grenzkontrollen. Blond stempelte dann seinerseits und faltete alles wieder zusammen. Robert sagte später, ich hätte bezahlt und sogar eine Quittung erhalten, aber daran erinnere ich mich nicht. Mit derselben Geste, mit der er die Ausweise in Empfang genommen hatte, gab Blond sie zurück. Meinen Dank überhörte er wie zuvor meine Frage. Ich ging in Richtung Ausgang. Robert hielt sich neben mir.339
Tags darauf lieferten wir die Textbücher in Berlin ab und aßen in der Nähe des Henschel Verlags zu Mittag. Wir waren unsere alte Strecke gefahren, also nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte, nach dem dreispurigen Asphaltstück bei Michendorf in Richtung Westberlin abgezweigt. Berlin, ich meine der Osten der Stadt, war nichts weiter als ein Vorraum, in dem man wartete, bis man hinüber in den großen Saal ging. Ich wunderte mich, warum die Kellnerin und der Mann am Tresen weiter hier im Osten arbeiteten, als stünde die Mauer noch. Nachdem wir gegessen und getrunken hatten, fuhren wir auf der Friedrichstraße dem Checkpoint Charlie entgegen, wie Robert es sich gewünscht hatte. Als wir auf die Kontrolle warteten — vor uns standen nur wenige Autos —, begriff ich zum ersten Mal den Sinn des Wortes» checkpoint«. Tscheckpeuntscharlie waren nur Laute gewesen, ein Klang, die Kaugummiblase, die im Augenblick der größten Stille, wenn das Glockenspiel vom Spasski-Turm340 erklang, vor dem Mund zerplatzte. Ich fragte Robert, ob er wisse, was» checkpoint «bedeute. Er wußte es. Michaela sagte, ich solle nicht den Oberlehrer geben. Ausweis, Blick, Ausweis, danke, ab. Kein Blättern nach dem Stempel, nichts. Michaela glaubte, die eigentliche Kontrolle stehe uns noch bevor. Ich bog nach rechts ab. Ich hatte keine Ahnung, wie ich fahren sollte. Wir wollten nach Westberlin, und jetzt waren wir in Westberlin. Verstehen Sie? Westberlin hieß ankommen, im Westen sein, nicht herumirren.